Christian Schwarzenegger: Transnationale Lebenswelten

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Rezensiert von Julia Lönnendonker

Einzelrezension
Zu Europa und seiner Identität gibt es bereits unzählige Publikationen. Allerdings beschränken sich diese vornehmlich auf einen Elitendiskurs zu Europa und die Frage eines ‘gedachten’ und ‘gewollten’ Europas. Welche Bedeutung Europa als ein gelebtes Europa, als lebensweltlicher Erfahrungsraum hat, wurde bislang kaum erforscht. Hier setzt das Buch von Christian Schwarzenegger Transnationale Lebenswelten: Europa als Kommunikationsraum an. Der Autor will herausfinden, ob, und wenn ja, wo und wie Europa im Alltag von Menschen und in ihrem Kommunikationsverhalten eine Rolle spielt. Etablierte Betrachtungsweisen des Nachdenkens über Europa will er so zurücklassen. Schwarzeneggers Beobachtung setzt von unten statt von oben an und zeigt, wie diese Perspektive theoretisch und konzeptionell, aber auch empirisch gefasst werden kann. “Es geht um Europa als Lebenswelt – und um die Bedeutung Europas in Lebenswelten“ (20).  Der Autor argumentiert, dass spätestens seit den 1960er Jahren der lebensweltliche Erfahrungsraum Europa durch zunehmende transnationale Verflechtungen im Berufs- und Freizeitalltag vieler Europäer relevanter wurde, dies aber kommunikationswissenschaftlich bislang nicht konsequent beobachtet wird.

Schwarzenegger nähert sich dem Thema in einer intensiven theoretischen Auseinandersetzung: Zunächst rekapituliert er im Kapitel “Europa: Was es ist, was es war, was es sein kann“ die bisherige sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Europa. Im folgendem Kapitel widmet er sich der Lebenswelt des europäischen Alltags im Kontext gesamtgesellschaftlicher Trends wie Globalisierung, Transnationalisierung, Mobilisierung und Mediatisierung. Er fragt sich beispielsweise, welche Rolle Identifikationsangebote im Spektrum von lokal bis global in Zeiten spielen, in denen Menschen in hochgradig mobilen und vernetzten Gesellschaften “mal hier, mal anderswo leben und in Echtzeit an die Massenkommunikationsbestände der Welt Anschluss finden können, während sie mit ihren potenziell global ausgedehnten persönlichen Netzwerken permanent kommunikativ verbunden sind“ (21).

Im Anschluss diskutiert er im letzten, zentralen Theorie-Kapitel Bausteine eines Konzepts von Kommunikationsraum, das den Veränderungen aufgrund der Mediatisierung von Lebenswelten, der Veränderung der Reichweite der Lebenswelt und der Veränderung von Vergemeinschaftungen Rechnung tragen soll. Er argumentiert, dass eine Analyse von Lebenswelten, die Einflüsse von Mediatisierung, Mobilisierung und Transnationalisierung berücksichtigen will, gleichermaßen (verschiedene Formen und die Bedingung von) Kommunikation und Raum (als das materielle Substrat und seine strukturierende Rolle für Kommunikationsprozesse) berücksichtigen muss (vgl. 24).

Zum Abschluss des theoretischen Teils der Arbeit schlägt Schwarzenegger eine Neufassung des Begriffs des Kommunikationsraums vor. Dieser soll als Analyseansatz für kommunikative Lebenswelten in einer nicht medienzentrierten Medienforschung dienen. Dabei ist ihm wichtig, dass die Definition des Kommunikationsraums die aufeinander bezogene wechselseitige Bedingtheit von räumlicher Struktur und kommunikativer Praxis berücksichtigt. Seiner Definition nach geht der Kommunikationsraum

a) vom Individuum aus und verbindet die spezifischen kommunikativen Welten bzw. sozialen Welten, aus denen die Lebenswelt des Menschen insgesamt aufgebaut ist, er ist aber nicht einfach ein subjektives Konstrukt. Er ist nämlich b) durch politische, rechtliche, kulturelle und infrastrukturelle sowie medientechnologische Rahmenbedingungen und Möglichkeiten beeinflusst, ohne davon determiniert zu sein; ebenso wird er c) durch das Spektrum persönlicher Erfahrungen und kommunikativer Beziehungen und d) durch deren Stabilität, Dauerhaftigkeit und Wandel gestaltet. Schließlich umfasst der Kommunikationsraum gleichermaßen e) private und öffentliche, interpersonale und medienvermittelte Kommunikationsformen und bezieht sich f) auf Räume im sowohl geografisch-physischen Sinn wie auch auf symbolische Orte und Medienräume, die für die Lebenswelt bedeutsam sind. (194)

Er betrachtet die dualistische Verbindung von Raum und Kommunikation im Begriff des Kommunikationsraums als ein “sensibilisierendes Konzept, das eine nicht medienzentrierte Betrachtungsweise und die Berücksichtigung bestimmter Dimensionen der Lebenswelt zum Verständnis von Kommunikationsphänomenen empfiehlt und das jeweils an die zu untersuchenden Konstellationen und deren empirische Bedingungen anzupassen ist“ (194f.). Im Vergleich zu den meisten bisherigen raumbezogenen Studien setzt das von Schwarzenegger vorgeschlagene Konzept nicht eine spezifische Raumeinheit (hier bspw. Europa) bereits voraus, sondern geht vom Individuum aus. Der Kommunikationsraum bezieht sich in diesem Verständnis auf die Gesamtheit der kommunikativen Beziehungen, die sich in themenspezifische Teilräume gliedern lassen. Das von Schwarzenegger entwickelte Konzept lässt sich so je nach ‘Vergrößerungsgrad’ auf verschiedene Kommunikationsräume fokussieren und ist nicht auf die Betrachtung eines europäischen Kommunikationsraums beschränkt.

Im anschließenden empirischen Teil will Schwarzenegger anhand zweier exemplarischer Fallstudien die Frage beantworten, “ob und inwieweit Europa für eine Begrenzung sozialer Welten relevant ist“ (283). Konkret geht es ihm darum zu erforschen, “ob Europa für die Grenzziehung in Kommunikationsräumen, zur Verhandlung von Inklusions- und Exklusionsprozessen in Kommunikationsräumen bedeutsam ist oder ob und gegebenenfalls dann wie es schlichtweg als Bezugspunkt und Orientierungshorizont die Teilhabe an bestimmten Kommunikationsprozessen, ein bestimmtes Informationsverhalten oder Zuwendung zu Vergemeinschaftungen wahrscheinlicher macht, erleichtert oder behindert“ (195).

In der ersten Fallstudie widmet er sich dem transnationalen Territorium der Euregio Maas-Rhein, da er vermutet, dass sich in Grenzregionen die Bedeutung transnationaler Kooperation und Konnektivität in besonderem Maße erkennen und als Elemente des Alltags untersuchen lässt. In dieser Beispielstudie, die er  “Europa als Miniatur“ nennt, befragt er Teilnehmer aus drei Nationen und drei Generationen mit Hilfe von qualitativen Leitfadeninterivew, teilstandardisierten Kurzfragebögen und einer Reihe von Gruppendiskussion bspw. zu der Bedeutung von Medienkommunikation für ihren Alltag, ihrer Sprachkompetenz, ihrem Freizeitverhalten und ihrer Mobilität.

In der zweiten Beispielstudie untersucht Schwarzenegger eine deterritoriale translokale und potenziell transnationale Vergemeinschaftung, nämlich ein über eine Website organisiertes Gastfreundschaftsnetzwerk, die Couchsurfing Gemeinschaft. Auch hier wurde mit Leitfadeninterviews und einem ergänzendem Kurzfragebogen gearbeitet. Vervollständigt wurde dies durch das Zeichnen persönlicher Kommunikationsraumkarten, nach dem Prinzip der egozentrierten Netzwerkkarten, in denen die Informanten ihre sozialen Kontakte grafisch veranschaulichen.

Als Ergebnis der beiden Beispielstudien resümiert Schwarzenegger, dass “die Konturen von individuenbestimmten Kommunikationsräumen sehr viel komplexer verlaufen können, als dies nationale Grenzen, aber auch Verbreitungsgebiete und Berichterstattungsfoki von Massenmedien nahelegen können“ (283f.). Die Anbindungswahrscheinlichkeiten an bestimmte Öffentlichkeiten und damit die Frage, für welche Informationen über welche Gegenden der Welt man sich interessiert, würden vornehmlich durch persönliche Kontakte und Interessen sowie persönliche Zeit- und Weg-Routinen gesteuert. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Faktor sei die Sprache. Sprache als Mittel zur Verständigung sei wichtig, “und die Möglichkeit auch auf Fremdsprachen als eine natürliche Ressource zurückzugreifen, erhöht die Chance, an transnationaler Kommunikation teilzuhaben, ungemein“ (284). Nicht zu vernachlässigen sei zudem der Faktor der Infrastruktur, wie beispielsweise Verkehrsanbindungen und Kommunikationstarife (ebd.).

Durch die Hinwendung zum Lebensraum Europa und zu den Alltäglichkeiten eines gelebten Europas hebt sich das Buch von Schwarzenegger innovativ aus der Menge an Veröffentlichungen zum Thema hervor. Gerade auch für die Betrachtung von politischer Öffentlichkeit, die in der bisherigen Diskussion zu Europa im Mittelpunkt steht, kann sein Ansatz den Kommunikationsraum individuenbestimmt und in den Alltagserfahrungen verankert zu verstehen, einen Perspektivwechsel weg von der Elitenzentrierung ermöglichen. Bei der Darstellung des Konzepts des Kommunikationsraums hätte eine graphische Präsentation bisheriger Modelle und des Neuentwurfs möglicherweise zu einem schnelleren Verständnis beigetragen. Das Theorie-Kapitel trägt aktuelle Ergebnisse aus unterschiedlichen Forschungssträngen umfassend zusammen und verfügt über eine hohe analytische Dichte. Die Zwischenresümees und Überleitungen zwischen den einzelnen Abschnitten sowie die stilsicheren Formulierungen machen es dem Leser leicht, dem Gedankengang des Autors zu folgen.

Die Hauptleistung der Publikation liegt eindeutig im theoretischen Teil. Die beiden empirischen Fallstudien sind zwar grundsätzlich interessant, verdeutlichen aber in ihrer Anlage geradezu, wie schwierig und vielschichtig die Betrachtung des Kommunikationsraums in der Konzeption Schwarzeneggers letztlich ist. Sie beleuchten jeweils nur einen sehr kleinen Ausschnitt des Kommunikationsraums – eine Folgestudie müsste letztlich Ergebnisse aus zahlreichen derartigen kleineren qualitativen Studien zusammentragen und versuchen, diese zu einem Mosaik des Kommunikationsraums Europa zu vervollständigen.

Links:

Über das BuchChristian Schwarzenegger: Transnationale Lebenswelten: Europa als Kommunikationsraum. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2017, 351 Seiten, 34,- Euro.Empfohlene ZitierweiseChristian Schwarzenegger: Transnationale Lebenswelten. von Lönnendonker, Julia in rezensionen:kommunikation:medien, 17. Juli 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20360
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Rezensent/in
Julia Lönnendonker ist Forschungskoordinatorin am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören internationaler und europäischer Journalismus, Auslandsberichterstattung, europäische Öffentlichkeit und Identität. In ihrer Dissertation widmete sie sich der Konstruktion europäischer Identität in der deutschen Berichterstattung über einen möglichen Beitritt der Türkei zur EWG/EG/EU seit den 1959ern.