Ingo von Münch: Gendersprache

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Rezensiert von Gunter Reus

Einzelrezension

In der Leserbriefspalte der ZEIT schrieb Herr E.-B. (85) aus B. im April dieses Jahres zu einem Bericht über alte Menschen: “Ich habe mich nie jünger gefühlt … Und der Political Correctness, dieser verdrießlichen Gouvernante mit der hochgeschlossenen Bluse (sie ist echt alt!), zeige ich die Zunge wie Albert Einstein.”

Da möchte ich (na ja, auch schon 72) den alten weißen Mann sanft in den Arm nehmen und ihm sagen: “Zunge rausstrecken gehört sich nicht, Alter, aber das mit der Gouvernante und der Bluse ist echt gut!” Nehmen wir die neuen Sprachvorschriften der alten Dame. Auch mich nerven beim Lesen die vor meinen Augen irrlichternden Gendersternchen. Auch mich nervt im Radio der Glottisschlag, jener öffentlich-rechtliche Stimmritzenverschlusslaut, bei dem ich den “Sprechenden” am liebsten besorgt auf den Rücken klopfen würde. Auch mich nervt der dauerhaft erigierte pädagogische Zeigefinger, der mich in einem Satz mitunter mehrfach daran erinnern will, wie viele Geschlechter es gibt. Man vergisst es ja auch so schnell.

Dann aber rufe ich mich zur Ordnung. Was mich nervt, muss ja nicht falsch sein. Also mehr Distanz bitte! Sachlich sei der Journalismus, hilfreich und gut. Vielleicht verschafft mir das Buch eines alten weisen Mannes mehr Einsicht in Notwendigkeit und Grenzen der eingeforderten Sprach-Correctness. Die Zunge würde der soignierte, mittlerweile 90-jährige Ingo von Münch wohl nie herausstrecken. Der ehemalige Richter und Rechtswissenschaftler, FDP-Politiker und Kultursenator in Hamburg hat nach Meinungsfreiheit gegen Political Correctness (2017) und Die Krise der Medien (2020) nun ein Werk zur Gendersprache: Kampf oder Krampf? vorgelegt, das frei von Fanatismus “Argumente für und gegen das Gendern” (so der Text auf dem Cover) auflisten will.

Mit einer “Mahnung nach mehr Gelassenheit” (5) beginnt das Büchlein auch. Von Münch unterscheidet gleich zu Anfang nachvollziehbar zwischen “weichem Gendern” (etwa in der Anrede “Besucherinnen und Besucher”) und dem “harten Gendern”, das die Sprache mit Sternchen, Doppelpunkten, Unterstrichen oder Glottisschlägen verändert (6f.). Sehr rasch schießt er sich aber dann auf Letzteres ein, einzig das ist ihm fortan noch “Gendern”, und die versprochene Gelassenheit weicht der Polemik. Der Autor geht in Kampfposition. Eine “Untersuchung” (5), ja eine “Studie” (Covertext) will er eigentlich präsentieren, aber schon die Überschriften der 17 kurzen Kapitel verraten, dass es hier nicht um eine Analyse, nicht um ein wissenschaftliches Abwägen von Argumenten geht: “Das Märchen vom Sprachwandel”, “Erziehung Bevormundung, Druck”, “Hannover an der Leine einer Gutachterin”, “Gendern spaltet”, “Parteipolitische Affinität” – so lauten einige der Headlines zu den Abschnitten dieses Buches.

Dabei leert er mit großem Fleiß seinen in Jahren angefüllten Zettelkasten. Beleg über Beleg für – aus seiner Sicht – unsinniges Gendern stopft er in den Text hinein, Genderkritikerinnen und Genderkritiker ohne Zahl werden in den Zeugenstand gerufen. Das kann man natürlich machen, und der Sammel-Fleiß nötigt dem Rezensenten auch durchaus Bewunderung ab. Viele Fundstellen lassen einen über die Sprachblüten des Genderns in der Tat den Kopf schütteln, wenn etwa von “menstruierenden Personen” statt von Frauen, von “Fahrrädern mit tiefem Einstieg” statt von Damenrädern oder von “G*tt” statt von Gott die Rede ist. Es ist auch sympathisch, wenn Ingo von Münch schreibt, er widme sein Buch “den selbstbewussten, klugen und erfolgreichen Frauen”, die “weder ein großes ‘BinnenI’ noch einen ‘Genderstern’ noch einen ‘Glottisschlag’ nötig haben” (13).

Und doch: Was da aufgerufen und zitiert wird, sind nur – wie man in der Kommunikationswissenschaft sagt – “opportune Zeugen”. Von Münch sammelt bis auf ganz wenige Ausnahmen ausschließlich Stimmen ein, die seine eigene Haltung bestätigen sollen. Und die sind stets “überzeugend” (38), “nachvollziehbar” (39) oder “zutreffend” (41, 61, 63), seine Zeuginnen und Zeugen sind natürlich “renommiert” (38). Keine einzige Gegenposition oder gar wissenschaftliche Studie zugunsten des Genderns wird ernsthaft vorgestellt, eine Auseinandersetzung findet nicht statt. Fast alle ihn stützenden Kommentare stammen aus der Presse, mit Vorliebe aus der konservativen Frankfurter Allgemeinen und der ebenso konservativen Neuen Zürcher Zeitung.

Auch wenn man kein Freund des Genderns ist, muss man es einfach so sagen: Dieses Buch ist keine Untersuchung und schon gar keine (wissenschaftliche) Studie, wie es der Klappentext und die angehängten “Thesen“” suggerieren. Ein emeritierter Hochschullehrer müsste das natürlich wissen. Ingo von Münchs Abhandlung verfolgt ein berechtigtes Anliegen mit zum Teil ärgerlichen und unangebrachten Mitteln. Da verleiht der Autor das “Genderkreuz am Bande” (8). Da zitiert er genüsslich die Ausdrücke “Gendioten” und “Volksverdummung” des ehemaligen ZDF-Moderators Peter Hahne (87), spricht selbst vom “dümmlichen Gendern” (87). Da zitiert er ebenso genüsslich Annalena Baerbocks offensichtlichen Versprecher “Bund der Steuer*innenzahler” in der Sendung von Anne Will (63). Da sieht er die Grünen als Ursprung allen Gender-Übels, als ob es nicht auch gendernde FDP-Anhängerinnen und -Anhänger gäbe. Da streut er mal eben die Sottise ein “Muss Mannheim umbenannt werden?” (35) und fühlt sich beim Vergleich von englischen und deutschen Pluralformen allen Ernstes an die nationalistische Phrase Emanuel Geibels “Am deutschen Wesen soll die Welt genesen” erinnert (51).

Wirklich ein bisschen perfide wird es schließlich, wenn er die in konservativen Medien beliebte Lesart übernimmt (oder zu übernehmen nahelegt), die grüne rheinland-pfälzische Umweltministerien Anne Spiegel sei bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal 2021 mehr am Gendern ihrer Presseerklärung interessiert gewesen als an rascher Hilfe für die Flutopfer (vgl. 63f.). Auch die unterschwellig hergestellte Nähe von Genderbefürwortern (ein generisches Maskulinum sei erlaubt) zur “linksextremen Szene” (65) ist mehr als deplatziert.

Was treibt Ingo von Münch an? Welche Andersdenkenden oder Schwankenden will er so überzeugen? Von der versprochenen Gelassenheit bleibt jedenfalls nicht viel übrig, und eigentlich müsste man jetzt ihn beruhigend in den Arm nehmen.

Links:

Über das BuchIngo von Münch: Gendersprache: Kampf oder Krampf? Berlin [Duncker & Humblot] 2023, 93 Seiten, 19,90 EuroEmpfohlene ZitierweiseIngo von Münch: Gendersprache. von Reus, Gunter in rezensionen:kommunikation:medien, 29. August 2023, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23912
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