Jürgen Wilke: Erlebtes und Erforschtes

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Ralf Spiller

Einzelrezension

Erinnerungen von Kommunikationswissenschaftlern in Buchform sind eher selten. Elisabeth Noelle-Neumann legte ihre 2006 vor. Nun hat Jürgen Wilke, einer ihrer ersten Schüler, ebenfalls ein Buch herausgebracht, in dem er Erlebtes und Erforschtes nachzeichnet. Bereits in den Vorbemerkungen betont Wilke, dass das Werk keinen wissenschaftlichen Anspruch habe (11), dennoch verweist er in über 200 Fußnoten auf zahlreiche Quellen, die es möglich machen, das auf knapp 300 Seiten Geschilderte zu vertiefen.

Die Ereignisse im Buch sind chronologisch geordnet. Auf Wilkes Geburt im Jahr 1943 in Goldap, einer Kleinstadt in Ostpreußen, folgen die Schulzeit in Trier, das Studium von Germanistik, Kunstgeschichte und Zeitungswissenschaft in Mainz und Münster sowie ein Volontariat beim Trierischen Volksfreund. Er beschreibt die Zeit der Promotion und Habilitation in Mainz und den raschen ersten Ruf auf eine Professur für Journalistik an der neu formierten katholischen Universität Eichstätt. Einige Jahre später folgte dann die Rückkehr nach Mainz auf den früheren Lehrstuhl von Elisabeth Noelle-Neumann, wo Wilke bis zu seiner Pensionierung blieb.

Der Autor zeichnet nach, wie wenig entwickelt das Fach noch in den 70er und 80er Jahren war, wie die Studierendenzahlen stetig anstiegen und damit der Bedarf an Professoren und Professorinnen wuchs. Damals war das Fach im Aufbruch und bot viele Chancen, während es aktuell eher konsolidiert erscheine, so Wilke (vgl. 291). Nach den verschiedenen Lebensstationen widmet sich Wilke jenen speziellen Themen, die das Leben eines Hochschullehrers ausmachen: Verwaltungsämter in der Hochschule, Fachgesellschaften wie IAMCR, ICA und DGPuK sowie Forschungsreisen und -projekte. Den Schluss bilden die Kapitel “Die Ambivalenz der neuen Freiheit” und “Vorläufige Bilanz”, in denen der Autor ein Resümee seines Berufslebens zieht.

Erlebtes und Erforschtes stellt ein Stück Fachgeschichte dar, verwoben mit einem persönlichen Schicksal. Es ist flüssig geschrieben, obgleich eher nüchtern in der Sprache. Längere, detaillierte Beschreibungen von Orten, Personen oder Ereignissen fehlen. Stattdessen wird aufgelistet, was alles besucht und gemacht wurde, ist um Vollständigkeit bemüht. Wie bestimmte Orte und Personen gewirkt, welche Gefühle und Assoziationen sie ausgelöst haben, wird kaum dargelegt. Dabei wäre das besonders interessant gewesen.

Jürgen Wilke war eine Größe im Fach. In seinem Spezialgebiet, der Geschichte von Kommunikation und Medien, kam kaum jemand an ihm vorbei. Er war in den frühen Jahren der DGPuK ihr Vorsitzender, Leiter der Historical Section der IAMCR und über ein Jahrzehnt im Beirat des Freien Russisch-Deutschen Instituts für Publizistik. Dieses war als unabhängige Einrichtung der Moskauer Lomonossow-Universität angegliedert und förderte den deutsch-russischen Journalistenaustausch. Zudem war Wilke sehr produktiv, gab etliche Bücher als Herausgeber zu seinen Interessengebieten heraus, schuf ein Standardwerk zur Medien- und Kommunikationsgeschichte und veröffentlichte ebenfalls viel mit Mitarbeitern und Absolventen. Rund 350 Abschlussarbeiten (Diplom- und Magisterstudiengang) betreute er in Mainz und Eichstätt (vgl. 294).

Verwunderlich ist, dass Wilke sich mit keinem Wort dazu äußert, dass an seinem Institut in Mainz nach seiner Emeritierung die historische Perspektive anscheinend keinen Platz mehr hat, ja dieser Forschungsstrang in der Kommunikationswissenschaft insgesamt deutlich an Bedeutung verloren hat. Hier verweist er lediglich auf einen anderen Beitrag von ihm (vgl. 293). Dabei hätte man dazu gerne mehr gehört. Denn was nutzt alle Produktivität, wenn das Interesse an Geleistetem und noch zu Leistendem stetig schwindet? Ein solcher Blick könnte Resignation auslösen. Doch das ist seine Sache nicht. Wilke blickt in Dankbarkeit zurück: “Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt” (297).

Fazit: Das Buch bietet interessante Einblicke in das Leben eines Kommunikationswissenschaftlers, der die Veränderungen des Fachs in vollem Umfang miterlebt und geprägt hat. Ein Stück Fachgeschichte – persönlich erzählt.

Literatur:

  • Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen. München [Herbig Verlag] 2006

Links:

Über das BuchJürgen Wilke: Erlebtes und Erforschtes. Erinnerungen. Reihe: Presse und Geschichte – Neue Beiträge, Bd. 153. Bremen [edition lumière] 2022, 298 Seiten, 24,80 EuroEmpfohlene ZitierweiseJürgen Wilke: Erlebtes und Erforschtes. von Spiller, Ralf in rezensionen:kommunikation:medien, 13. Dezember 2022, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23541
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