Claudia Mast et al.: “Den Mächtigen auf die Finger schauen”

Einzelrezension, Rezensionen
974 Aufrufe

Rezensiert von Silke Fürst

Einzelrezension

Der Lokaljournalismus wurde von der Journalismusforschung in den vergangenen Jahrzehnten eher wenig beachtet (Arnold/Wagner 2018; Hanusch 2015). In den jüngsten Jahren erlebt dieser Forschungsbereich aber eine Blüte (siehe z. B. Gulyas/Baines 2020a: 1; Jenkins 2019; Örnebring et al. 2020). Das hängt mit der wichtigen Funktion des Lokaljournalismus und den gleichzeitigen Herausforderungen der Digitalisierung und des Wettbewerbs um Aufmerksamkeit und Werbeeinnahmen zusammen. Nach wie vor hat der Lokaljournalismus, und besonders die Lokalpresse, nicht nur für viele NutzerInnen eine hohe Bedeutung, sondern auch für das soziale Zusammenleben in Dörfern und Städten sowie für die Informationsvielfalt innerhalb des gesamten Mediensystems (Arnold/Wagner 2018; Gleich/Puffer 2019; Jenkins 2019; Möhring 2019).

Vorliegende Studien zum Lokaljournalismus untersuchen insbesondere die Nachrichtenqualität, redaktionelle Praktiken und Autonomie, journalistisches Rollenselbstverständnis, Finanzierungsmöglichkeiten sowie Nutzungsbedürfnisse und Erwartungen von RezipientInnen (Arnold/Wagner 2018; Costera Meijer/Bijleveld 2016; Gulyas/Baines 2020b; Hanusch 2015; Jenkins 2019; Örnebring et al. 2020). Das Buch “Den Mächtigen auf die Finger schauen”. Zur Zukunft gedruckter Tageszeitungen in der Region verbindet diese Themen und trägt mit seinen Erkenntnissen zum wachsenden Bestand der Forschung zum Lokaljournalismus bei.

Die Publikation basiert auf einer Fallstudie, die im Sommer 2015 durchgeführt wurde als Kooperation zwischen der Pforzheimer Zeitung (PZ) und dem Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim (Stuttgart). Die PZ ist eine im Südwesten Deutschlands verankerte Lokalzeitung, die im Jahr 2015 eine Auflage von ca. 36 000 Exemplaren hatte und rund 40 RedakteurInnen beschäftigte. Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage: Wie lässt sich der Trend sinkender Auflagen von Lokalzeitungen “durchbrechen” oder zumindest “bremsen” (13)? Mit der Identifikation von Ursachen soll die Entwicklung von Maßnahmen möglich werden, die die Zukunft der gedruckten Lokalzeitung sicherstellen. Die Studie verfolgt damit das normative Ziel, Lokalzeitungen wie die PZ zu Erfolg zu verhelfen, das heißt, das publizistische Konzept der gedruckten Zeitung so zu verbessern, dass die ökonomischen Erträge (wieder) gesteigert und die Leser-Blatt-Bindung erhöht werden können.

Der theoretische Teil der Arbeit ist umfassend und gut strukturiert, berücksichtigt allerdings kaum die Erkenntnisse der internationalen Forschung zu Lokaljournalismus sowie Studien zur Nachrichtenqualität aus Publikumsperspektive. Zunächst wird ausgeführt, wie sich die Nutzung der Presse in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat (vgl. 21–41). Berücksichtigt man die Leserzahlen von Print- und Onlineangeboten, so zeigt sich eine insgesamt steigende Aufmerksamkeit des Publikums für die Lokalberichterstattung. Diese zahlt sich jedoch am Ende für die Verlage nicht ausreichend aus, da gedruckte Zeitungen als Zugpferde der Finanzierung des Lokaljournalismus seit mehreren Jahrzehnten einen kontinuierlichen Auflagenrückgang erleben. Insbesondere jüngere Lesergruppen können kaum noch für die gedruckte Zeitung gewonnen werden.

Eine Stärke des Buches ist, dass diese Entwicklungen nicht nur als Folge von Internetverbreitung und Medienwandel dargestellt, sondern auch die “Veränderungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen” (43–58) betrachtet werden. Grundsätzlich überzeugt, dass hier auch gesellschaftliche Veränderungen eine Rolle spielen, wie z. B. Individualisierung, veränderte Familien- und Haushaltsstrukturen, Wandel des Freizeitverhaltens und Politikverdrossenheit. Allerdings finden sich in diesem Kapitel mitunter verallgemeinernde Aussagen, die nicht belegt werden und zudem in Widerspruch stehen zu Ergebnissen der Forschung (vgl. z. B. Reuters Institute 2018; Schultz et al. 2020), wie etwa: “Heutzutage dominiert der Bürger als Konsument, der sich aus individueller Betroffenheit und punktuell mit den öffentlichen Belangen beschäftigt, den klassischen Institutionen mit Distanz bis hin zu Skepsis begegnet und bei Nachrichten ein eklektisches Informationsverhalten an den Tag legt” (53).

In den darauffolgenden Kapiteln wird ausgeführt, “was die Tageszeitung im digitalen Zeitalter ausmacht” (59–73) und welche Rolle “publizistische Leistungen und Lesernähe” (75–86) spielen. Hierbei wird vor allem die Informations-, Orientierungs-, Forums- und Kritikfunktion der Lokalpresse betont, die Bedeutung von Lesernähe, Alltagsbezügen und Publikumspartizipation hervorgehoben sowie die Frage aufgeworfen, wie wichtig das Konzept der Tagesaktualität im Kontext des digitalen Wandels noch ist.

In der empirischen Studie wird die zentrale Problemstellung des Buches, wie die Zukunft der gedruckten Lokalzeitung sichergestellt werden kann (vgl. 13), heruntergebrochen auf die Frage, inwieweit die Wahrnehmungen und Erwartungen von LeserInnen und Nicht-LeserInnen mit der Perspektive der RedakteurInnen übereinstimmen (vgl. 90–95). Dazu wurden zum einen Leitfadengespräche mit 10 RedakteurInnen sowie Verantwortlichen in Redaktion und Verlag der PZ durchgeführt. Zum anderen wurden neun Leitfadeninterviews mit LeserInnen der PZ geführt, auf deren Basis anschließend eine repräsentative Befragung von LeserInnen (n=501) und Nicht-LeserInnen (n=260) der PZ entwickelt wurde. Die Datenanalyse ist überwiegend deskriptiv; eine Regressionsanalyse zur Erklärung von Leserzufriedenheit wird nicht ausreichend dargelegt und tabellarisch ausgewiesen (150–152).

Aus Sicht der RedakteurInnen (97–115) besticht die PZ durch eine starke, sorgfältige und vielfältige Lokalberichterstattung mit originären und exklusiven Geschichten über lokale Themen und Ereignisse, die nützlich, informativ und unterhaltsam seien. Die JournalistInnen verstehen sich insbesondere als neutrale Informationsvermittler und “Themendienstleister” (99) für die Region. Die PZ sei in der Stadt und im Leben der LeserInnen stark verankert und könne Lesernähe und Vielfalt der Berichterstattung weiter verbessern, indem RedakteurInnen noch mehr rausgehen, um vor Ort zu recherchieren und Stimmen einzufangen. Die RedakteurInnen sehen auch eine starke Nähe der Zeitung zu Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft und betrachten dies teilweise als Vorteil, teilweise als Problem.

In den darauffolgenden Ausführungen zur Leserschaft sowie deren Nutzung, Erwartungen und Bewertungen (vgl. 117–153) zeigt sich, dass die gedruckte PZ überwiegend von Frauen und Menschen über 50 Jahren genutzt und von vielen LeserInnen täglich zur Hand genommen wird. Das Online-Angebot der PZ wird dagegen in 2015 noch kaum genutzt. Die Leserschaft schätzt insgesamt die lokale Orientierung, die Qualität der Berichte und die Gewichtung der Themen, wünscht sich aber noch mehr lokale Geschichten und Informationen sowie eine Stärkung von unabhängiger und kritischer Berichterstattung. Bezüglich der Operationalisierung überrascht in diesem Kapitel, dass keine bewährten Messungen aus der Forschung zu Publikumserwartungen und wahrgenommener Nachrichtenqualität übernommen wurden (vgl. z. B. Costera Meijer/Bijleveld 2016; Heise et al. 2014; Neuberger 2014; van der Wurff/Schoenbach 2014).

Die Befragung der Nicht-LeserInnen zeigt: Die PZ ist bei diesen “sehr bekannt und hat ein überwiegend positives Image als Zeitung für den lokalen Raum und die Region” (176). Zudem können sich einige Befragte vorstellen, die PZ zukünftig zu lesen, sodass Potenzial zum Ausbau oder zur Stabilisierung der Leserschaft besteht. Angesichts der Fragestellung, wie der Trend sinkender Auflagen von Lokalzeitungen durchbrochen werden kann (vgl. 13), wäre es allerdings interessant gewesen, diejenigen Menschen zu befragen, die die PZ abbestellt haben oder nicht mehr kaufen (siehe etwa Haller 2014: 130). Eine solche Erhebung könnte auch aktuell nachgelegt werden. In den fünf Jahren seit Durchführung der Studie ist die Auflage der PZ weiter zurückgegangen, von ca. 36.000 Exemplaren in 2015 zu ca. 31.000 Exemplaren in 2020 (siehe https://tinyurl.com/PZ-Auflage).

Das Buch wird abgerundet durch Reflexionen von Thomas Satinsky (vgl. 181–192), geschäftsführender Verleger der PZ, und Magnus Schlecht, PZ-Chefredakteur (vgl. 193–202). Demnach habe die Studie insbesondere Impulse gegeben, die kritische Berichterstattung der PZ auszubauen, die lokale Perspektive in der gesamten Berichterstattung zu stärken, mehr Vereinsgeschehen abzubilden und mehr Partizipation der LeserInnen zu ermöglichen, die Online-Kanäle effektiver einzusetzen und crossmediales Arbeiten zu verstärken.

Den AutorInnen ist insgesamt ein Buch gelungen, das Akteure aus Journalismus, Medienunternehmen und Medienpolitik über Bedeutung, Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten der Lokalpresse informieren kann. Es bereichert auch die Forschung zu Lokaljournalismus und Publikumserwartungen. Dieser Beitrag hätte allerdings durch eine stärkere Berücksichtigung der existierenden (internationalen) Forschung und komplexere Datenanalysen größer ausfallen können.

Literatur:

  • Arnold, Klaus; Wagner, Anna-Lena (2018): Die Leistungen des Lokaljournalismus. Eine empirische Studie zur Qualität der Lokalberichterstattung in Zeitungen und Onlineangeboten. In: Publizistik, 63 (2), 177–206.
  • Costera Meijer, Irene; Bijleveld, Hildebrand P. (2016): Valuable journalism: Measuring news quality from a user’s perspective. In: Journalism Studies, 17 (7), 827–839.
  • Gleich, Uli; Puffer, Hanna (2019): Soziale und gesellschaftspolitische Funktionen regionaler Berichterstattung. In: Media Perspektiven, 1/2019, 5–10.
  • Gulyas, Agnes; Baines, David (2020a): Introduction: Demarcating the field of local media and journalism. In: Gulyas, Agnes/Baines, David (Hg.): The Routledge companion to local media and journalism. Abingdon: Routledge, 1–21.
  • Gulyas, Agnes; Baines, David (Hg.) (2020b): The Routledge companion to local media and journalism, Abingdon: Routledge.
  • Haller, Michael (2014): Brauchen wir Zeitungen? Zehn Gründe, warum die Zeitungen untergehen. Und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann. Köln: Herbert von Halem.
  • Hanusch, Folker (2015): A different breed altogether? Distinctions between local and metropolitan journalism cultures. In: Journalism Studies, 16 (6), 816–833.
  • Heise, Nele; Loosen, Wiebke; Reimer, Julius; Schmidt, Jan-Hinrik (2014): Including the audience: Comparing the attitudes and expectations of journalists and users towards participation in German TV news journalism. In: Journalism Studies, 15 (4), 411–430.
  • Jenkins, Joy (2019): Journalism from the peripheries: From the Swiss-Italian media system to other local dimensions. ECREA 2018 special panel report. In: Studies in Communication Sciences (SComS), 19 (2), 227–232.
  • Möhring, Wiebke (2019): Das Alltägliche vor Ort. Die Bedeutung des Lokaljournalismus in der digitalen Medienwelt. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2 (1), 57–64.
  • Neuberger, Christoph (2014): The journalistic quality of Internet formats and services: Results of a user survey. In: Digital Journalism, 2 (3), 419–433.
  • Örnebring, Henrik; Kingsepp, Eva/Möller, Cecilia (2020): Journalism in small towns: A special issue of Journalism: Theory, Practice, Criticism. In: Journalism, 21 (4), 447–452.
  • Reuters Institute (2018): Digital News Report 2018, https://www.digitalnewsreport.org/survey/2018/overview-key-findings-2018/.
  • Schultz, Tanjev; Ziegele, Marc; Jakobs, Ilka; Jackob, Nikolaus; Quiring, Oliver; Schemer, Christian (2020): Medienzynismus weiterhin verbreitet, aber mehr Menschen widersprechen. Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen 2019. In: Media Perspektiven, 6/2020, 322–330.
  • van der Wurff, Richard; Schoenbach, Klaus (2014): Civic and citizen demands of news media and journalists: What does the audience expect from good journalism? In: Journalism & Mass Communication Quarterly, 91 (3), 433–451.

Links:

Über das BuchClaudia Mast, Georg Spachmann, Katharina Georg: "Den Mächtigen auf die Finger schauen". Zur Zukunft gedruckter Tageszeitungen in der Region. Baden-Baden [Nomos] 2019, 224 Seiten, 44,- EuroEmpfohlene ZitierweiseClaudia Mast et al.: “Den Mächtigen auf die Finger schauen”. von Fürst, Silke in rezensionen:kommunikation:medien, 13. April 2021, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/22758
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Verwandte Rezensionen
Rezensent/in
Silke Fürst ist Forschungsassistentin am IKMZ der Universität Zürich und Doktorandin am DCM der Universität Freiburg, Schweiz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Journalismusforschung, Diskurse über Medienpublika, Wissenschafts- und Hochschulkommunikation, Medienethik und Mediengeschichte. Von 2014 bis 2021 war sie Co-Sprecherin der SGKM-Fachgruppe Journalismusforschung, seit 2021 ist sie Co-Editorin der Open-Access-Zeitschrift Studies in Communication Sciences (SComS).