Stefan Meier: Visuelle Stile

Einzelrezension
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Rezensiert von Sebastian Gerth

Visuelle StileEinzelrezension
Stefan Meier ist Medien- und Kommunikationswissenschaftler an der Universität Tübingen und Berater für visuelle Image-Kommunikation. Seine akademisch-praktische Verortung spiegelt sich in seinem Buch Visuelle Stile wider, in welchem er sich visuellen Designs jeglicher Ausprägung widmet, die uns im (Medien-)Alltag begegnen. Meier leitet ein sozialsemiotisches Modell zur Konzeptualisierung und Analyse visueller Stile theoretisch her, schlägt eine Operationalisierung vor und veranschaulicht die qualitative Methode exemplarisch. Ziel des Werkes ist die Entwicklung einer interdisziplinär ausgerichteten Designtheorie mit praktischem Anwendungsbezug. Das Buch ist in drei Bereiche (Programm, Theorie, Methodologie) und fünf Kapitel gegliedert.

Anstelle von strukturgebenden Forschungsfragen, die sukzessiv hätten beantwortet werden können, legt der Autor eine kurze Zielformulierung und ‘Gebrauchsanweisung’ des Buches in einem nullten Kapitel vor. Fraglich ist, warum dessen Inhalte nicht mit der insgesamt sehr gelungenen, das Buch übersichtlich vorstellenden Einleitung als erstem Kapitel verschmolzen wurden. Positiv fallen die von Meier zu Beginn verwendeten alltagsbezogenen Beispiele auf, um den Begriff des ‘Stils‘ greifbar zu machen. Stile definiert er “als Ergebnis von kontextbezogenen Stil-Praktiken […], die semiotische und materielle Ressourcen auswählen, formen und komponieren, um kommunikative Ziele zu erreichen und bestimmte Funktionen zu realisieren“ (24). Leider legt sich Meier nicht auf ein konkretes Verständnis des zugegebenermaßen äußerst vielschichtigen Stilbegriffs fest, sondern diskutiert diesen schlüssig je nach Perspektive neu und passt ihn somit stets an den jeweiligen thematischen Kontext an. Dadurch besteht einerseits das Potential einer vieldeutigen Begriffsbeleuchtung, andererseits jedoch die Gefahr, dass der lobenswerte Versuch der Begriffsverdeutlichung mangels Stringenz zu Verwirrung führt.

Im zweiten Kapitel widmet sich Meier ausführlich den “Paradigmen“ (31) der Semiotik und der Visual Culture Studies, da diese grundlegend für das Verständnis Visueller Stile sind. Er diskutiert nicht nur ausführlich deren jeweiligen Gegenstand als eigene Forschungsperspektive, sondern vertieft bei Erstgenanntem auch überzeugend den Blickwinkel hinsichtlich einer sozialsemiotischen Visual Culture-Forschung. Letztgenannte bettet er darüber hinaus in einen, wenngleich mit zwei Seiten äußerst kurzen, medien- und kommunikationswissenschaftlichen Kontext ein. Auch bespricht Meier bereits die jeweiligen methodologischen Konzepte, die schließlich in der von ihm entworfenen und kurz vorgestellten kritisch-deskriptiven Visuellen Stilanalyse münden, die sich aus der kritischen Diskursanalyse ableitet.

Obwohl Meier bereits seit Beginn des Werkes mit dem Stilbegriff operiert, widmet sich erst das dritte Kapitel diesem zentralen Terminus auf knapp 70 Seiten entsprechend umfassend. Er beschränkt sich dabei auf wesentliche geistes- und sozialwissenschaftliche Ansätze; weiteres Potential hätten z.B. auch anthropologische, architektonische, ethnologische oder pädagogische Zugänge. Beachtlich ist, dass er sich nicht ausschließlich auf die Visualität beschränkt, denn diese ist verständlicherweise ohne Bedeutungszuschreibung in ihrer Funktionalität stark eingeschränkt und bedarf einer zusätzlichen verbalen Komponente. Damit wird Meier dem multimodal-assoziativen Modus Visueller Kommunikation im Allgemeinen und jenem Visueller Stile im Speziellen gerecht.

Im vierten Kapitel bespricht Meier Materialität als Voraussetzung für Wahrnehmbarkeit und hält fest, dass Medien die Funktion übernehmen, “als Zeichenträger visuelle Stile kommunikativ nutzen zu können“ (131). Medien dienen damit der Materialisierung visueller Phänomene und stellen eine Wahrnehmbarkeit her, die einerseits von den Medienmerkmalen abhängig ist und andererseits auf die semiotischen Stilmerkmale rekurriert. Der Stil selbst ist ein Instrument zur Formung medialer Botschaften und bezieht sich auf einen Habitus des Inhalteproduzenten, der etwa Bedeutungen durch die Konstruktion von Identität, Status etc. für einen oder mehrere Rezipienten schafft bzw. an diese vermittelt. Visuelle Stile sind demnach Verbindungsglieder zwischen den Kommunikationsakteuren.

Meier geht darüber hinaus gut nachvollziehbar auf das Verhältnis von Materialität und Digitalität ein und stellt fest, dass Letztgenannte “eine elektronische und nutztechnologische Überwindung von materieller, zeitlicher und räumlicher Manifestation [schafft]“ (137). Er erläutert umfangreich zeichen- und medientheoretische Grundlagen sowie unterschiedliche Stilpraktiken am Beispiel von digitaler und analoger Fotografie. Darüber hinaus betrachtet Meier die Rolle medialer Rahmenbedingungen sowie Mediendispositive und thematisiert mediale Kommunikationsformen und Genres mit Rückgriff auf zahlreiche Autoren sowohl theoretisch, als auch praxisorientiert anhand von Layoutbeispielen verschiedener Printmedien äußerst eindrucksvoll. Ferner nehmen Prozesse einer zunehmenden Mediatisierung sowie der cross- und intermedialen Konvergenz und die daraus folgende konvergente Medienkultur Einfluss auf die Produktion und Rezeption Visueller Stile. Meiers Perspektive berücksichtigt damit sowohl eine Makro- (kultureller und situativer Kontext sowie soziale Stilpraktiken), als auch eine Mikroebene (individuelle Stilpraktiken).

Das fünfte Kapitel bildet den inhaltlichen Hauptteil des Buches, da nicht nur das sozialsemiotische Stilmodell als wissenschaftliches Neuland auf der Basis vorangegangener Inhalte ausführlich vorgestellt, sondern auch dessen methodische Operationalisierung umfassend an Praxisbeispielen besprochen wird. Meier diskutiert zunächst die beeinflussende Rolle von Visual Framing, bevor er das Modell für Visuelle Stile erstaunlicherweise am Beispiel des Lebensstils erläutert. Die zentrale Bedeutung der Stilpraktiken – also der Auswahl (Was wird abgebildet, wo wird publiziert etc.), Formung (Wie ist etwas gestaltet) und Komposition (Wie repräsentiert etwas aufgrund des Arrangements) – für das Modell wird auch dadurch deutlich, dass er diesen entsprechende Kontexteinflüsse beispielhaft und übersichtlich tabellarisch gegenüberstellt (200) und ein jeweils sehr gelungenes Teilkapitel auf die differenzierte Erläuterung verwendet und analytisch verdeutlicht. Das Stilmodell ist damit als holistischer Komplex seiner nicht trennscharfen Elemente zu verstehen, die “dynamisch-prozessual und interdependent zur konkreten Bedeutungskonstitution (visueller) Stile beitragen“ (199).

Das Kapitel schließt ein erneuter Blick auf die Visuelle Stilanalyse ab, der mit den neu erarbeiteten Erkenntnissen angereichert wird. Meier unterbreitet durchdachte Vorschläge zur Bestimmung des Untersuchungsmaterials sowie einen hervorragenden Fragenkatalog zur Analyse der Kommunikationsform, des Genres, der Korrespondenz, der Grob- und Feinanalyse sowie zur Praxis der Motivauswahl, -formung  und -komposition. Folgt man diesem fundierten Ablauf, so sind trotz des offen-interpretativen Verfahrens intersubjektiv nachvollziehbare Ergebnisse zu erwarten, was sich bereits in der gut nachvollziehbaren Beispielanalyse zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden der visuellen Stilistik über den Machtkampf in Ägypten (2012) in unterschiedlichen Medien zeigt. Es ist ferner davon auszugehen, dass mit der Visuellen Stilanalyse gewonnene Erkenntnisse für quantitative Verfahren wie etwa die Inhaltsanalyse fruchtbar sind.

Das Buch schließt mit dem Fazit sowie weiteren illustrierten visuellen Stilanalysen. Grundsätzlich sind diese zusätzlichen empirischen Zugänge lobenswert, verdeutlichen sie doch das Anwendungsspektrum der Methode. Ein Mehrwert für die Arbeit jedoch ist nicht erkennbar, denn die Bandbreite wurde ausführlich in den vorangegangenen Kapiteln verdeutlicht. Auch ist deren Platzierung im zusammenfassenden Fazit fraglich, ebenso wie die Thematisierung der “Comic-Figuren als konvergente Identitätsfigurationen einer digitalen Medienkultur“ (276). Für diese Inhalte und einen stringenteren Buchaufbau wäre ein weiteres, ggf. rein empirisches (Teil-)Kapitel nutzbringender gewesen. Sehr gelungen ist der Abschluss, der Visuelle Stilisierungen prägnant zusammenfasst und einen Ausblick auf zukünftige Medienforschung mit dem Schwerpunkt Digitalisierung bietet (279).

Das Werk richtet sich in erster Linie an Medien- und Kommunikationswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Visueller Kommunikation, gleichzeitig aber auch an Interessierte anderer Disziplinen. Meier liefert einen intellektuell äußerst wertvollen Beitrag, für ein außeruniversitäres und/oder praktisch orientiertes Publikum, welches explizit vom Autor adressiert wird, dürfte das Werk jedoch schwer zu lesen sein: Eine Vielzahl von Satzkonstruktionen bleibt äußerst akademisch, viele Termini und Satzgruppen sind sprachlich komplex und für Laien vermutlich schwer verständlich [etwa Medialität als “Zeichenmaterialisierungsapparatur und soziokulturell strukturierende Instanz kommunikativer Artefakte“ (21) oder visuelle Stile als “Phänomene einer intermedial organisiert[e] Konvergenzkultur (…) mit [einer] musterhaft-konventionalisierten Symbolfunktion“ (179) u.v.m.]. Wünschenswert wäre daher an vielen Stellen eine sprachliche Vereinfachung und Verkürzung im Sinne des Lesers und der Zielverfolgung des Buches. Da Meier das Thema in vielerlei Hinsicht erkenntnisreich und umfassend interdisziplinär darstellt, garantiert seine Grundlagenforschung eine hohe auch internationale Anschlussfähigkeit. Meiers selbst formuliertes Ziel “Brücken zwischen Disziplinen, Begriffen, Methoden und Medien zu schlagen“ (265) erreicht er zweifelsohne. Die Lektüre ist demzufolge ausdrücklich zu empfehlen, der Preis des Buches ist dem Inhalt und damit dem Erkenntnisgewinn angemessen. Die Inhalte werden durch einen Online-Auftritt ergänzt.

Links:

Über das BuchStefan Meier: Visuelle Stile. Zur Sozialsemiotik visueller Medienkultur und konvergenter Design-Praxis. Bielefeld [transcript] 2015, 309 Seiten, 29,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseStefan Meier: Visuelle Stile. von Gerth, Sebastian in rezensionen:kommunikation:medien, 2. September 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18445
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Rezensent/in
sebastian gerthSebastian Gerth ist Doktorand am Graduiertenkolleg "Communication and Digital Media“ an der Universität Erfurt (seit 2011). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaft, Psychologie sowie Wirtschaftswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (2005-2010). Außeruniversitäre Berufstätigkeit in der Markt-, Marketing- und Kommunikationsforschung (2010-2012), Forschungsaufenthalte in Ägypten (2013-2014) und den USA (2015). Forschungsschwerpunkte: Visuelle und Politische Kommunikation, Methoden, Organisationskommunikation, Kommunikationsmanagement.