Jo Reichertz: Kommunikationsmacht

Einzelrezension
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Rezensiert von Miriam Gothe und Ronald Hitzler

Einzelrezension
“Die ‘normale’ Kommunikation im Alltag kommt ohne Gewalt, Herrschaft und Charisma aus und entfaltet dennoch Macht” (16), konstatiert Jo Reichertz und spannt in seinem Buch damit den Rahmen auf, innerhalb dessen Kommunikation gewöhnlich im Hinblick auf Fragen nach ‘Macht’ (bspw. institutionalisierte Macht) bzw. ‘Wirkung’ (bspw. Rhetorik) diskutiert wird. Den spezifischen Gegenstand der vorliegenden Monographie allerdings sieht er als im Rahmen dieser hinlänglich bekannten Ansätze weitgehend vernachlässigt an, denn “kein wissenschaftliches Fach beschäftigt sich so recht mit der alltäglichen Kommunikationsmacht unter Anwesenden (Herv. i. O.) – also der Macht, die sich wegen des Zusammenspiels kommunikativer Handlungen erst aufbaut und dann auch entfaltet” (18). Die zentrale Frage der Kommunikationswissenschaft sei mithin die danach, “wann und weshalb […] Kommunikation bei denen, die vom Kommunizierenden adressiert werden, die von ihm erhofften, erbetenen oder befohlenen Handlungen tatsächlich auslösen” (43) kann. Das wiederum impliziere, in der Kommunikationswissenschaft gehe es “im Kern stets um die Macht der Kommunikation – genauer: um Kommunikationsmacht” (ebd., Herv. i. O.).

Diese machtzentrierte Betrachtungsweise von Kommunikation entfaltet Reichertz in zwölf Kapiteln. In diesen führt er den Leser von der Kommunikationswissenschaft im Verständnis einer modernen Schlüsselwissenschaft über die Perspektive des kommunikativen Konstruktivismus sukzessive und elaboriert an seine Kernbotschaft heran, der zufolge “aus der Logik, mit der sich Kommunikationsmacht aufbaut, [folgt] dass der gesamte Prozess menschlicher Kommunikation und alle seine ‘Komponenten’ vor dem Hintergrund der Wirkungs- und Machtfrage neu überdacht werden müssen” (22). Das impliziert nun insbesondere, dass eine breit ausgerichtete Kommunikationswissenschaft auf Informationsvermittlung, Sprache, Sprecheraktivitäten und/oder Intentionalität fokussierende Perspektiven transzendieren und zeitdiagnostische und allgemeine Aspekte der Kommunikationswissenschaft zu einer “Art historische[r] Sozialtheorie der Kommunikation” (49, Herv. i. O.) verschränken muss, die – trotz ihrer Fokussierung auf allgemeine Strukturen – (stets) die jeweilige Zeit- und Ortsgebundenheit der wissenschaftlichen Debatte und ihrer Erkenntnisse mit reflektiert. Denn, so Reichertz weberianisch-pathetisch, “eine ‚Allgemeine Kommunikationswissenschaft’, die […] auf die Untersuchung der Situiertheit und sozialen Fundierung von Kommunikation verzichtet, ist eine Kommunikationswissenschaft ohne Herz und Hirn” (104).

Den theoretischen Hintergrund für den dieser Perspektive zugrunde liegenden “kommunikativen Konstruktivismus” (50), in dessen Logik u.a. auch das Subjekt (bzw. dessen Konstitution) kommunikativ konstruiert wird, bildet die von Reichertz protegierte “interaktionistisch und wissenssoziologisch angelegte Betrachtungsweise” (127). In diese implantiert er nun die Webersche Bestimmung von ‘Macht’ als Chance auf Durchsetzung der Willensdurchsetzung in sozialen Beziehungen (vgl. 198f.) – u. E. allerdings unter Vernachlässigung jenes Aspektes der Durchsetzung des eigenen Willens “auch gegen Widerstreben” (Weber 1972: 28). In seinen Ausführungen zur “soziale(n) Beziehung als Quelle der Macht” (216) setzt Reichertz denn auch die empirisch unfassbare Figur des generalisierten Anderen als gemeinsamen Bezugspunkt der Kommunizierenden. Mit dieser Volte gelingt es Reichertz, nicht nur Rhetorik, Charisma und Herrschaft, sondern auch Gewalt lediglich als Spezialfälle von Machtwirkung innerhalb von Kommunikation und Macht schlechthin als “letztlich auf Anerkennung, also auf Freiwilligkeit” (242) beruhend erscheinen zu lassen. (Eine angemessene Auseinandersetzung mit der hier erkennbaren Partialnutzung des Weberschen Machtkonzeptes müsste u. E. – jenseits dieser Rezension – von einer Klärung der Strukturen politischen Handelns her erfolgen.)

Ungeachtet unserer kritischen Anmerkung konstatieren wir, dass Jo Reichertz im vorliegenden Buch – erklärtermaßen – bisherige Überlegungen, Ansätze und Theorien zur Kommunikation und zur Macht innerhalb von Kommunikation einer zumindest diskussionswürdigen Revision unterzieht. Dabei konzentriert er sich auf interpersonale Kommunikationszusammenhänge und deutet die Relevanz seiner Befunde für andere Kommunikationskontexte und -bedingungen eher an, als dass er sie bereits systematisch explizieren würde. Gerade wegen dieser (vorläufigen?) Selbstbescheidung bieten seine detaillierten Ausführungen zu einem die Sozialität zentrierenden Verständnis von Kommunikation und Kommunikationsmacht ein – nicht zuletzt angesichts insbesondere der Konjunktur neurowissenschaftlicher Erklärungsansätze – wichtiges Korrektiv zu gängigen kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen im Allgemeinen und zur aktuellen Wirkungsforschung im Besonderen.

Literatur:

  • Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., revidierte Auflage, Tübingen [Mohr] 1976

Links:

Über das BuchJo Reichertz: Kommunikationsmacht. Was ist Kommunikation und was vermag sie? Und weshalb vermag sie das? Reihe: Wissen, Kommunikation und Gesellschaft. Schriften zur Wissenssoziologie. Wiesbaden [VS Verlag] 2009, 267 Seiten, 24,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseJo Reichertz: Kommunikationsmacht. von Gothe, Miriam; Hitzler, Ronald in rezensionen:kommunikation:medien, 23. September 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6433
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Rezensent/in
Miriam Gothe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der Technischen Universität Dortmund.

Dr. Ronald Hitzler ist Professor für Allgemeine Soziologie an der Technischen Universität Dortmund.