Martina Thiele: Medien und Stereotype

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Rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

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Will man dieser Salzburger Habilitationsschrift als Rezensent gerecht werden, sollte man die Lektüre nicht am Beginn des Buches mit Dank und Einleitung beginnen, sondern mit der Literatur ab Seite 397. Das Inhaltsverzeichnis hält nicht fest, dass dieser Anhang bis zu Seite 501 geht, also über mehr als hundert Seiten. Damit stellt sich Autorin Martina Thiele zunächst einmal selbst ein glänzendes Urteil aus: eindrucksvolle Literaturkenntnis, konsequente Inter- und Transdisziplinarität, geduldige Recherche und eine kaum Grenzen kennende Neugierde auf den seit Jahrzehnten anhaltenden Erkenntnisprozess, den Publikationen unterschiedlichster Art dokumentieren. Denn das ist das zweite, Staunen erregende Verdienst dieser Arbeit, für das es nicht viele vergleichbare Beispiele gibt: Zu Stereotypen allgemein und ihren Funktionen in den Medien liegen Forschungsergebnisse aus einer langen wissenschaftlichen Kontinuität vor, die nach Synthesen, Metaanalysen und systematischer Identifikation verbleibender Forschungslücken rufen. Unübersehbar ist dabei, dass wir entscheidende Stränge dieser Erkenntnisgewinnung der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung verdanken, zu der die Autorin mit vielen Arbeiten beigetragen hat. Erfrischend, dass sie darin auch Tendenzen der Selbstreferenzialität sieht, die beträchtliche Forschungslücken zur Folge hat.

Diese Monographie hat Martina Thiele, promoviert im Jahr 2000 in Göttingen und seit 2003 tätig am Salzburger Fachbereich Kommunikationswissenschaften, als Habilitationsschrift vorgelegt. Sie gehört damit einer im Fach endlich etablierten Generation an, die genuin dort sozialisiert wurde und eine Karriere pur durchlaufen hat. Wie essenziell dies für eine eigenständige Disziplin ist, macht einem die Lektüre dieses auch gestalterisch vorbildlichen Buches klar. Nur so bleiben Fachtraditionen präsent, etwa gleich zu Beginn mit einem Motto aus dem einflussreichen Buch des amerikanischen Journalisten Walter Lippmann (1889-1974) von 1922 (Public Opinion, dt. 1964), das für die kommunikationswissenschaftliche Stereotypenforschung grundlegend wurde. Auch Kollegen wie Gerhard Maletzke (*1922) und Franz Dröge (1937-2002) werden als Pioniere gewürdigt. Die früheste dieser Erinnerungen gilt Franz Adam Löffler (1808-1880), der schon 1837 im heute einschlägigen Kontext mit dem Begriff stereotypiret operierte. Diese Sensibilität für die Fachgeschichte ist durchgehend greifbar und prägt die reflektierte Wissensansammlung, die auch mit zahlreichen Schaubildern verdeutlicht wird. Mit diesem Zugang eignet sich Thiele souverän ihr eigenes Verständnis von einer historisch gewachsenen Disziplin an. Spannend ist dabei auch ihre Auseinandersetzung mit einst wirkungsträchtigen, aber heute eher vergessenen Wissenschaftlern wie Peter R. Hofstätter (1913-1994).

Um die rezipierte Materialfülle zu organisieren, wählte die Autorin drei große Blöcke: Begriffe und Theorien (S. 23-98), Wissenschaft und Geschichte (S. 99-154) sowie Metaanalysen und Ergebnisse (S. 155-374). Den größten Umfang nehmen die letzteren ein, die auf jeweils zwei Analysen basieren: Die erste Metaanalyse wertet die Fachzeitschriften Publizistik und Rundfunk und Fernsehen (umbenannt in Medien & Kommunikationswissenschaft) zwischen 1953 und 2011 aus; die zweite widmet sich ausgewählten Publikationen unterschiedlicher Disziplinen im deutschsprachigen Raum. Dieser Offenheit ist z.B. die ,kernel-of-truth-debate’ zu verdanken. Sie widmet sich der Frage, „ob Stereotype nicht doch ein ,Körnchen Wahrheit’ enthalten, sonst wären sie doch nicht so langlebig und weitgehend akzeptiert“ (S. 56). Hieran muss die Fragestellung anschließen, was dies für eine journalistische Berichterstattung bedeutet, die ohne Stereotype kaum auskommt. Diese dringliche praktische Problematik wird hier mit so viel Nachdenkstoff versorgt, dass die Übernahme zu Präventionszwecken in journalistische Kodizes naheliegt. Für einen erfolgreichen Transfer solchen wissenschaftlichen Wissens in den Journalismus gibt es übrigens ein aussagekräftiges Beispiel: das von der Bundeszentrale für politische Bildung, einst noch in Bonn, von Dieter Golombek geleitete Programm zur Fortbildung von Lokaljournalisten. Diese Initiative hat sich im Laufe der Jahrzehnte ausdifferenziert; eines ihrer Produkte ist der Deutsche Lokaljournalistenpreis (getragen von der Konrad-Adenauer-Stiftung), dessen Ergebnisse seit zehn Jahren in einem Jahresband namens Rezepte für die Redaktion nachgelesen werden können. Es wäre gewiss lohnend, mit dem von Martina Thiele entwickelten Instrumentarium an diesem konkreten wie politisch gewichtigen Beispiel zu analysieren, ob es so etwas wie diesen Wahrheitskern geben muss und wie es um die Lernfähigkeit von Journalismus steht.

Die zentrale Leistung dieser beiden Metaanalysen aber ist, dass hier der denkbar breiteste Forschungsertrag generalisierend verschmolzen wird. Im Einzelnen geht es um Stereotype in den Bereichen Nationen und Ethnien, Religionen (mit all den fürchterlichen Folgen etwa des Antisemitismus), Geschlechter, Alter und Berufe. Aus diesen Einzelanalysen macht die Autorin ein beziehungsreiches Netz. Was ihr dafür fehlt, sind vor allem Längsschnittanalysen, die es für dieses Gebiet jedoch nicht gibt.

Wenn man diese Abhandlung zu Ende gelesen hat, drängt sich eine unter Empirikern verpönte Frage auf: Sind wir mit dem Stereotyp und seinen Verwandten wie dem Vorurteil, dem Klischee und dem wissenschaftlich sehr präsenten Frame nicht einer Universalie menschlichen Verhaltens begegnet, also dem Element einer universellen Grammatik menschlicher Kommunikation? In der Humanethologie z. B. bei Irenäus Eibel-Eibesfeldt werden solche Perspektiven ohne Scheu gesucht. Für gelernte Sozialwissenschaftler sind solche biologischen Denk- und Forschungsweisen getrennte Welten – aber zu Recht?

Martina Thiele jedenfalls wünscht man für Ihre Monographie die Leser, die anschließend an die Lektüre willens werden, sich diesem Forschungsfeld zu widmen. Es hat eine große Tradition, die der Pflege wert ist, und garantiert, dass man sich hier gesellschaftlich und politisch auf vermintem Gelände bewegt.

Links:

Über das BuchMartina Thiele: Medien und Stereotype. Konturen eines Forschungsfeldes. Bielefeld [transcript] 2015, 501 Seiten, 44,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseMartina Thiele: Medien und Stereotype. von Langenbucher, Wolfgang R. in rezensionen:kommunikation:medien, 27. Juli 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18973
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Rezensent/in
Wolfgang R. Langenbucher, Prof. em., war von 1984 bis 2006 am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien tätig. Seitdem v.a. Aufsätze zu journalistischem Themen jenseits des Mainstreams, z.B. über einen Kanon Journalismus, Autobiographien von Journalisten oder Journalismus als Kulturleistung; periodisch für die Zeitschrift Message und seit 2015 für Der österreichische Journalist die Kolumne Top Ten Buchjournalismus. Arbeitsschwerpunkte: Journalismusforschung, Theorie des öffentlichen Rundfunks und Kommunikationspolitik.