Joseph Vogl, Burkhardt Wolf (Hrsg.): Handbuch Literatur & Ökonomie

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Rezensiert von Jonas Nesselhauf

Die verheerende Wirtschaftskrise von 2007/8 (nach dem Zusammenbruch des US-amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkts) hatte nicht nur globale Auswirkungen. Sie führte beispielsweise in Europa zu einer dramatischen Staatsschuldenkrise, wovon zunächst besonders die südlichen Länder, schließlich aber die gesamteuropäische Währungsunion betroffen waren. Auch auf einem anderen Feld machte sich der Crash bemerkbar: Denn in den darauf folgenden Jahren erschienen zahlreiche Romane und Erzählungen, Filme und Fernsehserien, die sich mit der ökonomischen Krise und ihren sozialen Folgen beschäftigten – mit der Gier der Spekulanten ebenso wie mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Bankrott und Arbeitslosigkeit, aber auch mit den komplexen Prozessen und Verflechtungen des ökonomischen Systems allgemein (etwa in John Lanchesters Roman Capital oder Adam McKays Film The Big Short).

Und so lässt sich tatsächlich in den vergangenen Jahren auch ganz generell in den deutschsprachigen Kultur- und Medienwissenschaften ein verstärktes Forschungsinteresse an und Bewusstsein für die Ähnlichkeiten zwischen Ökonomie und Medialität feststellen: So wird in zahlreichen literaturwissenschaftlichen Einzelstudien den Narrativen und Figuren, den Bildern und Symbolen des ‘Ökonomischen’ in rezenten Werken nachgegangen, oder Relektüren kanonischer ‘Klassiker’ untersuchen Analogien zwischen Geld und Sprache, Wirtschaft und Erzählen. Auch die Sprach- und Kommunikationswissenschaften verzeichnen in den letzten Jahren verstärkte Auseinandersetzungen in Publikationen und Forschungsprojekten, die sich mittels Korpusanalysen oder Untersuchungen zum ‘Framing’ an den Folgen des Crashs abarbeiten.

Diese inzwischen (fachlich und thematisch) breit gefächerten Perspektiven zu bündeln, ist Aufgabe eines wissenschaftlichen Handbuchs – und wird mit dem umfassenden Handbuch Literatur & Ökonomie nun von Joseph Vogl und Burkhardt Wolf unter Mitarbeit von Alexander Mionskowski exzellent umgesetzt. Die gut 800 Seiten teilen sich dabei in drei übergreifende Sektionen auf: So bringen die “Theorien und Methoden” zunächst sechs zentrale Forschungsansätze (Marxismus und Kritische Theorie, Literatursoziologie, New Economic Criticism, Semiotik und Dekonstruktion, Medientheorie und Mediengeschichte, Diskursanalyse und Wissenspoetik) zusammen: Mit einem starken Modernebezug wird anhand einflussreicher Denkmodelle das Untersuchungsfeld zwischen den Schnittstellen von Kultur, Ökonomie und Medien auf immerhin gut 90 Seiten abgesteckt. Dieser programmatische Auftakt deutet nicht nur die inhaltliche und methodische Breite der kulturökonomischen Forschungsfelder an, die sich vor allem im 19. und 20. Jahrhundert herausgebildet haben, sondern zeigt ebenso die fruchtbare Nähe zwischen Ökonomie und Medialität auf – sei es mit dem Schauplatz des Literaturmarktes, mit den Bourdieu’schen Kapitalsorten oder mit dem systemtheoretischen Verständnis von Geld als einem Kommunikationsmedium.

Die zweite Sektion der “Leitkonzepte” besteht aus 72 bündigen Artikeln, deren Themen von Arbeit/Arbeitslosigkeit über Bankrott, Geiz, Krise, Prostitution und Umwelt/Ökologie bis hin zu Werbung und Zirkulation/Kreislauf reichen. Einzelne Lemmata mögen dabei zunächst überraschend wirken, doch besticht die thematische Breite (trotz einiger Überschneidungen und Wiederholungen) mit den Verknüpfungen zwischen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte auf der einen, und konkreten literarischen Fallbeispielen auf der anderen Seite. Dabei ist es gerade die unterschiedliche Schwerpunktsetzung der kurzen Einträge, die Lesenden anregende Impulse zur Entwicklung eines literarischen Motivs (etwa Müll/Abfall) oder einer literarischen Figur (bspw. zum Bettelnden als Pikarofigur im 17. Jahrhundert) mitgibt: Mal sind die Artikel eher thematologisch (so etwa der lesenswerte Überblick zur “Sklaverei”), mal stärker kulturtheoretisch (so im Artikel zum Parasitären) ausgerichtet, und nicht selten laufen Beiträge den offensichtlichen Erwartungen entgegen und eröffnen so neue Perspektive (so kommt der Eintrag zum “Heiratsmarkt” etwa ganz ohne Jane Austen und den “marriage plot” als erwartbare ‘Klassiker’ aus).

Abschließend spannen 21 “exemplarische Analysen” einen Bogen über unterschiedliche Gattungen und Genres, Epochen und Strömungen, fokussieren sich dennoch teils aber auch hier wieder auf Themen. So sinnvoll ausgewählt die gründlichen Einzelstudien etwa Utopische Ökonomien der Neuzeit, Ökonomische Komödien oder die Angestelltenliteratur der Neuen Sachlichkeit beleuchten, so offensichtlich fallen allerdings auch die zwangsläufigen Fehlstellen (etwa zu ökonomischen Schreibverfahren in der Lyrik oder zu außereuropäischen Literaturen) ins Auge.

Dies soll jedoch den Verdienst dieses Mammutprojekts nicht schmälern, das ebenso durch die breite Anlage wie die umsichtige Zusammenstellung der Artikel in Gänze überzeugt: Mehr als sechs Dutzend kundige und einschlägig ausgewiesene Beitragende stellen theoretische Ansätze und kulturökonomische Konzepte vor und wenden diese auf literarische Texte an. Die (fast durchgängig gesetzten) Verweise zwischen Artikeln innerhalb des Handbuchs sind dabei ebenso hilfreich wie das abschließende Personen- und Sachregister und machen das Buch damit zu einem unverzichtbaren Standardwerk.

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Rezensent/in
Jonas Nesselhauf, Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte; Promotion mit einer komparatistischen Arbeit zur Figur des Kriegsheimkehrers in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Er lehrt und forscht an der Universität des Saarlandes im Bereich der Medienkomparatistik.