Markus Tausendpfund (Hrsg.): Empirische Studien lesen

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Rezensiert von Ralf Spiller

Einzelrezension

Empirische Studien gehören für die meisten Sozialwissenschaftler*innen zum täglich Brot. Derlei Studien zu verstehen, richtig einzuordnen und bewerten zu können, ist wichtig und sollte Teil jeder sozialwissenschaftlichen Ausbildung sein. In der Praxis wird ein solches Verständnis an Hochschulen jedoch eher implizit als explizit vermittelt. So kommt es, dass Studierende in Abschussarbeiten häufig auf fragwürdige Studien Bezug nehmen oder sogar ihre eigene Analyse auf solchen aufbauen.

Es ist daher sehr gut, dass es nun eine Publikation gibt, die dabei helfen soll, empirische Studien richtig zu lesen. Im Bereich der klinischen Studien gibt es bereits einige solcher Werke, wie die von Benesch/Raab-Steiner (2018) oder Hinneburg (2015).

Der Band von Tausendpfund stellt neben einem Einführungsaufsatz des Herausgebers sieben Studien verschiedener Autor*innen vor, anhand derer das Lesen und Einordnen empirischer Ergebnisse geübt werden soll. Die Beiträge behandeln Fragen der politischen Unterstützung, der sozialen Herkunft, der sozialen Ungleichheit sowie der Wahlbeteiligung. Jede der Studien ist etwa 20 – 30 Seiten lang und basiert auf öffentlich zugänglichen Datensätzen wie der Allbus Erhebung, des European Social Survey (ESS) oder des GESIS Panels. Diese Datensätze sind in der Regel repräsentativ für die deutsche Bevölkerung und umfassen mehrere Tausend Teilnehmer*innen. In einigen grau abgesetzten Kästen werden ein paar Klassiker der Sozialwissenschaften kurz erklärt (z.B. auf Seite 114), das gleiche gilt für wichtige Begriffe und Konzepte, wie z.B. Alters-, Kohorten- und Periodeneffekte (143) oder Hauptkomponenten- und Faktorenanalyse (147).

Leider verspricht der Titel mehr, als er zu halten imstande ist. Denn das Buch behandelt nur einen Typus von empirischen Studien: Befragungen, die mit Hilfe von Regressionsanalysen ausgewertet werden. Dabei folgen alle sieben Studien demselben Muster: Es gibt eine abhängige Variable, die von mehreren unabhängigen Variablen beeinflusst wird. Mit Hilfe verschiedener Regressionen wird nun dargelegt, ob ein Einfluss vorliegt und wenn ja, wie groß dieser ist. Dabei werden Leser*innen schrittweise durch die Berechnungen geführt. Andere Studiendesigns wie z.B. Experimente tauchen nicht auf.

Trotz einiger Erklärkästen werden immer noch viele Kenntnisse vorausgesetzt, wie z.B. die Bedeutung von konfundierenden Variablen, Mediatorvariablen oder Konsistenzchecks. Auch die Bedingungen für die Berechnung von Regressionen werden vorausgesetzt und nicht erläutert.
Der Fokus der Studien liegt eindeutig auf der Berechnung von Regressionen. Auf andere Qualitätsmerkmale empirischer Studien, wie eine hinreichende theoretische Fundierung oder eine gelungene Operationalisierung wird nicht detailliert eingegangen.

Fazit: Wer eine empirische Studie besser verstehen will, bei der die Daten mit Hilfe einer Regression analysiert wurden, kann in dem Band einige hilfreiche Hinweise finden. Für andere Arten empirischer Studien gibt der Band wenig her. Für eine breitere Leserschaft wäre es besser gewesen, nicht nur Fragestellungen aus der Soziologie und Politikwissenschaft zu behandeln, sondern auch aus anderen Sozialwissenschaften wie der Kommunikationswissenschaft, der Psychologie und der Pädagogik.

Literatur:

  • Michael Benesch, Elisabeth Raab-Steiner: Klinische Studien lesen und verstehen. Wien [facultas] 2018
  • Iris Hinneburg: Klinische Studien kritisch lesen. Therapiestudien, Übersichtsarbeiten, Leitlinien. Stuttgart [Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft] 2015

Links:

Über das BuchMarkus Tausendpfund (Hrsg.): Empirische Studien lesen. Einführung in die Praxis der quantitativen Sozialforschung. Wiesbaden [Springer VS] 2021, 228 Seiten, 40,44 EuroEmpfohlene ZitierweiseMarkus Tausendpfund (Hrsg.): Empirische Studien lesen. von Spiller, Ralf in rezensionen:kommunikation:medien, 8. August 2022, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23412
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