Kai Merten, Lucia Krämer (Hrsg.): Postcolonial Studies Meets Media Studies

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Rezensiert von Kaya de Wolff

merten_kraemer_postcolonialstudiesEinzelrezension

Während Impulse der anglo-amerikanischen Postcolonial Studies hierzulande in den 1980er-Jahren nur zögerlich rezipiert wurden, sind sie seit Ende der 90er-Jahre auch im deutschsprachigen Forschungskontext angekommen. Dort haben sie quer über die Disziplinen hinweg diverse Forschungen und auch Selbstverständigungen in den jeweiligen Fächern angeregt (siehe u.a. Reuter/Karentzos 2012). Dieser Trend findet sich zunehmend auch in den Medien- und Kommunikationswissenschaften wieder (siehe Bergermann 2012; Bergermann/Heidenreich 2016). Davon zeugen nicht zuletzt zwei Reihen des transcript-Verlags: Postcolonial Studies, in welcher der englischsprachige Sammelband Postcolonial Studies Meets Media Studies. A Critical Encounter erscheint, sowie die neue Reihe Post_koloniale Medienwissenschaft, die seit 2013 existiert.

Wie die Herausgeber Kai Merten und Lucia Krämer ausführen, gründet die Idee des Bandes in einem gewinnbringenden Dialog zwischen den Postcolonial Studies, deren Fokus nach wie vor auf Literatur liege, und den Medienwissenschaften, innerhalb derer die Postkoloniale Theorie und Kritik noch immer unterrepräsentiert sei. Erklärtes Ziel ist es, beide Felder zusammenzubringen, produktive Schnittstellen aufzuzeigen und das Projekt der „Postcolonial Media Culture” (S. 10) weiterzutreiben. Insbesondere gehe es darum, postkoloniale Perspektiven mit Konzepten der Globalization Studies und Intercultural Communication bzw. Global Media Studies zu verknüpfen und die Potenziale auszuloten (S. 8).

Die Publikation knüpft an eine internationale Debatte an, die Raka Shome und Rada S. Hegde in den Kommunikationswissenschaften bereits 2002 angestoßen haben (Shome/Hegde 2002; siehe auch Kumar 2014; Shome 2016). Das Projekt lässt sich somit als Aktualisierung postkolonialer Theoriebildung angesichts einer gleichzeitigen Krise im Zuge ihrer ‘Disziplinierung’ einordnen. Spezifischer ist es vor dem Hintergrund der gespaltenen Fächerkultur zu verstehen, die trotz Annäherungen historisch zwischen Medien- und Kommunikationswissenschaften unterscheidet. Entsprechend differenzieren auch Kai Merten und Lucia Krämer – die als Anglisten an deutschen Universitäten noch einmal eine andere Perspektive einnehmen – in ihrem Forschungsüberblick (S. 11-14) zwischen zwei Traditionen: Einerseits benennen sie die „‘cultural’ Media Studies” (S. 11), die sich mit Texten, Repräsentationen, Ästhetik und Produktionskontexten befassen. Andererseits geht es um einen sozialwissenschaftlich geprägten Zweig der Medienwissenschaften, der die Rolle von Medien für die Herausbildung sozialer Identitäten und gesellschaftlicher Machtverhältnisse untersucht (ebd.). Hier bleibt allerdings unklar, ob sie sich auf die internationale oder nationale Forschungslandschaft beziehen.

An der Veröffentlichung haben sowohl postkoloniale Theoretiker mitgewirkt als auch Forschende aus dem Bereich der Media und Communication Studies, die sich in diese Perspektiven derzeit einarbeiten. Die Auswahl wie auch geographische Heterogenität der Autoren macht die Lektüre außerordentlich abwechslungsreich. Sie trägt dazu bei, die Breite und Komplexität postkolonialer Studien zu veranschaulichen und einer Vereinheitlichung entgegenzuwirken. Die Herausgeber haben insbesondere Beiträge versammelt, die über literaturwissenschaftliche Annäherungen und Repräsentations-Analysen hinausgehen und gängige Annahmen und Paradigmen hinterfragen: Die Fallstudien thematisieren unter anderem die Herausbildung mediatisierter transkultureller Subjektivitäten, die nicht mit binären Unterscheidungen wie global/lokal und West/‘rest’ zu erfassen sind, die aber im Feld der International Communication oft reproduziert werden (Creech und Kavoori, S. 67-84). Sie befassen sich mit Typen von Medienaneignung in migrantischen Communities wie den „Lonely Sojourners“ und „Passive Transnationals“ und widerlegen dabei die These eines stärkeren Gemeinschaftsgefühls oder politischen Involviertheit mit dem „homeland“ durch Mediennutzung (Shavit, S.85-99). Oder sie widmen sich medienpolitischen und -historischen Studien zur globalen Verteilung und Regulation von Medienprodukten und -praktiken.

Der Band gliedert sich in drei Teile – Global Media, Media Politics und Media Industries –, gefolgt von einem abschließenden Beitrag von Sven Werkmeister zu „Postcolonial Media History”. In der Zusammenschau der zwölf Aufsätze wird deutlich, dass sich die Autoren in unterschiedlichem Maße auf den Perspektivwechsel einlassen, so dass das Vorhaben in dieser Form nicht immer überzeugend ist. Dennoch ergeben sich aus den explorativen Fallstudien interessante Einblicke, produktive Verbindungen sowie Überlegungen, welche Herausforderungen der Austausch zwischen den Feldern meistern muss.

Barbara Thomaß etwa, die sich dem Feld als „novice” (S. 113) nähert, reflektiert postkoloniales Denken als Kritik an Machtverhältnissen und Ausschlussmechanismen in einer erfrischenden Art. Für die Forschung im Bereich nationaler und internationaler Medienpolitik sind ihre Ausführungen in herausragender Weise fruchtbar: Sie nimmt den Eurozentrismus und die Marginalisierung von Fallstudien aus nicht-westlichen Kontexten als Ausgangspunkt für eine emanzipatorische Kritik, die darauf abzielt, das Feld zu öffnen und zu pluralisieren.

Auch Rinella Cere eröffnet eine postkoloniale Perspektive auf Medienkulturen. Dabei nutzt sie Konzepte von Hegemonie und Subalternität (nach den Theorien des italienischen Philosophen Antonio Gramsci) für eine kritische Analyse. Am Beispiel der Filme der französischen Regisseurin Claire Denis sowie der umstrittenen britischen Channel 4-Produktion Empire: How Britain Made The Modern World (2002-2003) zeigt sie erhellende Lesarten auf, die leider nur angerissen werden (S. 125-142).

Hingegen stellt Kai Hafez in seinem Beitrag systemtheoretische Überlegungen zur Globalisierung von Massenkommunikation und Öffentlichkeit an. Im Vergleich zu anderen Autoren bezieht er sich allerdings sehr verhalten auf die Ideen und Perspektiven postkolonialer Theorie und Kritik. Hier bietet sich weiterer Raum für Verknüpfungen des Feldes der „Media Globalization” mit Postcolonial Studies an, z. B. zu den Mythen der „imperialist ‘Americanization’ and ‘Westernization’” (S. 58) des europäischen Filmmarktes, die Hafez anspricht.

In ihrer spannenden Untersuchung zu Zensurpraktiken im Bombay Cinema (‘Bollywood’) rekonstruiert Monika Mehta am Beispiel des Films My Name is Khan (2010) die jeweiligen Anpassungen der globalen Distribution. Obwohl Mehta die staatliche Filmzensur in Indien als koloniales Vermächtnis einführt (S. 143f.), rücken post-/koloniale Machtverhältnisse in den Hintergrund. Eine tiefergehende Reflektion erscheint jedoch lohnenswert.

Als richtungsweisend sind die Beiträge zu „Postcolonial Piracy”, „Commodification” und Vermarktung von Literatur und Filmen hervorzuheben, die als ‘postkolonial’ gelabelt werden (S. 161ff.). In ihnen machen die Autoren Ambivalenzen und Widersprüche marktstrategischer Positionierungen solcher Produktionen in globalisierten Medienkulturen sichtbar. So widmet sich Lars Eckstein der Audio-Kassetten-Kultur im Indien der 80er-Jahre und der Video-Kultur in Nigeria in den 90er Jahren. Sie lassen sich als widerständige postkoloniale Praktiken (oder: „cultures of copy”), begreifen. An ihrem Beispiel präsentiert Eckstein eine oppositionelle Lesart von ‘postcolonial piracy’, die eurozentristische Konzepte als solche dekonstruiert und ‘provinzialisiert’ (Chakrabarty).

Mit Blick auf die Erfolgswelle von ‚postkolonialen‘ Gegenwarts-Autoren legt Oliver Lindner durch Taye Selasis Bestseller Ghana Must Go (2013) sowie Danny Boyles Liebesdrama Slumdog Millionaire (2009) überzeugend dar, wie „exoticism“, „imperial nostalgia“ und „staged marginality“ bei der Vermarktung forciert werden. Darauf geht auch Ana Cristina Mendes in ihrem Beitrag zu südasiatischen „kosmopolitischen“ Schriftstellern (S. 215) und deren „privileged positionality” (S. 227) ein. Anhand der Biografien von Erfolgsautoren wie Aravind Agida, Vikram Chandra, Akhil Sharma und Moshin Hamid – die alle an US-amerikanischen Elite-Universitäten studierten – beschreibt sie, wie diese die kapitalistische Logik und Ungleichheiten, die sie in ihren Werken problematisieren, letztlich selbst verkörpern und reproduzieren.

Angesichts der Konjunktur der Postcolonial Studies stellt sich grundsätzlich die Frage, inwiefern diese Wissenschaft, verstanden als selbst-reflexive herrschaftskritische und emanzipatorische Praxis, für die Untersuchung globalisierter Medienkulturen bemüht werden kann, wenn der forscherische Eingriff nicht wesentlich von einem politischen Projekt der Dekolonialisierung ausgeht. Die Herausgeber betonen in der Einleitung, dass der Band stärker analytisch als interventionistisch angelegt sei und weniger utopisch motiviert als postkoloniale Arbeiten, die sich ausdrücklich als politisch bekennen (vgl. S. 10). Dies ist diskussionswürdig. Denn wie kann eine Forschungsperspektive, die sich dezidiert in die Tradition der Postcolonial Studies stellt und diese für das breite Feld der Media Studies konstruktiv machen möchte, mit einer solchen Einschränkung den Anspruch von postkolonialer Theorie und Kritik einlösen? Schließlich werden sie auch von den Herausgebern als oppositionelle Haltung definiert, die sich gegen die symbolischen und materiellen Manifestationen von Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung richtet, die das Ergebnis von Kolonialismus oder Imperialismus sind (vgl. ebd.).

Der Band verfolgt ein zeitgemäßes und mutiges Vorhaben, das forscherisches Interesse weckt. Er lädt zu einer breiten (selbst-)kritischen Diskussion darüber ein, was Postcolonial Studies heute sind und worin der Gewinn vermeintlich postkolonialer medienwissenschaftlicher Perspektiven liegt. Dies gilt insbesondere dann, wenn das anti-disziplinäre politische Projekt disziplinär vereinnahmt wird und die Frage der Postkolonialität gegenwärtiger Medienkulturen und akademischer Wissensproduktion nicht im Zentrum steht. Denn in dem inflationären Gebrauch und einem affirmativen Bezug auf die Postcolonial Studies zeichnet sich auch die Gefahr ab, den kritischen Antrieb des Faches zu neutralisieren und es letztlich zu kommodifizieren. Dadurch würde es zu einem bloßen Label verkommen (vgl. Lindner, S. 198).

Folglich ist es ein Verdienst des Bandes, auf diese Ambivalenz aufmerksam zu machen und unbequeme Fragen zu stellen. Gleichzeitig gelingt es ihm, Anknüpfungspunkte für eine kritische post-/koloniale Medienwissenschaft aufzuzeigen. Dadurch demonstriert er die Bandbreite neuer Forschungsfelder und vielversprechender Studien im Bereich der Global Media Studies, die sich durch die postkoloniale ‘Brille’ eröffnen.

Literatur:

  • Bergermann, Ulrike: Postkoloniale Medienwissenschaft. Mobilität und Alterität von Ab/Bildung. In: Reuter, Julia; Alexandra Karentzos (Hrsg.): Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2012, S. 267-281.
  • Bergermann, Ulrike; Nanna Heidenreich (Hrsg.): total. Universalismus und Partikularismus in post_kolonialer Medientheorie. Bielefeld [transcript] 2016.
  • Kumar, Shanti: Media, Communication, and Postcolonial Theory. In: Fortner, Robert; Mark Fackler (Hrsg.): The Handbook of Media and Mass Communication Theory, Volume I. Chichester [Wiley] 2014, S. 380-399.
  • Reuter, Julia; Alexandra Karentzos: Vorwort. In: Reuter, Julia; Alexandra Karentzos (Hrsg.): Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2012, S. 9-13.
  • Shome, Raka: When postcolonial studies meets media studies. In: Critical Studies in Media Communication, 33, 2016, S. 245-263.
  • Shome, Raka; Radha S. Hegde: Postcolonial Approaches to Communication. Charting the Terrain, Engaging the Intersections. In: Communication Theory, 12, 2002, S. 249-270.

Links:

Über das BuchKai Merten, Lucia Krämer (Hrsg.): Postcolonial Studies Meets Media Studies. A Critical Encounter. Bielefeld [transcript] 2016, 262 Seiten, 29,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseKai Merten, Lucia Krämer (Hrsg.): Postcolonial Studies Meets Media Studies. von Wolff, Kaya de in rezensionen:kommunikation:medien, 24. Oktober 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19412
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Rezensent/in
Kaya de Wolff, M.A., promoviert derzeit mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung im Rahmen der Nachwuchsforschergruppe Transkulturelle Öffentlichkeiten und Solidarisierung in gegenwärtigen Medienkulturen am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen. In ihrem Dissertationsprojekt Erinnerungskonflikte in postkolonialen Medienkulturen untersucht sie die kontroverse Aushandlung deutscher Kolonialvergangenheit im öffentlichen medialen Diskurs im Zeitraum 2001-2016. Im Mittelpunkt stehen die Auseinandersetzungen um die Anerkennung des Herero-Nama-Genozids und die Frage, auf welche Weise die Erinnerungen an die historischen Ereignisse in dem asymmetrischen Konflikt verhandelt werden. Forschungsinteressen: Medien- und Globalisierungsforschung, insbesondere Memory Studies, Cultural (Media) Studies und Postcolonial Studies.