Eva-Christina Edinger: Wissensraum, Labyrinth, symbolischer Ort

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Anke Wittich

Einzelrezension
Eva-Christina Edinger beschäftigt sich in ihrer Dissertation Wissensraum, Labyrinth, symbolischer Ort (UVK, 2015) mit Auswirkungen der Architektur auf die Nutzung von Universitätsbibliotheken. Auch in Zeiten der digitalen Verfügbarkeit wissenschaftlicher Informationen, der Bereitstellung von E-Books und E-Journals für Studierende und Mitarbeiter von Universitäten hat die Bibliothek als Raum zum Lernen und Arbeiten eine Bedeutung wiedererlangt, die zeitweise nicht vorstellbar war. Dabei stellt der Raum an sich einen wichtigen Aspekt in der Arbeitsatmosphäre dar. Wer schon einmal die Wirkung von Architektur auf den Nutzer erfahren hat, z.B. zu sehen am überaus gelungenen Umbau der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover 2016, kann die Auswirkung von räumlicher und ästhetischer Gestaltung gut nachvollziehen.

Aus Sicht der Kultur- und Sozialwissenschaften untersucht Edinger Wissensaneignung in den Universitätsbibliotheken Konstanz und Oxford. Konstanz wird vertreten durch die Universitätsbibliothek und die Bibliothek der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung und vertritt damit zeitgenössische Bibliotheksbauten. Historische und sakrale Bibliotheksbauten untersucht die Autorin anhand von fünf Bibliotheken, die zur Universität Oxford gehören: die Old Bodleian Library, Taylor Institution Library, Radcliffe Science Library, Lincoln College Library und die St. Edmund Hall Library, ergänzt durch den Lesesaal der Radcliffe Camera.

Als Dissertation folgt das Buch dem klassischen Aufbau dieser Publikationsform: umfassende theoretische Grundlagen, umfassende Literaturauswertung, Darlegung der Forschungsmethode und Beschreibung der Ergebnisse. Die Bibliothek als Raum unterteilt Edinger im zweiten Kapitel in einen sozialen und einen materiellen Raum. Unter dem sozialen Aspekt lassen sich Nutzertypen einteilen, der materielle Raum beschäftigt sich mit der eigentlichen Architektur, der Anordnung von Mobiliar, dem Leitsystem und der Raumaufteilung insgesamt.

Die Nutzung der Bibliothek führt laut Edinger zu einer Form der individuellen Wissensaneignung. Basierend auf dem im Wissensmanagement etablierten dreigeteilten Modell von ,Daten – Information – Wissen‘ und unterschiedlicher Formen von Wissensaneignung baut die Autorin folgerichtig ihr Forschungsdesign auf. Das dritte Kapitel stellt die Fallstudien zu den Bibliotheksräumen Konstanz und Oxford dar und beschreibt den aufwändigen, aber sehr nutzerorientierten und zielführenden Methodenmix: Die Untersuchung besteht aus teilnehmender Beobachtung, Fotodokumentation, Architekturanalyse anhand von Karten, Plänen und Fotografien, der Dokumentenanalyse und Gruppendiskussionen, ergänzt durch Experten- und Nutzerinterviews und Mental Maps, erstellt durch die Nutzer im Rahmen der Interviews. Die Informationsarchitektur wird dahingehend untersucht, in welcher Weise die Bücher geordnet sind, was sich im erstmaligen Zutritt zur Bibliothek, der eigenständigen Orientierung und dem Auffinden von Büchern niederschlägt.

Die Darstellung dieser Ergebnisse erfolgt im vierten Kapitel. Wenig bekannte Bibliotheksräume werden zudem in Kapitel 5 thematisiert, symbolische Orte und Riten in Kapitel 6 dargelegt. Hier zeigt sich am Beispiel der Taylor Institution Library in Oxford, dass versteckte Bibliotheksräume durch den Nutzer nicht eigenständig entdeckt und betreten werden können oder nur Eingeweihten bekannt sind und damit einen Machtaspekt im Zugang kennzeichnen. Riten drücken sich in speziellen Wegen in der Bibliothek (Passagen), Ruhezonen, Verbot und Erlaubnis von Verzehr von Getränken und Mahlzeiten aus.

Edinger ist durch die Intensität ihrer Forschungsmethoden einen innovativen Weg gegangen, der auch für die Untersuchung von Raumsituationen in Bibliotheken gewinnbringend herangezogen werden kann. Aktuelle Beschreibungen von Neu- und Umbauten von Bibliotheken in der Fachliteratur befassen sich durchaus auch mit der räumlichen Gestaltung, häufig aber unter dem Aspekt des Raumkonzeptes. Zudem werden Bibliotheken und deren Nutzer meist aus der Sicht der Bibliothek und damit ausschließlich aus Expertensicht betrachtet. Das ist einseitig und schmälert den Erkenntnisgewinn. Lediglich der Bericht zum Neubau der Bibliothek der Fachhochschule Winterthur verzeichnet eine ausführliche Beteiligung von Studierenden und ein der vorliegenden Arbeit ähnliches Forschungsdesign, bestehend aus einer Onlinebefragung von Studierenden, zwei Workshops mit Nutzergruppen und einer Begehungsstudie (Giella 2015: 204).

Gegenwärtige Neu- und Umbauten zeigen, dass Bibliotheken einen enormen Zuspruch durch Studierende erfahren, in denen sie dortige Arbeitsplätze nutzen und damit die Bibliothek als Raum wahrnehmen. Hier liegt der große Wert der Untersuchung: Aus Sicht der Bibliothek werden viele Artefakte als gegeben hingenommen. Eine genaue Analyse zeigt aber, dass aus Nutzersicht die Raumgestaltung an ihren eigentlichen Bedürfnissen vorbeigeht. Die Ergebnisse sollten Anlass genug sein, Bibliotheksräume so zu gestalten, dass sich Nutzer ohne Einführung zurecht finden und eine Bibliothek so selbstverständlich nutzen können wie eine Shopping-Mall. Eine Nachnutzung des Forschungsdesigns ist daher ausgesprochen empfehlenswert.

Somit wendet sich die Arbeit an Gestalter in Bibliotheken, Auskunftsbibliothekare und Verantwortliche im Nutzungsbereich, die mit dieser Veröffentlichung aufgefordert sein sollen, die Informations- und Arbeitsbereiche zu untersuchen und den Kundenbedürfnissen anzupassen. Die Anordnung von Informationsbereich, Lehrbuchsammlung und Freihandbereich sowie Einzelarbeits- und Gruppenarbeitsplätzen muss sich dem Nutzer ohne Irritation auf Anhieb erschließen und Schulungen zur Bibliotheksnutzung unter diesen Aspekten obsolet werden lassen.

Im Rückgriff auf den Titel des Buches beschreibt Edinger die Universitätsbibliothek als Wissensraum und zeigt Beispiele auf, in denen Bibliothek als Labyrinth empfunden wird. Als symbolische Orte wurden sie in den Bibliothekswissenschaften bislang nicht beschrieben. Die Universitätsbibliotheken als Sinnbild der Wissenschaft zu bewerten, wie der Untertitel propagiert, scheint dann allerdings in der Bedeutung überbewertet.

Literatur:

  • Giella, Wolfgang: Die neue ZHAW Hochschulbibliothek Winterthur. Eine aktivitätsbasierte Raumkonzeption der Lernlandschaft. In: ABI-Technik, 35, 2015, S. 196-209.

Links:

Über das BuchEva-Christina Edinger: Wissensraum, Labyrinth, symbolischer Ort. Die Universitätsbibliothek als Sinnbild der Wissenschaft. Konstanz [UVK] 2015, 300 Seiten, 41;- Euro.Empfohlene ZitierweiseEva-Christina Edinger: Wissensraum, Labyrinth, symbolischer Ort. von Wittich, Anke in rezensionen:kommunikation:medien, 12. Juni 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20216
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Rezensent/in
Dr. Anke Wittich ist Dozentin an der Fakultät für Medien, Information und Design der Hochschule Hannover. Sie absolvierte nach langjähriger Berufspraxis als Diplom-Bibliothekarin in einer wissenschaftlichen Spezialbibliothek 2006 bis 2009 ein Masterstudium „Informations- und Wissensmanagement“ an der Hochschule Hannover. Dort lehrt sie in verschiedenen Fächern im Bibliothekswesen und Wissensmanagement und betreut den Studiengang „Informationsmanagement – berufsbegleitend“, in dem Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste und Bibliotheksassistenten den Bachelor-Abschluss erwerben können.