Jens Radü: New Digital Storytelling

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Wibke Weber

Einzelrezension

Über digitales Storytelling wurde bereits viel geschrieben, in wissenschaftlichen Artikeln wie in Praxishandbüchern; und im Journalismus haben sich Multimedia-Geschichten längst etabliert. Als Best-Practice-Beispiel und Prototyp fürs multimediale Erzählen wird immer wieder die Multimedia-Reportage Snow Fall (New York Times 2012) zitiert. Warum also noch ein Buch zu diesem Thema? Weil bis jetzt nur wenige empirisch-fundierte Studien zur Qualität von Multimedia-Geschichten vorliegen und eine wichtige, vor allem praxisrelevante Frage noch unbeantwortet ist: Was macht eine gute Multimedia-Geschichte aus? Das ist die eine Leitfrage im vorliegenden Werk. Die andere: “Stimmen die Überzeugungen und Maßgaben der Produzenten mit den Erwartungen und Ansprüchen des Publikums überein?” (26).

Antwort darauf gibt New Digital Storytelling, das zugleich als Dissertationsschrift (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) verfasst wurde. Der Autor Jens Radü geht dabei fokussiert, pragmatisch und systematisch vor. Fokussiert, da er gezielt nach der spezifischen Qualität von Multimedia-Geschichten fragt. Pragmatisch, da er Begriffe wie Multimedia und Storytelling, die definitorisch viel Spielraum lassen, aus einer eher praxisorientierten Perspektive angeht und sich nicht im wissenschaftlichen Diskurs verliert; Multimedia-Geschichten sind danach journalistische Erzählungen aus einer Kombination von Texten, Fotos, Videos, Grafiken und Tönen, eben “Geschichten, die von Journalisten auf der Höhe ihrer Zeit erzählt werden” (31). Systematisch, da in drei empirischen Studien die Qualitätskriterien von Multimedia-Geschichten untersucht werden, und zwar nicht nur produktseitig, sondern – und das ist die Stärke dieses Werks – auch produktions- und rezeptionsseitig. Damit deckt Radü alle drei Ebenen der visuellen Kommunikationsforschung ab.

Das Werk gliedert sich in fünf Hauptkapitel. Zu Beginn setzt sich Radü mit dem Forschungsgegenstand, dessen historischem Kontext und spezifischen Qualitätsmerkmalen auseinander und fasst zusammen, was bisher zur Qualität von Multimedia-Geschichten erforscht wurde. Am Ende von Kapitel 1 steht ein aus der Forschungsliteratur abgeleitetes Kriterienraster (vgl. 85), das anschliessend im empirischen Teil der Arbeit (Kapitel 2 bis 4) überprüft und ergänzt wird. Der empirische Teil umfasst drei Studien:

(1) Neun Multimedia-Geschichten werden auf ihre Nutzungsdaten hin ausgewertet. Das aus der Literatur deduktiv entstandene Kriterienraster wird um weitere, induktiv gewonnene Kriterien ergänzt und es entsteht ein vorläufiger “Kanon von Qualitätsaspekten” (86).

(2) In einem Experiment mit 153 Teilnehmenden werden drei Varianten einer Multimedia-Geschichte getestet, um die Relevanz der bisher vorhandenen Qualitätskriterien zu beurteilen.

(3) In Leitfaden-Interviews werden 13 Multimedia-Journalisten aus deutschen Verlagen, öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und freien Produktionsbüros zum ermittelten Kanon von Qualitätskriterien befragt. Das Forschungsdesign ist eine Kombination aus quantitativem und qualitativem Vorgehen, um so aus unterschiedlicher Perspektive einen Kanon von Qualitätskriterien zu ermitteln, zu hinterfragen, zu korrigieren und zu präzisieren (Kapitel 5).

Welche Kriterien eignen sich nun, um die Qualität von Multimedia-Geschichten zu bestimmen? Das Ergebnis überrascht nicht. Qualitätskriterien aus der Forschungsliteratur, wie beispielsweise Multimedialität, Emotionalität, Dramaturgie oder Usability, werden im empirischen Teil der Arbeit bestätigt und in Radüs Kanon übernommen, allerdings ergänzt um weitere Kriterien wie Immersivität, Rhythmus und Transitivität/Übergänge (vgl. 251-252). Es sind Kriterien, wie man sie auch vom klassischen Geschichtenerzählen kennt. Auch das überrascht wenig.

Das Fazit, das Radü zieht, fällt recht knapp aus und ist mehr ein Plädoyer für guten Multimedia-Journalismus als eine kritische Diskussion des ermittelten Kanons. Der Kanon selbst, der ja zentrales Ergebnis der Arbeit ist, hätte visuell stärker herausgestellt werden können; so kommt er recht bescheiden daher und geht im Fliesstext fast unter. Mehr “Multimedia” hätte hier gutgetan und man fragt sich, warum in einer Arbeit über multimediales Erzählen das Qualitätskriterium Visualität so schwach ausgeprägt ist. Screenshots von den Multimedia-Geschichten oder den verschiedenen Gestaltungsvarianten hätten den empirischen Teil anschaulich illustriert.

Hohe Qualität zeichnet dagegen den Text aus. Man merkt, dass Jens Radü, Journalist und Chef vom Dienst Multimedia beim SPIEGEL, sein Handwerk versteht. Trotz der Komplexität des Themas liest sich das Werk angenehm leicht, mehr an einen Essay als eine wissenschaftliche Arbeit erinnernd. Wenn Radü schreibt, dass es sein Ziel war, einen Beitrag zu leisten, “die spezifische Qualität von Multimedia-Geschichten fassbarer zu machen, die mitunter luftigen Diskussionen mit Empirie zu erden” (256), so ist ihm dies gelungen. New Digital Storytelling leistet einen wesentlichen Beitrag zu dem noch relativ jungen Forschungsfeld des multimedialen Erzählens im Journalismus, weil es das Thema Qualität von Multimedia-Geschichten multiperspektivisch beleuchtet. Gleichwohl stellt das Ergebnis nur eine Momentaufnahme, einen “Zwischenschritt” dar, wie Radü selbst einräumt. “Die Diskussion muss am besten im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis, Medienforschern und Journalisten, Instituten und Redaktionen weitergehen” (256). Dieser Dialog wird umso dringlicher angesichts neuer Technologien wie Künstliche Intelligenz, die aktuell den Journalismus erobern. Die Frage nach der Qualität von algorithmisch basierten Storys wartet noch auf ihre Antwort.

Links:

Über das BuchJens Radü: New Digital Storytelling. Anspruch, Nutzung und Qualität von Multimedia-Geschichten. Reihe: Aktuell. Studien zum Journalismus, Bd. 17. Baden-Baden [Nomos] 2019, 281 Seiten, 54,- Euro.Empfohlene ZitierweiseJens Radü: New Digital Storytelling. von Weber, Wibke in rezensionen:kommunikation:medien, 1. Februar 2021, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/22571
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Rezensent/in
Dr. Wibke Weber ist Professorin am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Sie lehrt und forscht zu: Digital Storytelling, Bildsemiotik, Datenvisualisierungen und Datenjournalismus, Comics Journalism, Augmented/Virtual Reality, Medienkonvergenz, Multimodalität und Informationsdesign.