Horst Schäfer, Claudia Wegener (Hrsg.): Kindheit und Film

Einzelrezension
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Rezensiert von Tobias Kurwinkel

Einzelrezension
Das Verhältnis von Kindheit und Film “in unterschiedlichen Epochen und im Hinblick auf unterschiedliche Themenfelder” will der Sammelband Kindheit und Film nachzeichnen. Die Herausgeber Claudia Wegener und Horst Schäfer möchten damit zu einem Arbeitsfeld beitragen, das von der wissenschaftlichen Forschung stiefmütterlich behandelt wurde und wird. Dies verwundere, so die Herausgeber, da Filmproduktionen, die sich vornehmlich an Kinder richten, “ein spezielles (Kindheits-)Bild ihrer Zeit widerspiegeln und dies damit gleichzeitig auch konstituieren” – und so maßgeblich als Sozialisationsinstanz wirksam seien.

Den Untersuchungsgegenstand des Bandes definieren Wegener und Schäfer – an Lothar Mikos’ Ausführungen zum Genrebegriff anknüpfend – in der Einleitung “quasi als Metagenre”. Zunächst könne der Kinderfilm als Genre verstanden werden, da er gemeinsame typische Merkmale aufweise: So schließe er an das Weltwissen der Kinder an, nehme ihre handlungsleitenden Themen auf und berücksichtige ihre narrativen, medialen sowie kognitiven Kompetenzen. Ein Metagenre sei der Kinderfilm, da er “vielfältige Muster des Erzählens und der Darstellung impliziere, die dem klassischen Genrebegriff entsprechend differenziert werden können”; Kinderfilme können daher ebenso Komödien wie Krimis, Abenteuergeschichten wie Märchen sein.

Die Definition ist inhaltlich begründet, orientiert sich thematologisch und kombiniert dieses mit Produktions- und Rezeptionsvoraussetzungen, die zum einen das Medium, zum anderen der Rezipient zu erfüllen haben. Letzteres Verständnis folgt Definitionen, denen zufolge der Kinderfilm als “Bezeichnung für Filme” verstanden wird, die “inhaltlich und formal auf Verständnis, Auffassungsvermögen und Bedürfnisse von Kindern besondere Rücksicht nehmen”, wie z. B. im Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur von Klaus Doderer zu lesen ist.

Das relativierende “quasi”, das der Definition des Kinderfilms als Metagenre vorgeschaltet ist, signalisiert das Problematische dieser: Auch wenn derartige Definitionen ihre (historische) Berechtigung haben, vernachlässigen sie Filmkorpora, die außerhalb der spezifischen und intendierten Kinderfilme zu finden sind. Kinder rezipieren auch Filme, die zunächst nicht an ihr Weltwissen, an ihre handlungsleitenden Themen anknüpfen – und trotzdem sowohl als Kindheitsreflektor wie auch als Sozialisationsinstanz dienen. Ein Beispiel hierfür liefert ein Beitrag des Sammelbandes. So schreibt Horst Schäfer über die Reihe der Western, in der Al St. John den Cowboy “Fuzzy” spielt, der in den 80er Jahren in Deutschland zu einem Kinderstar wird. Letztere Entwicklung überraschte alle Beteiligten, da diese Filme ursprünglich nicht für diese Zielgruppe vorgesehen waren. Sie liefern ein Beispiel für die nicht-intendierten Kinderfilme, welche die obige Definition nicht mit einschließt.

Der Beitrag Schäfers gehört zum ersten Kapitel, das einen Abriss der deutschen Kinderfilmgeschichte bietet. Neben dem Text des Herausgebers, der die “Höhen und Tiefen” des Kinderfilms in den 50er, 60er und 70er Jahren der Bundesrepublik Deutschland beleuchtet, finden sich Beiträge zum Kinderfilm in der Weimarer Republik (Andy Räder), zum Kinder- und Jugendfilm zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur (Manfred Hobsch, Heidi Strobel) und zum DEFA-Kinderfilm (Dieter Wiedemann).

Das zweite Kapitel behandelt ausgewählte Themen der Gegenwart; Holger Twele untersucht Kinderfilme auf ihre Eigenschaft als Spiegel gesellschaftspolitisch relevanter “Zeitströmungen”, während Klaus-Dieter Felsmann über Kinderfilm und Jugendschutz schreibt. Weitere Beiträge sind Gender und Erotik in aktuellen Kinoproduktionen gewidmet (Christian Exner), bemühen sich um Generationskonflikte (Katrin Hoffmann), gehen auf Anime und Manga als aktuelle Filmphänomene ein (Ralf Vollbrecht) und unternehmen den Versuch, eine Typologie von Kinderbildern und Kindheitsdarstellungen in Spielfilmen für Erwachsene zu erstellen (Werner C. Barg).

Magret Albers kümmert sich im ersten Beitrag des dritten Kapitels (“Perspektiven”) um die Frage, ob Literaturverfilmungen einen Kinoerfolg garantieren. Beate Völcker nähert sich den Begriffen “Kinderfilm” und “Family Entertainment”, während der Beitrag von Katharina Webersinke dem Dokumentarkino für Kinder gewidmet ist. Werner Barg beschließt das dritte Kapitel mit einer Darstellung technologischer Neuerungen als Basis für die Adaption von Kinder- und Jugendbüchern.

Als herausragend ist das erste Kapitel des Sammelbandes zu nennen, das viele Lücken in der kinderfilmhistorischen Forschung schließt. Wünschenswert wäre aber noch ein abschließender Beitrag gewesen, der die filmhistorischen Entwicklungen seit den 70er Jahren im Allgemeinen bündelt und die Rolle des Kinderfilms im Verbund der neuen Medien im Besonderen darstellt.

Im zweiten Kapitel gelingt es Christian Exner, an Filmen wie “Die wilden Hühner” und “Die wilden Kerle” heutige Genderstereotypen zu analysieren und Beispiele zu zeigen, in denen Rollenklischees kreativ durchbrochen werden. Hier ist auch der Beitrag von Ralf Vollbrecht zu nennen, der sich Anime und Manga als aktuellem Thema widmet und gelungen darlegt, wie die “Formensprache, Ästhetik und Körperlichkeit von Manga und Animes Kinder und Jugendliche […] stärker ansprechen als die amerikanischen und europäischen Produktionen”.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit Fragestellungen, die zurzeit in der Forschung behandelt werden; hierzu gehören der Dokumentarfilm für Kinder ebenso wie die Begriffe “All Age”, “Crossover” und “Family Entertainment”. Beate Völcker widmet sich letzterem Begriff und konstatiert, dass es das “Segment des Family Entertainment” in Deutschland “kaum” gebe. Völcker argumentiert maßgeblich inhaltlich, was angesichts der Kürze ihres Textes adäquat ist; auf die Mehrfachadressierung dieser Filme, die für den Erfolg dieses Filmsegments verantwortlich ist, geht sie leider nicht ein. In diesem Kontext wäre eine Antwort auf die Frage von Bedeutung gewesen, wie die kinder- und jugendfilmische Akkommodation und die komplexe intertextuelle Verweisstruktur in Family Entertainment Filmen funktionieren.

Trotz der kritischen Bemerkungen sei das Buch von Claudia Wegener und Horst Schäfer denjenigen Wissenschaftlern und Interessierten empfohlen, die im Bereich der Kinderfilmforschung nach einem Sammelband suchen, der vor allem durch filmhistorische Beiträge überzeugt, aber auch aktuelle Themen des genannten Bereiches in einzelnen Aufsätzen kompetent diskutiert.

Links:

Über das BuchHorst Schäfer; Claudia Wegener (Hrsg.): Kindheit und Film. Geschichte, Themen und Perspektiven des Kinderfilms in Deutschland. Reihe: Alltag, Medien und Kultur, Band 5. Konstanz [UVK] 2009, 271 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseHorst Schäfer, Claudia Wegener (Hrsg.): Kindheit und Film. von Kurwinkel, Tobias in rezensionen:kommunikation:medien, 28. September 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6680
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Rezensent/in
Dr. des. Tobias Kurwinkel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und in der Schreibwerkstatt der Universität Duisburg-Essen. Lehraufträge an den Universitäten Duisburg-Essen, Düsseldorf und Göttingen. Seit 2009 Projektleiter verschiedener Lehr- und Forschungsprojekte zur Intermedialität von Kinder- und Jugendliteratur. Tobias Kurwinkel ist Mitherausgeber der Reihe "Kinder- und Jugendliteratur intermedial", die im Verlag Königshausen & Neumann erscheint. Arbeitsschwerpunkte u. a. Literatur des Fin de Siècle, Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Literaturtheorie, Kinder- und Jugendliteratur und -medien.