Christian Papsdorf: Internet und Gesellschaft

Einzelrezension
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Rezensiert von Guido Bröckling

Papsdorf_Internet und GesellschaftEinzelrezension
Internet und Gesellschaft, die überarbeitete Dissertation von Christian Papsdorf, ist der spannende Versuch, das wechselseitige Verhältnis zwischen Internet und Gesellschaft in einer (medien- und technik-) soziologischen Perspektive systematisch zu erfassen. Neben einer empirischen Annäherung bilden die theoretischen Kapitel zur ‘Konzeptualisierung des Internets’ (64ff.) und zur ‘Entwicklung des Internets als Mediatisierung gesellschaftlicher Kommunikation’ (187ff.) den Kern der Argumentation.

Papsdorf differenziert hier das Internet in ein Medium erster Ordnung, als Kommunikationsinfrastruktur im Sinne eines sozio- bzw. groß-technischen Systems (Joerges 1992) und ein Medium zweiter Ordnung im Sinne seiner Institutionen und Nutzungsweisen (vgl. 66). Zur weiteren Argumentation bedient er sich des Mediatisierungsansatzes von Krotz (2001) und schärft diesen unter Einbeziehung Luhmanns Kommunikations- und Giddens Strukturationstheorie (beide 1984) in Bezug auf das Internet (vgl. 67ff.). Zur begrifflichen Rahmung wählt er das mit dem Internet entstandene Begriffspaar ‘offline-online’, da dieses sich präzise und exklusiv auf das Internet beziehe und alle seine Elemente einschließe (vgl. 34). Im Anschluss daran analysiert er die Entsprechungen ‘klassischer gesellschaftlicher Kommunikationen’ im ‘Internethandeln als Kommunikation’ und insbesondere deren Rückwirkung auf die Gesellschaft in der begründeten Annahme, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Internet und Gesellschaft seien bedeutend für die Verbindung zwischen ‘Offline’ und ‘Online’ (vgl. 218ff.).

Seine Argumentation schließt technische Aspekte ebenso ein wie gesellschaftliche und inhaltliche und erfasst damit den gesamten Mediatisierungsprozess des Internets (vgl. 70ff.). Sie stellt den Versuch dar, “das Internet in seiner Gesamtheit fassbar zu machen und es damit jenseits der Einzelphänomene zu konzeptualisieren” (14). Die inhaltliche Zusammensetzung des Internets, die nach Papsdorf letztlich weitestgehend der Zusammensetzung der Offline-Kommunikation entspricht, beschreibt er als Ergebnis einer Selektion im Mediatisierungsprozess (vgl. 62). Mit dem Ziel, daraus von gegenwärtigen Nutzungstrends unabhängige Merkmale des Internets zu destillieren, konstatiert er acht Charakteristika der Internetkommunikation, deren Systematisierung und Gewichtung jedoch vernachlässigt werden (vgl. 169ff.). Leider offenbart sich hier eine Oberflächlichkeit und Unvollständigkeit seiner Argumentation. In seiner Analyse zur ‘Entwicklung des Internets als Mediatisierung gesellschaftlicher Kommunikation’ (187ff.) ist er sehr viel genauer und verortet das Verhältnis online-offline in einer Dialektik, nach der das Internet aus der Gesellschaft hervorgeht, an sie gebunden bleibt und sie beeinflusst (vgl. 188), was er durch begriffliche und theoretische Differenzierungen weiter präzisiert (vgl. 218ff.).

Zur empirischen Annäherung schlägt er vor, sich auf Organisationen zu konzentrieren, die jeweils beispielhaft gesellschaftliche Funktionssysteme repräsentieren. Diese Organisationen sollen dann Subsystemen zugeordnet werden (Universitäten der Wissenschaft, Verlage den Massenmedien usw.), um daraus wiederum Rückschlüsse auf die Mediatisierung der gesellschaftlichen Funktionssysteme zu ziehen (vgl. 270). Diese Vorgehensweise ist in Anlehnung an Luhmann innovativ und weitestgehend schlüssig argumentiert. Er konzentriert sie jedoch auf drei Thesen, die nur tendenziell zutreffend sind, auch wenn er die Ergebnisse in einer qualitativen Interpretation umzudeuten versucht (vgl. 274f., 289ff.). Die Gesamtargumentation verbleibt in Teilen daher auf der Ebene vager Vermutungen, die zudem durch schwache Beispiele ergänzt werden. So skizziert er zwar anschaulich aber zugleich oberflächlich die Bedeutung seiner Ergebnisse am Beispiel von YouTube, Facebook und Amazon (318ff.).

Obwohl er selbst betont, dass es sich lediglich um eine erste theoretische Skizze handelt, bleibt letztlich offen, wie sein Ansatz zu einem vollständigen Theorie- und Analysekonzept verdichtet werden kann. Das liegt sicherlich auch daran, dass es aufgrund der Vielzahl seiner Erkenntnisse und Details und seines hohen Anspruches insbesondere im Mittelteil schwerfällt, dem Roten Faden zu folgen. Zumal Papsdorf dabei, weniger systematisch als anfangs angekündigt, zwischen zahlreichen relevanten Aspekten hin und her springt.

Insgesamt bewegt er sich hier auf einem schmalen Grad zwischen wissenschaftlicher Argumentation und populärem Überblickswerk. Zwar ist es angenehm, dass er sich nicht im Dschungel der Zitate und des ‘namedropping’ verliert, dennoch entsteht dadurch der Eindruck einer teils durch Behauptungen ergänzten vagen Argumentation. Im Kontext der aktuellen Debatte um Big Data behält die von ihm propagierte Möglichkeit, “jeden einzelnen Klick im Internet, jede genutzte Seite oder jede verschickte E-Mail zu protokollieren und diese Daten dann entsprechend auszuwerten” (296), trotz der gut begründeten Bedeutung für die Wissenschaft und trotz der Relativierung in Kapitel 6.4 zudem einen bitteren Beigeschmack.

Papsdorfs soziologischer Ansatz eröffnet der Kommunikations- und Medienwissenschaft nichtsdestotrotz eine interessante Perspektive zur systematischen Analyse des Internets (vgl. 108ff.). Seine Erweiterung des Mediatisierungsansatzes (190ff.) und die In-Beziehungssetzung mit anderen Konzepten ist zudem theoretisch fundiert. Fokussiert auf den sozialen und kommunikativen Strukturwandel skizziert er die Idee einer ‘Soziologie des Internets’ auf Basis bestehender aber lückenhafter Forschung (vgl. 20ff.). Zwar konstatiert er Forschungslücken, die in diversen kommunikations- und medienwissenschaftlichen Ansätzen bereits geschlossen wurden, seine Kritik ist aber insofern berechtigt, als dass der explizite Zusammenhang zwischen Internet und Gesellschaft im Kontext inhaltlicher Entwicklungen des Internets oft unzureichend berücksichtigt wird. Mit seiner Fokussierung und Präzisierung und seiner empirischen Annäherung liefert Papsdorf eine sinnvolle Erweiterung des Mediatisierungsansatzes, die einen Erkenntnisgewinn für die Kommunikations- und Medienwissenschaft verspricht. Man kann nur hoffen, dass sich die Soziologie ebenso wie der Kanon an kommunikations- und medienwissenschaftlichen Disziplinen an diese Überlegungen anlehnt und sie methodisch wie inhaltlich weiter ausdifferenziert.

Literatur:

  • Giddens, A.: Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt a.M./New York 1984.
  • Joerges, B.: Große technische Systeme. Zum Problem technischer Größenordnung und Maßstäblichkeit. In: G. Bechmann/W. Rammert (Hrsg.): Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 6. Frankfurt a.M./New York 1992, S. 41-72.
  • Krotz, F.: Die Mediatisierung kommunikativen Handelns. der Wandel von Alltag und sozialen Beziehungen, Kultur und Gesellschaft durch die Medien. Opladen 2001.
  • Luhmann, N.: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a.M. 1984.

Links:

 

Über das BuchChristian Papsdorf: Internet und Gesellschaft. Wie das Netz unsere Kommunikation verändert. Frankfurt/New York [Campus] 2013, 350 Seiten, 34,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseChristian Papsdorf: Internet und Gesellschaft. von Bröckling, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 9. Mai 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16390
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Rezensent/in
broeckling Dr. Guido Bröckling, Studium der Publizistik- und Kommunikationswissen-schaft, (Angewandte) Kulturwissenschaft(en) und (Medien-)Psychologie in Münster und Berlin. 2012 Promotion an der Universität der Künste und Veröffentlichung der Dissertation: Das handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog. Vilém Flusser und die Frage der sozio- und medienkulturellen Kompetenz. Guido Bröckling forscht und lehrt an der Universität Leipzig, u. a. zur theoretischen Fundierung der Medienpädagogik, Medienkompetenz- und Aneignungsforschung. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen darüber hinaus in der theoretischen Operationalisierbarkeit der Medientheorie für die Medienbildung, dem medienphilosophischen Werk Vilém Flussers sowie der Medienkulturtheorie und -philosophie.