Miriam Grabenheinrich: Journalismus und Diversity

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Rezensiert von Bärbel Röben

Einzelrezension

Schon lange ist Deutschland ein Einwanderungsland, doch in der journalistischen Ausbildung wird der Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt und Differenzsetzung, den ich bereits auf der DGPuK-Tagung 2003 als notwendige, neue Schlüsselqualifikation vorgestellt habe (vgl. Röben 2004: 265-275), nur selten vermittelt. Dank Miriam Grabenheinrichs umfangreicher Forschungsarbeit liegt nun endlich ein theoretisch fundiertes, in der Praxis erprobtes Konzept für die interkulturelle Sensibilisierung von Journalist*innen vor! Der Band ist in der Reihe “Ethnologie als Praxis” der Universität Tübingen erschienen.

Es handelt sich dabei um die erste ethnologische Untersuchung zur “Implementierung von Media Diversity in die journalistische Aus- und Fortbildung”, die Ethnologin Julia Bayer bereits 2013 in ihrer Dissertation anregte (Bayer 2013: 232ff.). Miriam Grabenheinrich, die Ethnologie studierte und mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung als Journalistin, Dozentin und Coachin hat, kennt beide Disziplinen und beschäftigt sich bereits seit 2010 mit der (mangelnden) Diversity-Kompetenz von Journalist*innen. In ihrem Forschungsprojekt verbindet sie wissenschaftliche Theorien und Methoden mit journalistischen Recherchen, um zu ermitteln, “wie JournalistInnen mit kultureller Diversität umgehen und welche Konsequenzen daraus für ethnologische Perspektiven in der journalistischen Aus- und Fortbildung resultieren” (275).

Ihrer Frage geht sie in acht Kapiteln nach. Zunächst beleuchtet sie das journalistische Berufsfeld und ermittelt mit einer Internet- und Telefonrecherche Diversity in Ausbildungsangeboten. Im August 2019 wird das Thema nur in Journalismusstudiengängen in Berlin und Nürnberg explizit angeboten. Um zu ermitteln, inwieweit sich Journalist*innen in der Aus- und Fortbildung mit kultureller Diversität beschäftigen und welcher Bedarf sich daraus für Diversity-Trainings ergibt, erforscht sie durch eine Fokusgruppenanalyse. Inhaltlich sollen die Trainingsteilnehmenden dafür sensibilisiert werden, dass sie “durch die Themenselektion und -reduktion eine mediale Wirklichkeit konstruieren, bei der die Mehrheitsperspektive dominiert.” Um die dafür notwendige Auseinandersetzung mit den Medieninhalten zu ermöglichen, führt sie eine Inhaltsanalyse durch, deren Fragestellung sie aus einer Bestandsaufnahme zur deutschen Berichterstattung über Menschen mit Migrationshintergrund ableitet. Sie stellt Defizite bei der Lokalberichterstattung fest und nur wenige Kategorien für Diversität. Besonders Menschen mit afrikanischer Migrationsgeschichte werden kaum thematisiert.

Theoretischer Rahmen für Grabenheinrichs Forschung ist der Diversity-Ansatz, der nach der kritischen Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff in der Ethnologie nicht mehr strukturorientiert ist. Grabenheinrich hebt drei Aspekte des modifizierten Diversity-Ansatzes hervor: zunächst seine Multidimensionalität, d. h. die Vielfalt von Dimensionen wie beispielsweise Geschlecht, Alter, Religion und Kultur. Dazu kommt – durch Erweiterung des Kulturbegriffs im Konzept der Superdiversität – seine Intersektionalität, d. h. es geht um verflochtene, multiple, variable Identitäten. Dritter Aspekt ist Repräsentationskritik, die eine “Reflexion der Normativität, SprecherInnenposition, Macht- und Entstehungskontexte” beinhaltet.

Gerade für das Erkennen von Dominanzstrukturen und Abgrenzungsprozessen bietet die postkoloniale Theorie “eine fundierte Basis – insbesondere mit ihrem Konzept des Othering”, erklärt sie. Die gesellschaftlichen Differenzordnungen, die in die Wissensdiskurse eingeschrieben sind, entstehen durch Kombination von Homogenisierung, Naturalisierung, Dichotomisierung und Hierarchisierung.

Diese vier Strategien ermittelt Grabenheinrich auch nach einer quantitativen und qualitativen Inhaltsanalyse von 60 Beiträgen über Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund in der WDR-Lokalzeit und der Neuen Westfälischen: Homogenisiert und naturalisiert werden sie beispielsweise durch Formulierungen wie “die Schwarzen”, “die Afrikaner”, “die afrikanische Kultur” sowie durch Trommelmusik und Bilder vom naturverbundenen und traditionellen Leben in Afrika. Bei der Dichotomisierung und Hierarchisierung werden “die Afrikaner” von “den Deutschen” abgegrenzt und “helfenden Deutschen” als “hilfsbedürftige, schweigende Afrikaner” gegenübergestellt (194).

Die Fokusgruppenanalyse setzt sich zusammen aus Unterrichtsbeobachtungen, schriftlichen Befragungen und Fokusgruppendiskussionen. Untersuchungsgegenstand sind insgesamt 16 Diversity-Veranstaltungen zwischen 2013 und 2018. Grabenheinrich nahm zunächst an zwei Diversity-Fortbildungen der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte teil und evaluierte zwölf Hochschulseminare für praktischen Journalismus und zwei Diversity-Testtrainings, die sie selbst durchführte. Da sie eigene Veranstaltungen evaluierte, reflektiert sie ihre zugrunde gelegte ethische Positionierung als Forscherin (vgl.156f.). Ergebnis der Fokusgruppenanalyse sind folgende Erwartungen an ein Diversity-Schulungsangebot: starker Praxisbezug (v. a. Wettbewerbsvorteile, Themenfindung, Produktanalyse), Hintergrundinformationen (v. a. Fakten über Minderheiten, Kultur, Diversität) sowie Soft Skills (v. a. Fremdwahrnehmung, Perspektivwechsel, Abbau von Vorurteilen) sowie Kreativitätstechniken und Handout mit Leitlinien für eine diversitätssensible Berichterstattung.

Aus Inhalts- und Fokusgruppenanalysen entwickelt Grabenheinrich ein didaktisches Konzept, das sie ausführlich erläutert. Die Steigerung der journalistischen Diversity-Kompetenz könne aber nur langfristig Erfolg haben, wenn ein ausdifferenziertes Verständnis dafür in den Medienbetrieben verankert wird – durch regelmäßige Lernangebote, ein ganzheitliches Leitbild, Einstellen von Diversitätsbeauftragten, Vernetzungen mit Migrant*innen-Organisationen oder Ethnolog*innen sowie ein höherer Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und natürlich: die regelmäßige Evaluation der Maßnahmen.

Grabenheinrichs Buch ist gut lesbar. Ergebnisse von Recherchen und Analysen stellt sie nicht nur im Fließtext, sondern auch in tabellarischen Übersichten dar, viele Anhänge und ein umfangreiches Inhaltsverzeichnis vervollständigen ihre Arbeit. Interessant sind die vielen Parallelen zwischen ihrer theoretischen Rahmung und der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung (u. a. Repräsentationskritik, Postcolonial Studies, Konstruktivismus, “Othering”), die Grabenheinrich leider ebenso wenig thematisiert wie ethnografische Methoden in der Genderforschung.

Bleibt zu hoffen, dass Diversity-Kompetenz endlich den Weg ins Pflichtcurriculum der journalistischen Ausbildung findet. Den Grundstein dafür hat Miriam Grabenheinrich mit ihrer Forschungsarbeit gelegt!

Literatur:

  • Bayer, Julia: Media Diversity in Deutschland. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf journalistische Praxis. Dissertation 2013. unter: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/16086/1/Bayer_Julia.pdf.
  • Röben, Bärbel: Der Umgang mit Differenzen als Schlüsselqualifikation. Vorstellung von Projekten zur Einführung einer interkulturellen Perspektive in die JournalistInnenausbildung. In: Neubert, Kurt/Scherer, Helmut (Hrsg.): Die Zukunft der Kommunikationsberufe. Ausbildung, Berufsfelder, Arbeitsweisen. Konstanz [UVK] 2004, S. 265–275

Links:

Über das BuchMiriam Grabenheinrich: Journalismus und Diversity. Umgang mit kultureller Diversität in der journalistischen Praxis und Konsequenzen für die Aus- und Fortbildung. Wiesbaden [Springer VS] 2023, 414 Seiten, 69,99 EuroEmpfohlene ZitierweiseMiriam Grabenheinrich: Journalismus und Diversity. von Röben, Bärbel in rezensionen:kommunikation:medien, 10. Juli 2023, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23863
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