Andreas Sudmann: Serielle Überbietung

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Jonas Nesselhauf

Einzelrezension
Der Fernsehmarkt ist gerade in den vergangenen Jahren so stark wie wohl niemals zuvor zu einem Schauplatz des kapitalistischen Wettbewerbs geworden. Zwar existierte mit dem sogenannten Nielsen-Rating schon quasi mit dem Aufstieg des Fernsehens zum Massenmedium in den USA der Nachkriegsjahre ein ebenso gefürchtetes wie täglich befragtes Instrument zur Messung der Einschaltquote und damit zur Bewertung der Werbeplätze. Doch dieser Wettbewerb um die Gunst der Zuschauer hat sich gerade im letzten Jahrzehnt nochmals verschärft – sei es beispielsweise, weil die etablierten Sender mit Streaming-Portalen wie Netflix oder Amazon Prime einen neuen und mächtigen Konkurrenten bekommen haben, erfolgreiche Formate nun verstärkt auch international in andere Fernsehmärkte verkauft werden sollen oder schließlich weil TV-Serien unter dem Schlagwort des ‘Quality-TV’ eine insgesamt stärkere Beachtung erfahren haben.

Denn tatsächlich war es gerade das Sprechen von einem ‘Qualitätsfernsehen’, das im US-amerikanischen Serienmarkt zu einem strukturellen, ästhetischen und narrativen Überbietungswettbewerb führte, dessen Ausläufer längst auch europäische Formate beeinflusst. Ausgehend von den Abo-Sendern wie HBO, Showtime oder AMC und Serien wie The Sopranos (1999–2007), Dexter (2006–2013) oder Breaking Bad (2008–2013) hat sich mit aufwändigen Produktionen einerseits eine regelrechte ‘Hollywood-Ästhetik’ entwickelt, andererseits hat eine gewisse ‘Ausreizung’ einst tabuisierter Grenzen in der Darstellung von Gewalt und Nacktheit, Alltagssprache und Sexualität eingesetzt — da das Pay-TV im Unterschied zu den frei empfangbaren Kanälen wie ABC, CBS, NBC oder Fox nicht der Kontrolle durch die Federal Communications Commission (FCC) untersteht, wird Formaten wie Californication (Showtime, 2007–2014) oder Game of Thrones (HBO, 2011–), halb ironisch und doch nicht ohne wahren Kern, schon eine buchstäbliche BPM-Quote (‘breasts per minute’) nachgesagt.

So evident dieser Selbstüberbietungswettkampf der neueren Fernsehserien, so dringend auch eine (medien-)wissenschaftliche Beschäftigung damit, wie sie nun Andreas Sudmann im Stuttgarter Metzler Verlag vorgelegt hat. Seine an die Habilitationsschrift anknüpfende Untersuchung “zur televisuellen Ästhetik und Philosophie exponierter Steigerungen“ (so der Untertitel) möchte sich dabei auf unterschiedlichen Ebenen der “Überbietung als serielle Form, genauer als Form der Serialisierung“ (1) widmen. So verbindet sein Ansatz auf spannende Weise einerseits Querschnitte durch die rezente US-amerikanische Fernsehlandschaft mit zumeist sinnvoll gewählten Detailanalysen einzelner Serien, Episoden oder Szenen und versucht damit andererseits, strukturelle Dynamiken der Überbietung mit der inhaltlichen und ästhetischen Ebene (Handlung, Figuren, Raum, Zeitlichkeit, Narration) zusammenzubringen.

Dieser Spagat gelingt insgesamt, was nicht zuletzt an der leserfreundlichen Aufbereitung eines großen Korpus an Serien und Theorien liegt, das Sudmann beginnend mit der gründlichen Hinführung und einem gutem Blick für unterschiedliche Medien, Ansätze und Methoden gewinnbringend zusammendenkt. Zwar nicht immer den aktuellen Stand der Serienforschung spiegelnd, umfasst das theoretische Grundgerüst aber ökonomische und neoliberale Konkurrenztheorien (vgl. 25), einen philosophischen Abriss von Quantität und Qualität (Kap. 1.5.1), Verweise auf Niklas Luhmanns Begriff der ‘Exponierung’ (vgl. 48) oder Theodor Adornos Konzept der ‘Kulturindustrie’ (vgl. 56) und überzeugt durch die fundierte Auseinandersetzung ebenso wie spätere Exkurse, etwa zur Architektur (Kap. 5.1).

Den Schwerpunkt stellen dann die Kapitel vier bis acht dar, in denen interserielle, intraserielle, metaserielle sowie (in einer etwas problematischen Begriffsverwendung) transserielle Dynamiken analysiert werden. Mit dem Rückgriff auf die entworfene Theorie kann Sudmann nun dem seriellen Fortsetzungsdrang inhärente Prozesse aufzeigen und analysieren, die inzwischen untrennbar mit dem Prinzip televisionärer Serialität verschmolzen scheinen und von der komplexen Produktionsästhetik bis zur Reizsteigerung des Rezipienten reichen. Dies mag als Symptom des ökonomischen Konkurrenzdenkens im globalisierten 21. Jahrhundert gelten, führt aber zu interessanten Nebenbemerkungen. So scheint ausgerechnet der Serienmörder eine symptomatische Figur des (Selbst-)Überbietungswettkampfes zu sein (vgl. 123); und so wie die Serienmacher nach ökonomischem (und durch Preise und Auszeichnungen: kulturellem bzw. symbolischem) Kapital streben, scheinen selbst auch die Charaktere einen ständigen Konkurrenzdruck zu spüren, der sie auffällig häufig innerhalb der Serie zum Therapeuten führt (vgl. 118).

Die gewählte Beschränkung auf US-amerikanische Drama-Serien — neben den Sopranos und Breaking Bad sehr häufig 24 (Fox, 2001–2010), Nip/Tuck (FX, 2003–2010) oder Lost (ABC, 2004–2010) — ist für die Fragestellung sicherlich sinnvoll, doch sollte natürlich nicht der Eindruck entstehen, solche Überbietungsdynamiken ließen sich nicht auch intra- wie metaseriell in Comedy-Formaten von Seinfeld (NBC, 1989–1998) bis Episodes (Showtime, 2011–) oder in europäischen Formaten wie Sherlock (BBC, 2010–) oder Gomorrah (Sky Italia, 2014–) finden.

Insgesamt aber bereichert Andreas Sudmanns gelungene Studie zweifellos die medienwissenschaftliche Forschung zur Fernsehserie, gelingt es ihm doch überzeugend, bisher kaum beachtete Dynamiken und Strukturen aufzuzeigen und vor allem nachvollziehbar zu systematisieren — und so wäre lediglich am Ende des Bandes noch ein Serienregister wünschenswert, das einen schnellen Zugriff auf die sonst immer pointierte Arbeit an der exemplarischen Einzelepisode erleichtern würde.

Bleibt abschließend noch die Frage offen, ob diese serielle Selbstüberbietung und der televisionäre Wettbewerb nun positiv zu verstehen sind und zu einer fruchtbaren Konkurrenzsituation führen oder eine Steigerung ins immer Drastischere dann irgendwann nicht auch durchschaubar und belanglos wird. Dies allerdings werden erst die nächsten Jahre und auf Sudmann aufbauende Studien zeigen können: To be continued…

Links:

Über das BuchAndreas Sudmann: Serielle Überbietung. Zur televisuellen Ästhetik und Philosophie exponierter Steigerungen. Stuttgart [J.B. Metzler] 2017, 343 Seiten, 79,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseAndreas Sudmann: Serielle Überbietung. von Nesselhauf, Jonas in rezensionen:kommunikation:medien, 2. März 2018, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21067
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Rezensent/in
Jonas Nesselhauf, Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte; Promotion mit einer komparatistischen Arbeit zur Figur des Kriegsheimkehrers in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts; derzeit PostDoc in den Fächern Kulturwissenschaften und Germanistik an der Universität Vechta.