Klaus Sachs-Hombach, Bernd Zywietz (Hrsg.): Fake News, Hashtags & Social Bots

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Guido Keel

Einzelrezension
Im Sammelband Fake News, Hashtags & Social Bots nehmen sich neun Autoren dem Phänomen von strategischen Falschmeldungen, oder eben Fake News, zur politischen Propaganda auf Social Media vor. Das Buch ist das Ergebnis einer Tagung mit dem gleichen Titel am Institut für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Die Autorenschaft ist aber vielfältiger, als man es bei einer Fachkonferenz erwarten würde: Neben Medien- und Kommunikationswissenschaftlern trugen auch Mitarbeitende eines Instituts für Ethnologie und Afrikastudien sowie eines Lehrstuhls für praktische Philosophie zum Buch bei, zudem eine Marketing Managerin, ein Motion Designer und ein Digital Transformation Strategist aus der Privatwirtschaft. Entsprechend vielfältig sind die Zugänge zum Thema.

Alexander Fischer widmet sich im ersten Beitrag der ethischen Dimension von Manipulation, die er als Handlungskonzept der Propaganda sieht. Weiter untersucht er die Bedeutung von Manipulation im Populismus, welcher als “manipuliative Kommunikationsstrategie” (29ff.) verstanden wird. Der Autor distanziert sich zunächst vom alltagssprachlichen Verständnis von Manipulation als etwas, was zum Nachteil des Manipulierten eingesetzt wird, und definiert Manipulation stattdessen wertfrei als “eine Form der Einflussnahme, die sich dadurch auszeichnet, dass der Manipulator jemanden eine Wahl treffen lässt, die dem Manipulierten trotz der zugrundeliegenden Manipulation dennoch als freie Wahl erscheint” (26).

So verstanden, kann beispielsweise auch das Nudging als Form der Manipulation verstanden werden, bei dem ein Individuum motiviert wird, aufgrund einer wahrgenommenen – weil vom Manipulator so gesteuerten – Wünschbarkeit einer bestimmten Option eine gesellschaftlich erwünschte Handlung auszuführen. Ausgehend von diesem Verständnis fragt sich der Autor dann, worin das ethische Fundament von kommunikativer Manipulation zu sehen ist, und illustriert seine Gedanken dazu, indem er eine Rede von Donald Trump mit einer Rede von Barack Obama vergleicht.

Fischer sieht den Respekt als entscheidendes Element für die ethische Bewertung von Manipulation. Diesen Respekt operationalisiert er in dreifacher Weise: Erstens soll bei “respektvoller Manipulation” die psychische Integrität des Manipulierten respektiert werden. Das manipulierte Individuum muss weiterhin in der Lage sein, sich selbstbestimmt weiterzuentwickeln, es muss fähig bleiben, eigene Überzeugungen zu reflektieren und zu korrigieren. Fischer unterstellt Trump, dass dieser mit seiner “Perforierung von Wahrheit” (46) und seinem beständigen Beitrag zur Verrohung des Diskurses die freie Selbstwahrnehmung Einzelner bedroht.

Zweitens darf ethische Manipulation nicht zur Entscheidung zwingen, sondern eine solche höchstens nahelegen. Fischer sieht in diesem Zusammenhang das für den Populismus typische Schüren von Angst, welche die Manipulierten frustriert und lähmt, als problematisch. Drittens soll eine verantwortungsvolle Form der Manipulation einen legitimen Zweck verfolgen, wobei sich die Legitimität aus der Beachtung der Bedürfnisse des Manipulierten auf ein gutes Leben ergibt. Diesbezüglich sieht Fleischer die Praxis von Trump, dezidiert Feindbilder zu schaffen und zu denunzieren im Widerspruch auch zu diesem Aspekt einer respektvollen und damit ethischen Form der Manipulation. Auch wenn der Autor seine Überlegungen anhand der Reden von Trump und Obama anschaulich illustriert, richtet sich der Beitrag klar an ein Fachpublikum, das philosophischen Gedankengängen und Verweisen zu folgen vermag.

Der nächste Beitrag scheint da eher geeignet, ein breiteres Publikum anzusprechen. Obwohl – wie alle Beiträge im Buch – auf wissenschaftliche Quellen gestützt, erklären die beiden Autoren Robin Graber und Thomas Lindemann auf sehr verständliche Weise, was Social Bots sind, und weshalb sie als Mittel der Propaganda funktionieren. Zwar enden sie mit der in diesem Zusammenhang oft gelesenen Feststellung, dass ein bewusster Umgang mit Medien, insbesondere mit Social Media, angesagt ist, um die Propaganda-Wirkung von Social Bots zu stoppen. Mit ihrer Beschreibung der Logik und Wirkungsweisen eben dieser Bots leisten sie aber auch einen Beitrag für ein besseres Verständnis dieses Phänomens.

Die verbleibenden drei Beiträge befassen sich dann alle mit Fake News, aus jeweils unterschiedlicher Perspektive. Zunächst liefern Claudia Eva Schmid, Lennart Stock und Svenja Walter einen Blick auf die historische und begriffliche Dimension von Fake News, angefangen im 19. Jahrhundert über das satirische Verständnis von Fake News, die unpolitischen Fake News zu Werbezwecken und schließlich die Fake News als Mittel der politischen Kommunikation.

Letztere untersuchen sie dann im Hinblick auf Rezeption und Wirkungsweise anhand des US-Wahlkampfs 2016 und der Relevanz für den politischen Diskurs in Deutschland. Abschließend diskutieren auch die Autoren in diesem Beitrag, wie den negativen Folgen von Fake News entgegengetreten werden kann, und enden – nach der Diskussion einer Reihe von Optionen – bei der bereits angesprochenen Erkenntnis, dass “Aufklärungsarbeit nötig” (89) sei, damit Rezipienten Fake News erkennen. Insgesamt liefert der Beitrag so eine gute Übersicht und trägt kompakt und übersichtlich zusammen, was man zum Thema auch andernorts schon lesen konnte.

Der Zugang von Bernd Zywietz zum Thema Fake News unterscheidet sich vom vorangegangenen Beitrag insofern, dass er Fake News als kulturelles Phänomen untersucht, das nicht nur Mittel der strategischen politischen Kommunikation, sondern als kulturelle Praxis zur Gemeinschaftsbildung und sozialen Vernetzung gleichzeitig auch Ausdruck eines postmodernen Verbindlichkeitsverlusts in der öffentlichen Kommunikation ist (vgl. 116). Als Konsequenz kommt er bei der Bewertung und Bekämpfung von Falschnachrichten zu einem ambivalenten Schluss, den er entsprechend betitelt mit “Was (nicht) gegen Fake-News zu tun ist” (122). Mit diesem differenzierten kultursoziologischen Blick auf das Phänomen erweitert der Autor die Perspektiven rund um den Kampfbegriff Fake News.

Zum Abschluss des Sammelbands geht die Autorin Lena Frischlich auf die Wirkungsweise von politischer Propaganda ein. Dabei unterscheidet sie in Bezug auf Voraussetzungen, Zielgrößen und Wirkungen zwischen der gesellschaftlichen Makro-Ebene, der gruppenspezifischen Meso-Ebene und der individuellen Mikroebene. Der Beitrag bietet so eine hilfreiche Struktur, um die verschiedenen Voraussetzungen und v. a. Wirkungen von Propaganda einzuordnen und so besser zu verstehen. Die Autorin liefert dazu anschauliche Beispiele, der Wert des Beitrags liegt aber vor allem in der Systematik und Übersichtlichkeit, welche die Autorin liefert.

Insgesamt liefert der Sammelband ein Verständnis von Natur und Wirkungsweise von politischer Propaganda und Fake News anhand von fünf Beiträgen, die sich aus jeweils unterschiedlicher Perspektive einem anderen Aspekt des Themas annehmen. Zu empfehlen ist das Buch je nach Beitrag ganz verschiedenen Leserinnen und Lesern. So bieten die eher als Übersichtsartikel gehaltenen Beiträge auch einem Laienpublikum oder Studierenden einen systematischen und immer bestens mit wissenschaftlichen Verweisen ausgestatteten Überblick, während der philosophische und der kulturwissenschaftlich-/linguistische Beitrag eher für ein Fachpublikum geeignet erscheint.

Über Fake News wurde und wird viel publiziert, in alltäglichen und in wissenschaftlichen Kontexten. Der vorgestellte Sammelband trägt auf fundierte und vielfältige Weise zu diesem Diskurs bei, nicht indem er Vollständigkeit anstrebt, sondern mit ausgewählten Sichtweisen bestimmten Fragestellungen auf den Grund geht.

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Über das BuchKlaus Sachs-Hombach, Bernd Zywietz (Hrsg.): Fake News, Hashtags & Social Bots. Neue Methoden populistischer Propaganda. Reihe: Aktivismus und Propagandaforschung, Bd. 1. Wiesbaden [Springer VS] 2018, 170 Seiten, 29,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseKlaus Sachs-Hombach, Bernd Zywietz (Hrsg.): Fake News, Hashtags & Social Bots. von Keel, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 13. August 2019, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21901
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Prof. Dr. Guido Keel ist Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Zu seinen Schwerpunkten in der Forschung gehören Qualität im Journalismus, Wandel im Journalismus und Journalismus in nicht-europäischen Kontexten.