Alla G. Bespalova, Horst Pöttker (Hrsg.): Mediensysteme in Deutschland und Russland

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Rezensiert von Jürg Häusermann

Einzelrezension

Alla Grigor’evna Bespalova ist 1956 geboren. Sie wuchs, so stelle ich es mir vor, mit der Komsomol’skaja Pravda, den Liedern von Radio Majak und den Serien des sowjetischen Fernsehens auf. Horst Pöttker, Jahrgang 1944, lernte lesen, als die ersten Ausgaben der Bild-Zeitung erschienen, und lebte als junger Mensch in einer Medienwelt, zu der der Internationale Frühschoppen ebenso wie Radio Luxemburg gehörte. 2003 haben sie ein gemeinsames Projekt gestartet, dessen Ziel u.a. ein “deutsch-russisches Journalistik-Wörterbuch” (12) war. Als Resultat liegt jetzt, nach dem Handbuch der journalistischen Genres, eine Aufsatz- und Materialsammlung mit dem Titel Mediensysteme in Deutschland und Russland vor. Sie ist aufgegliedert in die Teile Mediensysteme, Printmedien, Hörfunk, Fernsehen, Online-Medien und Agenturen. Fast ein Drittel des Umfangs nimmt eine Gegenüberstellung statistischer Daten zu Markt und Nutzung journalistischer Medien in beiden Ländern (Stand 2015) ein.

Die Artikel des Buchs beginnen mit Definitionen, leisten bei den einzelnen Medienformen einen Überblick über die Geschichte des jeweiligen Objekts und verweisen meist auch auf dessen Erforschung. Damit lassen sich viele Beiträge als Einführung in die Thematik lesen, und das Buch erlaubt russischen und deutschen Leser*innen einen Einblick in das jeweils andere Mediensystem und seine Formen.

Es sind die journalistischen Medien, um die es in diesem Handbuch geht. Unterhaltung, Werbung und nicht-öffentliche Kommunikation kommen zwar vor, werden aber in den einzelnen Texten zu den Themen Presse-, Radio-, Fernsehjournalismus, Internetpublizistik und Agenturen abgehandelt. Auch aktuelle Fragen der Pressefreiheit werden darin nur gestreift (mit Ausnahme des ausführlichen Artikels zum Thema “Medienregulierung” von Marcel Machill, Nikolaj Buslenko und Anna Kapustina, vgl. 40-49).

Am bereicherndsten aber finde ich das Buch als Dokument wissenschaftlicher Zusammenarbeit über kulturelle und politische Grenzen hinweg. Teilweise stehen sich Texte zum jeweils selben Thema gegenüber, geschrieben aus unterschiedlicher Perspektive von Menschen mit unterschiedlicher wissenschaftlicher Biografie. Zum Teil sind es aber auch Texte, die in gemeinsamer Arbeit von einem russisch-deutschen Gespann entstanden sind, in denen sich die Perspektiven abwechseln und informative vergleichende Darstellungen entstehen. Immer lässt sich aber erkennen, wie befruchtend, wie kreativ, aber auch wie provisorisch und mühsam die Zusammenarbeit dieser beiden wissenschaftlichen Traditionen und Kulturen sein kann.

Deshalb ist auch das Vorwort so spannend, das über sechs Seiten geht. Ich hätte es mir zehn Mal so lang gewünscht, weil es nicht von Mediensystemen handelt, sondern von der Unternehmung ‘interkulturelle wissenschaftliche Zusammenarbeit’. Es erklärt, dass die Entstehung jedes einzelnen Beitrags sieben aufwändige redaktionelle Schritte erforderte und sich so lange hinzog, dass in einem zusätzlichen achten Schritt inhaltliche Ergänzungen und die Aktualisierung von Daten notwendig wurden. Es lässt auch ahnen, wie vielfältig die sprachlichen und kulturellen Verständnisprobleme waren, die die E-Mails, die Telefonate und die gemeinsamen Abendessen und Taxifahrten geprägt haben müssen, die dem Projekt zur in beiden Ländern “eher selten zu findenden Qualität der Interkulturalität” (16) verholfen haben. Es weckt Lust auf eine Ergänzung der knappen Hinweise auf “gelegentliche Missverständnisse” mit Nahaufnahmen, Erzählungen und Anekdoten, die die Unterschiede in “Sprachen, Traditionen und Mentalitäten” (12) illustrierten. Der Wert dieses Unternehmens wäre für Außenstehende dann noch besser zu greifen. Es ließe noch mehr von den unterschiedlichen Wurzeln des Wissenschaftslebens in beiden Ländern erahnen, die – zumindest im sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereich – so unterschiedliche Pflanzen sprießen lassen. Das Buch ist erschienen, als Russland erneut die Ukraine angriff und einen Krieg begann, der noch immer andauert und dazu führte, dass wissenschaftliche Zusammenarbeit abrupt gestoppt wurde und damit nicht nur der Austausch über physikalische Grundlagenforschung abbrach, sondern auch auf solche hybriden Früchte des gegenseitigen Verstehens verzichtet wurde.

Im ersten Teil (Mediensysteme) befassen sich die Einführungen mit den Grundbegriffen Medien, Mediensystem, Medientypologie, Medienregulierung, Medienunternehmen. Dabei entstehen informative Handbuchtexte, etwa “Medien, Massenmedien” von Horst Pöttker und Evgenij Achmadulin (24-29), wo der Medienbegriff problematisiert, die Entwicklung der Informationsmedien in der Kulturgeschichte zusammengefasst und auf den aktuellen Gebrauch in Alltag und Wissenschaft hingewiesen wird. Ähnlich etwa der Artikel zum Thema “Mediensystem” aus der Feder von Marcel Machill und Evgenij Achmadulin, der mit gängigen Begriffen der Systemtheorie arbeitet und politische und ökonomische Probleme, die in späteren Beiträgen aufgegriffen werden, skizziert. Ebenso informativ und mit einem gemeinsamen didaktischen Ansatz präsentiert sich der Beitrag “Medienunternehmen” von Jürgen Heinrich und Julija Naumova (48-55). Zwar liegt der Schwerpunkt auf russischen Beispielen, aber der übergeordnete Anspruch, den Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen und politischen System herzustellen, wird dabei erfüllt. Systematisch vergleichend wird auch das Thema “Medienregulierung” (von Marcel Machill, Nikolaj Buslenko und Anna Kapustina, vgl. 40-47) behandelt, in dem die aktuellen Fragen der Möglichkeiten und Grenzen der Regulierung erörtert werden, nachdem schrittweise die Verhältnisse für die verschiedenen Medien in Deutschland und Russland einander gegenübergestellt worden sind.

Da hat man oft das Gefühl, dass sich Menschen zusammengesetzt, ihre Ideen verglichen und dann in einen gemeinsamen Text gegossen haben. Wie das (auch medial) vor sich gegangen ist und was dabei sonst noch zum Thema geworden ist, lässt sich nicht herauslesen; aber da z.B. kritische Hinweise auf die Besitzverhältnisse russischer Medien zu finden sind, die von deutscher und russischer Hand unterschrieben sind, kann man sich Aspekte der Auseinandersetzung ausmalen.

Die Leserin wird aber auch in weniger bekannte Gärten der jeweils anderen Kultur und ihrer Medienwissenschaft geführt, etwa beim Text “Medientypologie” von Alla Bespalova (34-40). Die Einteilung von Periodika nach Herausgeber, Zielpublikum, Funktionen, Aufgaben und Wirklichkeitsabbildung (Thematik) erinnert an akribische Beiträge zur Klassifikation von Objekten in anderen geisteswissenschaftlichen Domänen, etwa in der Linguistik. Im Artikel “Zeitungs- und Zeitschriftentypen” wird z.B. nach dem Verbreitungsgebiet unterschieden zwischen “supranationalen (globalen), allrussischen, regionalen und lokalen Zeitungen und Zeitschriften” (68). Schon das Wort “allrussisch”, wo der Westeuropäer “national” sagen würde, spricht Bände und erinnert daran, dass in Russland mit “national” die ethnische Zugehörigkeit und mit ihr eine jahrhundertealte Problematik gemeint wäre. Die weitere Unterteilung weist nicht nur “Länder-, Stadt-, Kreis- und Dorfpublikationen” auf, sondern auch “Korporativpublikationen”, also etwa Zeitschriften, die die Kollektive von Kolchosen und anderen Großbetrieben herausgaben – wiederum Hinweise zwischen den Zeilen auf eine ferne Welt.

Aufsätze zu einzelnen Medien sind zum Teil in Zusammenarbeit entstanden, zum Teil folgen sich jeweils ein deutscher und ein russischer Text. Frucht von Kooperationen sind z. B. alle Beiträge zum Thema “Hörfunk” (von Bernd-Peter Arnold, Vladislav Smirnov und Tatjana Lebedeva, vgl. 110-145). Hier wird regelmäßig zwischen der Darstellung deutscher und russischer Verhältnisse und ihrer Geschichte abgewechselt, auch wenn der Vergleich nicht ganz vollständig ist (so wird unter dem Titel “Radioprogamm”, vgl. 116-123, das Thema “Formatradio” nur in Bezug auf Deutschland abgehandelt). Auch der Abschnitt “Online-Medien” (vgl. 186-211) ist von einem Team (Klaus Meier und Vitalij Viničenko) erstellt worden, so dass durchweg eine einheitliche Vorstellung von öffentlicher Kommunikation erkennbar wird, bei der die Frage nach der Art der Interaktion der verschiedenen Akteure im Informationsprozess als Leitlinie dient.

Wenn sich zwei Artikel mit demselben Titel folgen, ist nicht immer ersichtlich, ob darüber ein Dialog geführt wurde. Über “Fernsehjournalismus” (vgl. 176-178) z. B. schreibt Mike Kortsch klar mit deutschen Beispielen zu einzelnen Gattungen, danach Roman Černov (vgl. 180-184) allgemein vor allem über journalistische Fernsehberufe. Man würde sich hier und in einigen anderen Fällen zumindest eine Moderation wünschen, die das übergeordnete Ziel der zwei Texte erkennen ließe.

Sämtliche Artikel liegen sowohl auf Deutsch als auch auf Russisch vor. Die Herausgeber*innen betonen, dass sie den Duktus der jeweiligen Sprache auch in der Übersetzung erkennen lassen wollten. Allerdings wurde da bisweilen zu viel des Guten getan – etwa, wenn in einem deutschen Satz das Verb fehlt, nur weil das im Russischen möglich ist. Auch in der Wortwahl vermisst man manchmal den kritischen Blick eines Korrektorats. So wird auf Seite 156f. aus einer “groben Unterscheidung” im Russischen ein “grundlegender Unterschied” (glubokoe različie). Auch die Überschriften lassen einen manchmal ratlos. Warum wurde für den ersten Artikel, der auf Russisch mit “Schlüsselbegriffe” (ključevye ponjatija) überschrieben ist, als deutsche Entsprechung der Ausdruck “Fachwörter” gewählt? Warum werden die deutschsprachigen Titel “Vertrieb und Verbreitung (Distribution)” beide Male gleich übersetzt (mit rasprostranenie – “Verbreitung”)?

Natürlich sind auch dies Aspekte, die zeigen, wie schwierig eine Zusammenarbeit über die geografischen und sprachlichen Grenzen hinweg sein kann. Aber einiges hätte man sich einfach etwas sorgfältiger redigiert gewünscht – besonders, wenn man im Buch durchgehend den Versuch der gegenseitigen Verständigung ungeachtet kultureller und politischer Gegensätze sieht.

Bis Russ*innen und Deutsche einen gemeinsamen Zugang zum Thema “Mediensysteme” haben, mag es noch lange dauern. Aber gerade auch deshalb ist es spannend, ein Buch vor sich zu haben, das erahnen lässt, wie ihre gegenseitige Annäherung aussieht, und das zeigt, dass trotz allem ein gemeinsames Werk entstehen kann.

Links:

Über das BuchAlla G. Bespalova, Horst Pöttler (Hrsg.): Mediensysteme in Deutschland und Russland. Handbuch. Reihe: Journalismus International, Bd. 9. Köln [Herbert von Halem] 2022, 364 Seiten, 34,- EuroEmpfohlene ZitierweiseAlla G. Bespalova, Horst Pöttker (Hrsg.): Mediensysteme in Deutschland und Russland. von Häusermann, Jürg in rezensionen:kommunikation:medien, 28. Februar 2023, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23706
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