Urs Dahinden, Daniel Süss (Hrsg.): Medienrealitäten

Einzelrezension
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Rezensiert von Michael Jäckel

dahinden&süss2009Einzelrezension
Als Winfried Schulz Anfang der 1980er Jahre neben anderen Autoren eines Schwerpunktheftes der Fachzeitschrift “Publizistik” vom “Ausblick am Ende des Holzweges” sprach, meinte er unter anderem die Emanzipation von einer theoretischen Sichtweise, die empirisch nie gut belegt war, geschweige denn die wirklich dominante Perspektive auf die Wirkungen von Medien auf Gesellschaft darstellte: das Stimulus-Response-Modell. Zu diesem Zeitpunkt war Heinz Bonfadelli, dem der Sammelband Medienrealitäten anlässlich seines 60. Geburtstags gewidmet ist, gerade mit einer Arbeit zur “Sozialisationsperspektive in der Massenkommunikationswissenschaft” promoviert worden (1980) und hatte Erfahrungen während eines Forschungsaufenthalts an der Stanford University in Kalifornien sammeln können. In der Schweiz war er seit 1975 Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM), die sich 1974 konstituierte und Ulrich Saxer zu ihrem ersten Präsidenten wählte.

Beim Aufbau einer Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Thesen zu hausieren, die nach Bauernfängerart dem populären Urteil zusätzliche Unterstützung verleihen, galt ihm nicht nur als ungeeigneter, sondern vor allem als falscher und unbegründeter Weg. An die Stelle der “einen” Medienrealität setzte er, bestärkt durch die Erfahrungen mit dem Thema der Mediensozialisation, den Plural, weil Publika nicht schematisch reagieren, sondern Gesehenes, Gelesenes und Gehörtes vor ihrem Erfahrungshintergrund verarbeiten und den Inhalten Sinn zuschreiben. Kurzum: Es besteht kein Anlass, ausgerechnet Mediennutzung nicht als soziales Handeln zu betrachten. Für die Etablierung der Publizistikwissenschaft in der Schweiz war diese Aufforderung zur Differenzierung von großer Bedeutung, wie Urs Dahinden und Daniel Süss in ihrer Einleitung betonen. Noch bis Ende der 1990er Jahre konnte die Disziplin nur als Nebenfach gewählt werden. Heute sind die Rahmenbedingungen andere, stellt Gabriele Siegert in ihrer Würdigung fest (der Beitrag hätte an den Anfang des Bandes gehört, weil im Text selbst auch von einem Vorwort die Rede ist) und hebt Bonfadellis Beitrag zur Etablierung des Fachs nachdrücklich hervor. Dass man dicke Bretter langsam bohren muss, gilt nicht nur für “Politik als Beruf” (Max Weber), sondern auch für den Versuch, Kommunikationswissenschaft praxisfähig zu machen. Das Jonglieren zwischen Nähe und Distanz prägte verschiedene medienbezogene Begleitforschungen in der Schweiz, es spielte eine vermittelnde Rolle im Konflikt zwischen politischer und technologischer Rationalität. So führte die “Begleitforschung zu den lokalen Rundfunkversuchen in der Schweiz […] immerhin zur Aufhebung der sachwidrigen technischen Beschränkung der lokalen Sendegebiete auf einen maximalen Durchmesser von 20 km” (169), erinnert sich Ulrich Saxer.

Heinz Bonfadelli hat an diesen “kleinen Erfolgen” behutsam und sachlich mitgewirkt, wohl auch aus der Einsicht heraus, dass die “großen Erfolge” häufig nicht-intendierte Nachwirkungen mit sich bringen, die den Sachwaltern der vermeintlich besten Lösung als Bumerang um die Ohren fliegen können. Er legt, so Gabriele Siegert, eben “Wert auf konsensorientierte Entscheidungen, wann immer sie möglich sind” (203), und agiert dabei auf der “Basis profunder Kenntnisse” (ebd.). Das schlägt sich in seinen Arbeiten zum Umgang der jungen Generationen mit Medienangeboten und den Implikationen für den Jugendmedienschutz ebenso nieder (vgl. den Beitrag von Süss/Wieler) wie in der Analyse des großen Themas “Medien und Integration”, was sich im weiteren Sinne an der Wissenskluft-Forschung (vgl. den Beitrag von Wirth/Kühne), im engeren Sinne an der Rolle der Medienberichterstattung für gelingende Inklusion von Migranten zeigen lässt (vgl. die Beiträge von Bucher/Piga sowie Moser/Hermann/Hanetseder). Bonfadelli hat sich des Weiteren mit dem schwierigen Verhältnis von Wissenschaft und Medien befasst: Themen, die angesichts ihrer Brisanz eigentlich eine Dauerbeobachtung erforderlich machen, können dabei Opfer verschiedener Aufmerksamkeitszyklen werden. Das gilt für die Wissenschafts- und Risikokommunikation und die Gesundheitskommunikation im Besonderen (vgl. den Beitrag von Dahinden/Schanne), aber auch für Politikrealitäten bzw. für all das, was dazugehören soll (vgl. den Beitrag von Donges/Jarren). Umso wichtiger erscheint die Auseinandersetzung mit den Idealvorstellungen und den Realitäten des Publikums, das als sozialer Akteur viele Gesichter hat (vgl. die Beiträge von Wyss sowie – eher aus dem Blickfeld der praktischen Medienforschung – von Amschler/Dähler) und seine mehr oder weniger begründeten Urteile über Fragen von gesellschaftlicher Relevanz aus unterschiedlichsten Quellen fundiert. Nicht nur das Medienangebot lässt sich nach qualitativen Maßstäben differenzieren, auch Personen, die zwecks Einschätzung der Inhalte konsultiert werden, was Schenk, Jers und Tschörtner in ihrem Beitrag zur Entwicklung des Meinungsführer-Konzepts zeigen. Wissensklüfte ergeben sich eben nicht nur aus unterschiedlichen Nutzungen der Medienangebote, auch jene, die eigentlich die Voraussetzungen für profunde Ratschläge nicht erfüllen, versuchen offensichtlich ihren Einfluss geltend zu machen. Das bessere Argument hat es unter solchen Bedingungen zweifelsohne nicht leicht.

Der Sammelband anlässlich des Jubiläums von Heinz Bonfadelli spiegelt sein Engagement für die Etablierung des Fachs in der Schweiz und international wider. Den Hut wird er noch lange nicht nehmen, auch, weil er meines Wissens keinen trägt. Wie sich “hölzerne Argumente” spalten lassen, wird er auch weiterhin vorleben. Mit Friedrich Schiller könnte man auch sagen: “Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.”

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Über das BuchUrs Dahinden, Daniel Süss (Hrsg.): Medienrealitäten. Konstanz [UVK] 2009, 233 Seiten, 29,– Euro.Empfohlene ZitierweiseUrs Dahinden, Daniel Süss (Hrsg.): Medienrealitäten. von Jäckel, Michael in rezensionen:kommunikation:medien, 22. Juli 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/622
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Rezensent/in
Dr. Michael Jäckel ist Professor für Soziologie an der Universität Trier.