Rezensiert von Gabriele Hooffacker


Für welchen Journalismus wird ausgebildet und für welchen Journalismus soll zukünftig ausgebildet werden? Das ist die zentrale Forschungsfrage des vorliegenden Bandes (vgl. 5). In ihrer Dissertation hat sich Marcella Rosenberger das Ziel gesetzt, “durch die Beantwortung der Forschungsleitfrage ein neues journalistisches Kompetenzmodell für die akademische Journalistenausbildung zu erstellen” (16).
Solide und nahezu vollständig hat Marcella Rosenberger die zum Zeitpunkt ihrer Arbeit (bis Ende 2024) aktuellen Studiengänge rund um Journalismus und Journalistik an Hochschulen und Universitäten zusammengestellt und systematisch untersucht. Sie hat sich durch die grundlegende Literatur zur Journalismus-Ausbildung seit den 1970er Jahren gekämpft. Dabei übernimmt sie die Einschätzung, dass Journalismus-Ausbildung vorwiegend im akademischen Bereich stattfindet.
Zur Funktion der akademischen Ausbildung stellt sie ganz klassisch fest: “Der journalistischen Ausbildung kommt damit eine duale Funktion zu: Sie soll einerseits nah an der Praxis auf den Beruf der Journalist*innen vorbereiten und die dafür notwendigen, zeitgemäßen Kompetenzen vermitteln, andererseits soll sie genug Abstand zur Praxis haben, um Fehlentwicklungen kritisch reflektieren zu können und für Innovationen zu sorgen.” (29) Als Kompetenzmodell hat sie die ebenfalls klassische Dreiteilung in Sachkompetenz, Fachkompetenz und Vermittlungskompetenz gewählt, erweitert sie jedoch um Technik- und Gestaltungskompetenz sowie Management- und personelle und soziale Kompetenz (vgl. 147).
Als Rahmen für ihre Untersuchung zieht sie erstens den Medienwandel und zweitens den Hochschulwandel heran, beides retrospektiv. Die Erschütterung des Journalismus-Berufs durch den Einsatz generativer Sprachmodelle (LLMs) kommt nicht bzw. nur am Rande vor, wenn unter den zu vermittelnden Kenntnissen und Fähigkeiten auch der Umgang mit KI (hier unter der Bezeichnung “Roboterjournalismus”) genannt wird – was vermutlich dem Zeitpunkt der Arbeit und der Befragungen geschuldet ist.
Methodisch hat sich Marcella Rosenberger für ein trianguliertes Forschungsdesign entschieden: So hat sie eine Bestandsaufnahme der Studiengänge vorgenommen, um die Frage “Für welchen Journalismus wird ausgebildet?” zu beantworten. Dazu hat sie die Curricula von 35 Studiengängen inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Fachhochschulen stellen mit 24 Studiengängen die Mehrzahl dar.
Zudem befragte sie 75 Lehrende in Journalistik-Studiengängen, vorwiegend Professor:innen, nach ihren Einschätzungen zur zukünftigen Situation des Journalismus und der Ausbildung. Das ist für mich der spannendste und besonders lesenswerteTeil der Arbeit.
Hier verbirgt sich auch ein interessanter Befund: “Tendenziell deuten die Ergebnisse aber darauf hin, dass das Studiengangspersonal in den journalistischen Bachelorstudiengängen beruflich eher weniger Praxiserfahrungen außerhalb der Hochschule als innerhalb der Hochschule mitbringt und eher weniger in neueren medien- und kommunikationsberuflichen Bereichen tätig war – es hier also Kompetenzlücken geben könnte.” (227)
Wie bilden sich die Lehrenden selbst weiter? Zur “Weiterbildung des Studiengangspersonals” hat Marcella Rosenberger folgendes herausgearbeitet:
- “Networken: Austausch und Vernetzung mit Vertreter*innen journalistischer und/oder anderer Unternehmen über z. B. Fachkongresse und Soziale Medien
- Besuch von Fachkongressen und Fortbildungen
- Wissenschaftliche Literatur sowie aktuelle, nicht-wissenschaftliche Ratgeber über die Veränderungen in Journalismus und Medien lesen” (319f.).
Das würde einen hohen Grad an Selbstreferenzialität bedeuten, doch zum Glück sammeln die Lehrenden auch praktische Erfahrungen durch
- “selbst neue Dinge ausprobieren
- Hospitation in Medienhäusern und/oder anderen Unternehmen
- selbstständige nebenberufliche Tätigkeit, z. B. als Journalist*in
- eigene unternehmerische Tätigkeiten
- Projektarbeiten mit Studierenden in Kooperation mit Unternehmen” (319f.).
Nun könnte man erwarten, dass vom Studiengangspersonal Reflexionen der eigenen Tätigkeit und vielleicht sogar innovative Vorschläge ausgehen. Doch dem ist eher nicht so: Die Lehrenden bleiben mit ihren Einschätzungen im Rahmen des Erwartbaren. Sie vermuten zunehmende Bedeutung von Datenjournalismus, Mobilem Journalismus, Online-Video oder Social Media und Podcasts und bejahen die Wichtigkeit von Medienethik und der gesellschaftlichen Funktion des Journalismus. Sie schätzen die Bedeutung von Recherche und Kenntnis der Darstellungsformen als zwar präsent, aber in Zukunft weniger wichtig ein, dafür Innovationsmanagement und Managementkenntnisse insgesamt umso höher. (vgl. 322f.)
Bereits 2015 forderte Bernhard Pörksen Journalismus-Lehrende und Studierende auf, sich als gemeinsam Lernende, als “Teilnehmende an einer Expedition” zu verstehen (Pörksen 2015). Angesichts der anstehenden Herausforderungen wäre das nach wie vor eine wünschenswerte Einstellung zur akademischen journalistischen Ausbildung.
Literatur:
- Dernbach, Beatrice; Loosen, Wiebke: Didaktik der Journalistik. Wiesbaden [Springer VS] 2012
- Hooffacker, Gabriele; Moser, Nicola: »Ich glaube, dass Journalismus sich zwingend verändern muss«. Zum Verhältnis von akademischer Journalismus-Ausbildung und journalistischer Praxis. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2, 2025, 8. Jg., S. 244-254
- Hooffacker, Gabriele: Wie Sprach-KI die Journalismusausbildung verändern kann. Ein Werkstattbericht. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2, 2023, 6. Jg., S. 205-212
- Pörksen, Bernhard: Die Beobachtung des Beobachters. Heidelberg [Carl Auer] 2015
Links:
Über das BuchMarcella Rosenberger: Die Journalistenausbildung in Zeiten von Medien- und Hochschulwandel. Eine Analyse journalistischer Bachelorstudiengänge. Reihe: Wissenschaftliche Beiträge Medienwissenschaft, Bd. 46. Baden-Baden [tectum] 2025, 410 Seiten, 104,- EuroEmpfohlene ZitierweiseMarcella Rosenberger: Die Journalistenausbildung in Zeiten von Medien- und Hochschulwandel. von Hooffacker, Gabriele in rezensionen:kommunikation:medien, 22. September 2026, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/26293
