Streifzüge durch das Kulturgedächtnis. Ein Essay zu Gerhard Pauls Das Jahrhundert der Bilder

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Rezensiert von Daniel Hornuff

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Wer heute die Lage der Bildwissenschaft betrachtet, wird Eigentümliches feststellen: Obwohl sie ihren Gegenstand im Titel trägt, beschäftigt sie sich nur am Rande und vereinzelt, geradezu in Ausnahmefällen mit Bildern. Ungleich intensiver bespiegelt sie sich dagegen selbst. Sie lotet ihre Diskurse bis zur Verselbständigung der Diskurse aus; sie wendet ihre Methoden wieder und wieder, bis vor lauter Methodenvorschlägen mehr Verwirrung als Klärung erreicht wurde; sie hält nach allgemeinen und übergeordneten Kategorien Ausschau und sieht sich folglich gezwungen, Jeweiliges und Spezifisches zu vernachlässigen; sie will einen umklammernden Rahmen für möglichst alle Wissenschaften ziehen, die sich mit Bildern in jeder nur denkbaren Weise befassen und muss erkennen, dass dieses Vorhaben in keinen auch nur halbwegs vernünftigen Rahmen einzugrenzen ist. Wer bildwissenschaftlich arbeitet und dabei solch einen Allgemeinheitsanspruch vertritt, läuft akut Gefahr, bloß metadiskursiv, abstrakt und damit eher beliebig als konkret zu arbeiten.

Das vom Flensburger Historiker Gerhard Paul Anfang 2009 herausgegebene, in zwei Bände aufgeteilte Jahrhundert der Bilder muss vor diesem Hintergrund als ein beeindruckender Sonderfall gewertet werden. Wer die insgesamt rund 1600 Seiten in Händen hält, könnte Bodybuilding mit ihnen treiben. Wer sie aufschlägt und durchstöbert, wird sehen, wie anwendungsaffin eine Bildwissenschaft sein kann. Tatsächlich gibt es im deutschsprachigen Raum keine Publikation, die ähnlich differenziert, analytisch präzise und zudem umfassend die Bildkultur des 20. Jahrhunderts reflektiert. Die beiden Bände stellen nicht zuletzt für die Bildwissenschaft eine Novität dar. Sie müssen als praktische Umsetzungen jener Forderungen eingestuft werden, die durch die Kunsthistoriker Gottfried Boehm und William J.T. Mitchell 1994 vorgetragen wurden. Beide zielten mit einer postulierten Wende zum Bildlichen auf eine eingehendere und gleichsam breiter angelegte Untersuchung visueller Ausprägungen ab. Das Jahrhundert der Bilder ist ein bis auf wenige Einschränkungen konsequenter und folglich wichtiger Beitrag zu einer Wissenschaft des Bildes, die in diesem Sinne ihren Gegenstand ernst nimmt. Im Gesamten gesehen versteht es das Sammelwerk höchst überzeugend, die Einschätzung über eine gestiegene Bedeutung der visuellen Repräsentation in tragfähigen Konturen abzuwägen.

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Die ausnehmende Stärke des “Streifzugs durch unser kulturelles Gedächtnis”, wie der Herausgeber seinen “Bildatlas” umschreibt (Bd. 1: 9), liegt in seiner Konzentration auf die gesamte Spannweite der Bilderscheinungen. Und das heißt für Paul zweierlei: Einerseits zimmert er bewusst keine hierarchischen Differenzen zwischen verschiedenen Bildkulturen und exkludiert folglich keine ästhetischen Formen – Werbekampagnen, Kunstwerke, Karikaturen, Filme, Fernsehsendungen, die Privat- und Amateurästhetik und nicht zuletzt die Bilderwelten des Internets finden in gleicher Weise Eingang in die Studie. Es überrascht positiv, dass sie dabei keinem amalgamierenden Bildbegriff unterzogen, sondern vielmehr durch ihre jeweiligen Eigenqualitäten miteinander in Beziehung gesetzt werden. So lassen sich Medien- und Kunstikonen methodisch gleichrangig zu vermeintlichen Profanerzeugnissen in historische und ästhetische Zusammenhänge einordnen. Zahlreiche Beispiele bisher weitestgehend unbekannter oder aber in Vergessenheit geratener visueller Phänomene runden den Streifzug ab. Dürfte gerade ihr Aussagegehalt anfangs in Zweifel stehen, können die dazu verfassten Beiträge ihre Bedeutung für die Ausgestaltung der Bildkultur im 20. Jahrhundert nachdrücklich dokumentieren. Wohl eine der originellsten Studien steuert in diesem Zusammenhang der Historiker Michael Wildt bei, der in der Stil- und Motivanalyse der deutschen Versandhauskataloge seit Ende der 1940er Jahre einen Beleg für die Wirkung der aufkommenden Konsumästhetik erkennt (Bd. 2: 314-321).

Damit ist die zweite Stärke des Projekts bereits angesprochen: Beide Bände schrecken trotz ihrer Perspektive auf das ‘große Ganze’ vor Detail- und Mikrobeobachtungen nicht zurück. Im Gegenteil: Paul achtete bei der Auswahl der insgesamt 180 Beiträge, geschrieben von 160 Autoren, offenbar penibel darauf, dass die ästhetischen und medialen Spezifika der angeführten Bilder nicht nur thematisiert, sondern auch kulturgeschichtlich verortet werden. Tatsächlich könnte man darin einen zentralen Baustein der Publikation sehen, kommen doch nahezu alle Beiträge überein, sowohl von schwärmerisch als auch kulturpessimistisch eingefärbten Einlassungen abzusehen und stattdessen auf Grundlage jeweils präziser, auf das Einzelobjekt gerichteter Beobachtungen erfreulich nüchterne Deutungen zu entwerfen.

Es mag die Qualität der zwei Bände nur am Rande trüben, dass sich gerade der Herausgeber in seinem Vorwort zu zwei vergleichsweise verschwörerischen Vorstellungen über die Wirkungskräfte verschiedener Bildtypen hinreißen ließ: Dass Michelangelos Pietà-Darstellung als Epochen-, Medien- und Kulturgrenzen überwindender gestischer Archetypus – als “Gebärdeformel” – in Fotografien erschossener Flüchtlinge an der Berliner Mauer wiederaufleben soll (Bd. 1: 23), liest sich ähnlich spekulativ wie einst Aby Warburgs Ideen zur Pathosformel. Pauls Diagnose, wonach insbesondere die Massemedien eine “eigene Realität mit originären Gesetzen und Logiken geschaffen” und zur “umfassenden Veränderung” der – eigentlichen – Realität beigetragen hätten (Bd. 1: 24f.), ist ebenfalls in Frage zu stellen. Zwar haben die Massenmedien zweifellos zu einer Veränderung der Realität geführt – sie haben jedoch keinen eigenen Realitätsbereich eröffnet und diesen, wie es Paul suggeriert, sukzessive der Lebenswirklichkeit übergestülpt. Ironischerweise wird der Herausgeber in diesem Punkt durch seine eigenen Autoren widerlegt: Gerade jene Aufsätze, die sich pop- und massenkulturellen Phänomenen widmen, gestatten die Einsicht, dass der Aufstieg der Medien in den vergangenen sechzig Jahren als Aspekt der Wirklichkeit gedacht und nicht als Bestandteil eines postmodern interpretierten Simulations- oder Hyperrealitätsgebarens mystifiziert werden muss.

Doch abgesehen von vereinzelten Nebengleisen ins kulturkritische Niemandsland besticht die groß angelegte Vermessung des kulturvisuellen Gedächtnisses neben der unvoreingenommenen, gleichsam gelassenen Perspektive durch die kluge Ausgewogenheit der gewählten Beispiele. Zu diesem Zweck bediente sich Paul einem denkbar einfachen, aber wirkungsvollen Ordnungssystem: Er bildete keine Themen-, sondern linearchronologische Zeitblöcke. Jeweils zehn Jahre werden zusammengefasst und aus verschiedenen Blickwinkeln auf besonders charakteristische Bildformen hin untersucht. Nur so konnten die angeführten Bilder an ihren Zeitkontext sinnvoll angebunden und mit politischen, militärischen, konsumästhetischen oder popkulturellen Bedingungen verknüpft werden.

Dieses Verfahren erscheint höchst einleuchtend, hätte doch der umgekehrte Weg – eine themenzentrierte Bündelung – zwar eine verstärkte wirkungsgeschichtliche Verknüpfungsoption bereitgestellt, jedoch keine vergleichbaren Einsichten in die Entwicklungen und Veränderungen der Bildkultur geben können. Besonders deutlich wird der Vorteil punktueller historischer Tiefenbohrungen dort, wo einzelne Bildbeispiele in ihrem Ausgangspunkt vorgestellt und ihre Wanderungen durch verschiedene Medien- und Ausdruckformen nachgezeichnet werden. Erst so wird deutlich, wie sehr ein Politiker wie etwa Joschka Fischer die “Physiognomie der Macht” bediente und wie er höchst medienaffine faziale Veränderungen an politische Neuausrichtungen koppelte – ein Beitrag der Kommunikations- und Politikwissenschaftlerinnen Eva-Maria Lessinger und Christina Holtz-Bacha spürt Fischers beeindruckende Gesichtskarriere auf (Bd. 2: 506-515) und beweist damit, dass das Jahrhundert der Bilder zwar aus einem weit gefassten Kultur- und Bildbegriff schöpft und dennoch in vermeintlich entlegenen Erscheinungen implikationsreiche Erkenntnisse freizulegen versteht.

Oder ein anders Beispiel: Die Journalistin Rita Gudermann erzählt die Geschichte des “Sarotti-Mohrs” (Bd. 1: 276-283), der im Jahr 1918 nach seiner grafischen Geburt auf die entsprechenden Schokoladenverpackungen sprang, zunächst als “Diener schöner Frauen” tätig war, lange erfolgreich gegen das Hakenkreuz ankämpfte, in den 1950er Jahren zum deutschen Symbol für die Sehnsucht nach Ferne aufstieg, von 1970 bis 1990 gänzlich von der Bildfläche verschwand, ab 1991 wie aus dem Nichts im Retro-Look Riesenerfolge feierte, 2004 seine Hautfarbe vergoldete und seither unumwunden als “Michael Jackson der Schokolade” (Bd. 1: 283) bezeichnet werden kann.

Solch fein beobachtete und subtil verfolgte Bildprozesse, die in den Nischen der Bildkultur zu erstaunlichen Ausformungen gelangten, sind wohl entscheidend mitverantwortlich für die offensichtliche große Beliebtheit der beiden Bände in breiten Leserschichten. Sie zeigen aber auch: Ein bildwissenschaftliches Arbeiten muss nicht zwangsläufig um die Frage nach den geeigneten, möglichst allen und jeden einfassenden Theorierahmen kreisen. Vielmehr sind durch die Betrachtung konkreter Bilder, ihrer Karrieren, medialen Einflüsse, ästhetischen Programme und historischen Prägungen die Versprechen eines bildwissenschaftlichen Arbeitens beim Wort zu nehmen – und somit ungleich eindrucksvoller, ja ertragreicher einzulösen.

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Problematisch bleibt hingegen die Frage, ob es sich beim 20. Jahrhundert tatsächlich um ein Jahrhundert der Bilder handelte, wie es die beiden Bände nahe legen. Waren die vergangenen rund hundert Jahre wirkliche eine Kulturphase, in dem die Kraft des Visuellen eine neue Qualität erlangte und daher als vorwiegend bildfokussierte und -geprägte Zeit gelten kann? Wer diese Frage aufwirft, wird nicht vergessen, dass etwa der ‘pictorial turn’ nur einer von vielen Umbrüchen sein soll, die aus akademischen Kreisen mitunter euphorisch ausgerufen und als wesentliche Charakteristika des 20. Jahrhunderts ausgegeben wurden. Dass der ikonischen Wende knapp dreißig Jahre zuvor die linguistische vorausging, dass man überdies sowohl eine performative als auch eine kulturelle, ja zum Ende der 1980er Jahre selbst eine raumkritische und jüngst gar eine akustische Wende erkannte, deutet an, dass es sich bei der Bilderfrage längst nicht um eine allgemein akzeptierte handelt. Das Jahrhundert der Bilder scheint daher vor allem ein Jahrhundert zu sein, das zur Verkündigung unterschiedlichster Paradigmenwechsel einlädt, und das viele als Phase eines wie auch immer gelagerten Umbruchs markieren.

Gleichsam suggerieren beide Bände, dass das 20. Jahrhundert eine Bildkultur hervorbrachte, die als singuläre Erscheinung in die Bildgeschichte eingehen könnte. Das mag mit einem Blick auf die Quantität einer medialen Vervielfachung visueller Produkte und auf ihre massiv gestiegenen Rezeptionsmöglichkeiten zutreffen. Und doch bleibt zweifelhaft, ob das unstrittige Mehr an Bildern auch ein Mehr an Bedeutungen, ein erhöhtes Einfluss- und Wirkungspotenzial des Visuellen generieren konnte. Der Hinweis etwa auf die Kunst der frühen Moderne im 19. Jahrhundert mag verdeutlichen, inwiefern sich Bilder zur Heilsinstanz überhöhen und sogar zur Anbetung verleiten konnten, ja wie gerade die Bilder der Romantik eine unmittelbare Gotteserfahrung freisetzen wollten und damit einen schier unüberbietbaren Autoritätsanspruch vertraten. Vor diesem Hintergrund kann das 20. Jahrhundert als ein Prozess der Desakralisierung visueller Einheiten verstanden werden – gleichsam keimen Zweifel an jener enormen Deutungsmacht und Einspruchsenergie auf, die Paul vor allem technisch erzeugten Bildern an einigen Stellen zuzusprechen scheint.

Doch der Publikation wird nicht gerecht, wer in ihr eine übersteigerte Ikonophilie identifizieren will. Überhaupt bündeln die gesammelten Beiträge ihre besten Momente dort, wo die Autoren einzelne Bilder als Bestandteile größerer Bildzusammenhänge, übergeordneter ästhetischer Prozesse und politischer Willensbekundungen vorstellen. Abschließend herausgehoben sei in diesem Zusammenhang ein Aufsatz der Journalistin Esther Schapira (Bd. 2: 678-685): Im Jahr 2000 schien der Junge Mohammed Al Durah mit seinem Vater zwischen palästinensische und israelische Militärfronten geraten zu sein – statt die bis heute lebhaften Spekulationen zu den Umständen seines möglichen Todes anzuheizen, erhellt die Autorin minutiös den steilen Bildverlauf des Geschehens, das sowohl als politisches Propagandainstrument als auch als Kleideraufdruck bei der Modenschau eines saudischen Designers weiterverarbeitet wurde.

Gerhard Paul hat mit seinen zwei Bänden einen gewichtigen Beitrag für den “Bilderkanon des kulturellen Gedächtnisses” geleistet. Gleichsam zeigt das Jahrhundert der Bilder die Handlungsagilität und Deutungsmöglichkeit einer bildwissenschaftlichen Arbeitsweise, die sich um das visuell Konkrete kümmert und durch eine praktische Anwendung methodische Eigenständigkeit zu erlangen im Stande ist. Pauls Projekt exemplifiziert bis auf geringfügige Schwächen höchst überzeugend, dass die Bildlichkeit als solche und ihre Prozesshaftigkeit die Erinnerung an jüngste historische Verläufe lebendig hält. Gerade im Zeitalter einer vermehrten Digitalisierung der Bilder wird zunehmend erforderlich sein, sich von statisch-festgezurrten Bildkonzepten in der analytischen Praxis zu verabschieden und stattdessen vollzogene Distributionsprozesse ins Zentrum der Betrachtung zu rücken.

Es mag bezeichnend sein, dass ein Historiker die geschichtlichen Vorläufer dieser hochaktuellen Aufgabe als einer der ersten erkannte und ihre Potenzialität für bildwissenschaftliche Zugriffe vorführte. Möge sein Jahrhundert der Bilder kein disziplinärer Sonderfall bleiben, sondern beispielgebend weitere Reflexionen über tatsächliche Bildprozesse anregen. Erst dann wird die Bildwissenschaft aus ihren Methodenkeilereien aussteigen und ihren eigentlichen Kompetenzen gerecht werden können. Auch diese Einsicht ist ein Verdienst von Gerhard Pauls Streifzug durch unser visuelles Kulturgedächtnis.

Links:

  • Verlagsinformationen zum ersten Band
  • Verlagsinformationen zum zweiten Band
  • Webpräsenz von Gerhard Paul an der Universität Flensburg
  • persönliche Homepage von Gerhard Paul
  • persönliche Homepage von Daniel Hornuff

Bild-Quelle: Slg./Paul Flensburg

Über das BuchGerhard Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder, Band 1: 1900-1949. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2009, 822 Seiten, 39,90 Euro.

Gerhard Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder, Band 2: 1949 bis heute. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2009, 798 Seiten, 39,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseStreifzüge durch das Kulturgedächtnis. Ein Essay zu Gerhard Pauls Das Jahrhundert der Bilder. von Hornuff, Daniel in rezensionen:kommunikation:medien, 18. Dezember 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1645
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Dr. Daniel Hornuff ist Kulturwissenschaftler und arbeitet freiberuflich als Autor, Dozent und Marketinganalyst.