Sammelrezension Vertrauen und Journalismus

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Rezensiert von Beatrice Dernbach

Sammelrezension

Vertrauen ist eines der Buzzwords in der öffentlichen Kommunikation der vergangenen Jahre. Vertrauen Menschen in Krisenzeiten der Wissenschaft – wie es der Wissenschaftsbarometer von Wissenschaft im Dialog belegt –, so genießen PolitikerInnen und JournalistInnen nicht viel davon (wie es der Trust Barometer des Unternehmens Edelman jährlich zeigt). Letzteres messen unter anderem die Wissenschaftler der Universität Mainz, mit insgesamt doch eher beruhigenden Erkenntnissen für die Branche. Das Vertrauen in (!) Journalismus wird in der empirischen Forschung häufig und noch immer mit Medienvertrauen gleichgesetzt, obwohl es nicht das Gleiche ist.

Einen wesentlichen Beitrag zu dieser Unterscheidung plus einer zudem nicht (!) rezipientenorientierten Perspektive der Vertrauensforschung im (!) Journalismus haben Bernadette Uth und Nina Steindl vorgelegt. Beides sind Dissertationen und beide Autorinnen blicken ins Innere des Journalismus, indem sie einerseits die redaktionellen Strategien der Vertrauensbildung (Uth), andererseits die Determinanten und Konsequenzen des Vertrauens von (!) Journalist:innen (Steindl) thematisieren und analysieren. Während die Münsteranerin Uth stark angelehnt an das Systemverständnis von Journalismus ihres Doktorvaters Bernd Blöbaum arbeitet und ihre Fragen und Thesen mittels einer qualitativen, explorativ-deskriptiven Studie zu beantworten sucht, wertet die Doktorandin von Thomas Hanitzsch die in der Worlds of Journalism Study gesammelten Befragungsdaten sekundär aus und unterfüttert sie mittels einer Inhaltsanalyse.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass beide Forscherinnen sich über eine Exegese der Beiträge zu Vertrauen – im Falle Steindl noch stärker interdisziplinär – annähern. Das bietet nicht nur einen guten Überblick, sondern auch einen sehr guten Einstieg in das jeweilige (empirische) Projekt.

Bernadette Uth will herausfinden, wie Redaktionen die Vertrauensbeziehung zu ihrem Publikum wahrnehmen und welche Strategien beziehungsweise Maßnahmen sie zu deren Pflege konzeptionieren und umsetzen. Sie hat selbst mit 29 Personen (davon zwei Ombudspersonen bzw. eine Redakteurin in Doppelfunktion) aus 27 Redaktionen, quer über die Republik verteilt, gesprochen. Ihr Instrumentarium entwickelt sie theoretisch vor allem basierend auf den Ausführungen zu Qualität und Qualitätsmanagement (v.a. Stephan Ruß-Mohl und Klaus Arnold) und dem Kriterium der Transparenz (u.a. Klaus Meier).

Ihre Ergebnisse überraschen nicht, sind in sich schlüssig und nachvollziehbar. Sie hat drei Haupttypen der redaktionellen Vertrauensbildung identifiziert (vgl. 305): die Qualitätsorientierten, die Publikumsnahen und die Transparenten. Die Begriffe sind Programm und identisch mit den von den Befragten fokussierten Maßnahmen der Qualitätssicherung, zur Publikumsbindung und der Transparenz. Als ebenfalls wichtig kristallisiert Uth aus den Interviews Maßnahmen zur Medienkompetenzvermittlung, zum Fehlermanagement und zur Evaluation heraus.

Die Redakteurinnen und Redakteure definieren vier wesentliche individuelle Professionalitätsmerkmale, die für die Vertrauensbildung nach außen wichtig sind: Kompetenz, Integrität, Gemeinwohlorientierung und Unabhängigkeit. Dazu und in allen anderen Passagen des Ergebnis-Kapitels 8 sind viele direkte Zitate nachzulesen. Das ist bisweilen anstrengend und ein bisschen zu viel, aber auch sehr aufschlussreich und illustriert gut, wie Bernadette Uth zu der Feststellung kommt, dass es eine große Einigkeit unter den Befragten beziehungsweise einen großen Konsens auch im Vergleich zu den Publikumsbefragungen gibt, andererseits aber auch unterschiedliche Akzentuierungen identifizierbar sind. Für die redaktionelle Praxis hat die Wissenschaftlerin ein Analyseraster ausgearbeitet (vgl. 342), das in der Redaktion zur Selbstvergewisserung eingesetzt werden kann, um die Wertigkeit, den Status Quo und das Potenzial von vertrauensbildenden Maßnahmen sichtbar zu machen – und daraus möglicherweise auch ein Leitbild zu formulieren.

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Ganz anders gelagert ist die Studie von Nina Elvira Steindl. Ihre zentrale Frage lautet: Wodurch kann das politische Vertrauen deutscher JournalistInnen erklärt werden und inwiefern drückt sich dies in der von ihnen produzierten Berichterstattung in Zeitungen aus (vgl. 25)? Dafür verknüpft sie zunächst Dimensionen des Vertrauens mit politikwissenschaftlichen Ansätzen. Dabei heraus kommt ein differenziertes Raster politischen Vertrauens, das sich in Unterformen nach drei Vertrauensobjekten spezifiziert: Vertrauen in repräsentative oder regulative Institutionen sowie in PolitikerInnen (vgl. 44, Abb. 2). Das theoretisch ausgearbeitete Konstrukt ist überzeugend, aber seine Komplexität erfordert eine konzentrierte Lektüre der Kapitel 2 bis 4.

Herausgegriffen sei nur eine wesentliche Annahme: Die Frage danach, wie sehr Journalistinnen und Journalisten politischen Akteuren vertrauen, hat Konsequenzen für die/ihre (politische) Berichterstattung und damit für die öffentliche Wahrnehmung von Politik. Operationalisiert wird das theoretische Modell in Form zweier Teilstudien: Aus dem Sample der 773 in der Worlds of Journalism Study befragten deutschen JournalistInnen hat Steindl 106 Zeitungsredakteurinnen und -redakteure ausgewählt, für die sie die Befragungsergebnisse und in einer Linkage-Analyse deren politische Tageszeitungsbeiträge gekreuzt hat. Sie entwickelt auf der kulturalistischen (soziales Vertrauen, Generation, Bildung), der institutionalistischen (Zufriedenheit mit z.B. den Leistungen der Politik, der Wirtschaftslage etc.) und der individuellen Ebene (Tätigkeit im Politikressort, Berufserfahrung und Identifikation mit der neutralen Vermittlerrolle) jeweils eine Batterie von Hypothesen und Kategorien beziehungsweise Variablen (vgl. 175). Die Vertrauensindikatoren bei der Inhaltsanalyse waren – unterschieden nach Politik- und Objektdarstellung – zum Beispiel Objektivität, Negativismus, Emotionalisierung und Personalität, konkreter Tonalität, Konflikt, Konfrontation, Charaktereigenschaften usw. (vgl. 191).

Springen wir über die Kapitel 6 und 7 mit den Ergebnissen der Teilstudien schnell hinweg und nehmen nur zwei zusammenfassende Zitate mit zur Conclusio in Abschnitt 8 (vgl. 302-320). “Damit belegen die Befunde [aus Teilstudie 1; BD], dass einerseits ein differenzierter Blick auf das politische Vertrauen lohnend ist. Andererseits bestätigen sie den Trend, wonach repräsentativen Institutionen weniger Vertrauen entgegnet wird als regulativen, und PolitikerInnen die am wenigsten vertraute Institutionengruppe sind” (249). Und aus Teilstudie 2 das Fazit: “Die Befunde weisen insgesamt darauf hin, dass ein Einfluss durch das Vertrauen der JournalistInnen nicht gänzlich zu vernachlässigen ist und die als Vertrauensindikatoren ausgemachten Facetten der Berichterstattung künftig genauer untersucht werden sollten. Zugleich ist zum Vertrauenseinfluss auf die Berichterstattung aber anzumerken, dass die Effekte zum Teil relativ schwach sind, sodass Vorsicht bei der Interpretation geboten sein sollte. Dies mag freilich daran liegen, dass die Berichterstattung von zahlreichen Einflüssen betroffen sein kann.” (287-288). Oder kurz: Journalistinnen und Journalisten stehen der politischen Elite ein wenig kritischer gegenüber als der Durchschnitt der Bevölkerung, positionieren sich damit aber sehr gut mit ihrer Rolle des kommentierenden Beobachters politischer Akteure und Prozesse und prägen damit die “in der deutschen Journalismuskultur verankerte(n) normative(n) Orientierung als neutrale VermittlerInnen” (319).

Ein pragmatischer Mensch und praktischer Journalist könnte nun mit Blick auf beide Arbeiten fragen: So viel Investment für eine solch schmale Erkenntnis? In der Tat war der jeweilige Aufwand groß und die empirischen, belastbaren Erkenntnisse sind überschaubar. Aber der Wert beider Studien liegt vor allem in der Aufbereitung und Operationalisierung des sozialpsychologischen und komplexen Phänomens Vertrauen im System Journalismus. Bernadette Uth und Nina Steindl ist es gelungen, diese Komplexität in ihrer Untersuchungsanlage zu reduzieren.

Leider haben weder ressourcenstarke Unternehmen noch Medienorganisationen noch politische Akteure ein Interesse daran, das Phänomen Vertrauen im Journalismus in die Breite und Tiefe zu untersuchen. Gerade in Zeiten, in denen die Medien und der Journalismus als “systemrelevant” bezeichnet werden, sollte es eine selbstverständliche öffentliche und öffentlich reflektierte Auseinandersetzung des Journalismus mit sich selbst im Hinblick auf seine gesellschaftliche Funktion geben – unter Hinzuziehung eines kritischen und kompetenten Publikums. Damit einher geht die seit Jahrzehnten geforderte Medienkompetenz bei den Rezipientinnen und Rezipienten. Mit diesem Stichwort schließt sich der Kreis in der Betrachtung der beiden hier besprochenen Publikationen. Journalistinnen und Journalisten können, auch im Verbund mit den Redaktionen, Vieles zum Medienkompetenzerwerb der Menschen beitragen. Aber leider können sie damit kein Geld verdienen.

Links:

Über das BuchBernadette Uth: Hochwertig, transparent, publikumsnah. Eine qualitative Analyse redaktioneller Strategien der Vertrauensbildung im Journalismus. Baden-Baden [Nomos] 2021, 407 Seiten, 84,- Euro

Nina Elvira Steindl: Geleitet von Vertrauen? Determinanten und Konsequenzen des Vertrauens von JournalistInnen in Deutschland. Köln [Herbert von Halem] 2021, 360 Seiten, 36,- EuroEmpfohlene ZitierweiseSammelrezension Vertrauen und Journalismus. von Dernbach, Beatrice in rezensionen:kommunikation:medien, 8. Juni 2022, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23209
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