Uwe Breitenborn, Gerlinde Frey-Vor, Christian Schurig (Hrsg.): Medienumbrüche im Rundfunk seit 1950

Einzelrezension
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Rezensiert von Markus Behmer

Medienumbrüche-RundfunkEinzelrezension
Dokumentiert wird hier die Jahrestagung 2012 des Studienkreises Rundfunk und Geschichte, die in Kooperation mit dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig stattfand. Tagungsbände sind oft kunterbunte Wundertüten. So auch der vorliegende.

In der Einleitung wecken die Herausgeber hohe Erwartungen. Sollen doch die Beiträge dem Leser “helfen, die aktuellen Medienumbrüche in die Reihe der historischen Medienumbrüche einzuordnen und aufgrund der historisch erweiterten Perspektive besser zu verstehen” (11). Als Leitfragen formulieren sie: “Welche prototypischen Strukturen von Medienumbrüchen lassen sich in historischer Perspektive erkennen? Sind Medienumbrüche prognostizierbar, steuerbar, haben wir es hier mit den stets gleichen Mustern von Veränderungen zu tun?” (9).

Anhand von “Fallbeispielen” soll all dies exemplarisch geleistet werden. Leider aber bietet der Band wenig, um die Beispiele einzuordnen, sie in einen weiteren Zusammenhang zu stellen und so etwa die “prototypischen Strukturen” und möglichen “stets gleichen Muster” herauszuarbeiten.

Die Einleitung bleibt sehr kurz, die Reihenfolge der Texte wirkt willkürlich – etwa wenn auf eine Überblicksdarstellung der “Mediennutzung im Wandel” anhand der Daten aus der Langzeitstudie Massenkommunikation eine Skizze der Auswirkungen der Digitalisierung auf den Brockhaus Verlag (ohne jegliche Bezugnahme auf Rundfunk), dann eine recht detaillierte Vorstellung aktueller “Verschränkungen” von Social Web und Fernsehen über Second Screen (illustriert mit teils kaum entzifferbaren Grafiken) folgt usw. Und in vielen, zu vielen der insgesamt elf Beiträge wird kaum ein Zusammenhang mit dem Tagungsthema respektive den Leitfragen des Bandes herausgearbeitet. Verbindlichere Vorgaben an die Autorinnen und Autoren und eine stärkere Redaktion wären wünschenswert.

Ein Aufsatz immerhin bietet mehr als spezielle, kaum verbundene Detaildarstellungen: Reinhold Viehoff zeichnet, weit ausholend und gleichzeitig prägnant formulierend, einen kursorischen Abriss von fünf in der Menschheitsgeschichte entscheidenden “Medienrevolutionen”, nämlich die Entwicklung von Sprache, dann der Schrift, weiter des Druckwesens, schließlich der “industrialisierte(n) elektronische(n) Medienkommunikation” (33) mit Dampfpresse, Telegraph und Telefon, Film, dann Rundfunk und endlich, fünfter Umbruch, die Digitalisierung der Medien mit ihren “Begleiterscheinungen” Visualisierung, Virtualisierung und multimedialen Interaktionsmöglichkeiten. Die möglichen Folgen dieser bislang letzten “Revolution” sieht Viehoff skeptisch bis pessimistisch, könnten doch die Grenzen zwischen ‘fact’ und ‘fiction’ und damit auch klare, logische Strukturen schwinden (vgl. 44), könnte doch auch die “demokratietheoretische Rolle der Öffentlichkeit […] obsolet” (40f.) werden.

Wie in manchen Wundertüten gibt es auch sonst das eine oder andere Interessante zu entdecken. So wenn Dietmar Schiller anhand eines “Streifzug(s)” (156) durch die Geschichte der Country Music im US-Radio zum einen politische und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge verdeutlicht und zum anderen aufzeigt, wie der Medienwandel die Musikproduktion beeinflusst. So auch, wenn Melanie Fritscher anhand der Entwicklung des SWF-Schulfunks allgemein Aspekte des Wandels im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verdeutlichen sucht.

Insgesamt bleibt der schmale Band aber vielfach Detailbeschreibungen verhaftet oder bietet kaum mehr als unergiebige Pauschalbefunde, wie sie beispielsweise Christian Schurig in der (wohl unredigierten) Abmoderation einer eingangs dokumentierten Podiumsdiskussion liefert: “Umbrüche sind grundsätzlich nichts Schlimmes, sondern das kann man vielleicht auch mit dem Wort ‘Reform’ bezeichnen. Man kann es zum Positiven wenden, aber es gibt sicher auch dramatische Einbrüche” (30).

Zu einem neuen, tieferen Verständnis von Medienumbrüchen trägt die Vortragssammlung somit leider kaum bei.

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Über das BuchUwe Breitenborn, Gerline Frey-Vor, Christian Schurig (Hrsg.): Medienumbrüche im Rundfunk seit 1950. Reihe: Jahrbuch Medien und Geschichte, Band 2. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2013, 228 Seiten, 29,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseUwe Breitenborn, Gerlinde Frey-Vor, Christian Schurig (Hrsg.): Medienumbrüche im Rundfunk seit 1950. von Behmer, Markus in rezensionen:kommunikation:medien, 5. April 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16205
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Rezensent/in
Dr. Markus Behmer ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Mediengeschichte, Journalismusforschung und internationale Kommunikationspolitik. Aktuelle Publikation: Markus Behmer, Birgit Bernard, Bettina Hasselbring (Hrsg.): Das Gedächtnis des Rundfunks. Die Archive der öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Bedeutung für die Forschung. Wiesbaden [Springer VS] 2014.