Martina Bachor, Theo Hug, Günther Pallaver (Hrsg.): DataPolitics

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

DataPolitics ist gewiss ein smarter, eindrücklicher Terminus. Gleichwohl bleibt er unscharf, wenn nicht beliebig, nach der Lektüre dieses Sammelbands: Meint er etwa das intransparente, gefährliche Datenmanagement besonders der internationalen IT-Konzerne (wozu gern auch die Studie S. Zuboffs vom Überwachungskapitalismus angeführt wird)? Oder meint er die mehr oder weniger wirksamen Regelungsversuche von EU und Nationalstaaten, um die unkontrollierten Datenströme und -aneignungen einigermaßen gesetzlich zu regeln und unter Kontrolle zu bringen? Oder meint er die verzweifelten Bestrebungen vieler zivilgesellschaftlicher Initiativen, Alternativen zur kommerziellen Datenherrschaft der Konzerne zu entwickeln, die meist allenfalls in Nischen vorankommen? Oder meint er alles (und noch einiges mehr) zugleich? Die Herausgebenden dieser hier dokumentierten Ringvorlesung an der Universität Innsbruck umgehen terminologisch-analytische Klärungen und belassen es beim mehr oder weniger gezielten “Umgang mit Daten”. Nur zwei Beiträge befassen sich explizit mit DataPolitics und Digital Citizenship; die restlichen neun streuen hingegen breit.

Nach drei Grußworten des Rektors und der Sponsoren der Veranstaltung beschäftigt sich der erste Beitrag mit dem damals neuen Geschäftsmodell des Datenextraktivismus und der damit implizierten Zersetzung demokratischer Regeln und Prozesse. Er zeigt dies anhand des Wahlkampfes und der Präsidentschaft Trumps sowie des verheerenden Microtargeting und der subversiven Trackingtechnologie der (inzwischen aufgelösten) Firma Cambrigde Analytica. Unweigerliche Folgen, so der Autor, seien “autoritäre, populistische Politiken, die Kritik und Widerspruch unterdrücken” (31).

Ganz anders, nämlich grundsätzlicher geht der zweite Beitrag vor, der zu Beginn DataPolitics lapidar als ein gänzlich verändertes “Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, Bürger*in und Staat” (36) umschreibt. Nach der Klärung eines soziologischen Wissensbegriffs (in Abgrenzung zu Information) belebt er anhand der “physique social” des belgischen Pioniers der Sozialstatistik, Adolphe Quetelet, die inzwischen algorithmisch gewendete Sozialphysik und zeigt erneut dessen normative Blindstellen auf. Der dritte Beitrag unterstellt eine machiavellistische Expertokratie der Medizin während der Pandemie, der die Politik widerstandslos folgt und so mit Fake News, Kommunikationswirrwarr und Überwachungstechniken die gesamte Gesellschaft zwangshospitalisiert. Allein Ungarn und Polen setzen sich in der EU dagegen zur Wehr (sic!). Anhand der Snowden-Dokumente und mit theoretischem Rekurs auf Foucaults Theorie des Panoptismus sowie auf einschlägige empirische Studien will der vierte Beitrag belegen, dass mit dem Gefühl des ständig Beobachtetwerdens Internetznutzer und -nutzerinnen ihr Kommunikationsverhalten ändern, subtile Selbstzensur ausüben oder ganz auf Online-Austausch verzichten. Dazu hätte man gern valide empirische Daten angeführt bekommen, der Verweis auf Foucaults Theorem entschädigt dafür nicht.

Eher deskripitiv und solide umreißt der nächste Beitrag mögliche “Datenpolitiken”. Zunächst beschreibt er die Data Politics ‘von oben’: von Unternehmen, die – oft in Zusammenarbeit mit staatlichen Instanzen – hybride Prozesse der “Kapitalisierung, Kommodifizierung und des In-Wert-Setzens von Daten und ihren Beziehungen” (95) bewirken, aber auch von Staaten, einerseits als meist wenig mächtige, präventive Kontrollmaßnahmen, andererseits wie in China als umfassendes Social Scoring Project; sodann ‘von unten’ als Datenaktivismus und Data Justice sowie als Digital/Data Citizenship zivilgesellschaftlicher Organisationen, die über die Data Literacy hinaus community-basierte Fähigkeiten und Umgangsformen anstreben. So sollen bewährte Werte auch in der datengetriebenen Welt erhalten und bestärkt werden.

Eingehender noch stellt der nächste Beitrag das Konzept des Digital Citizenship vor: Verstanden als gesellschaftliche Teilhabe über digitale Medien versuchen engagierte Gruppen die schwelende Erosion der “Staatsmacht” aufzuhalten und allgemein die Bürgerrechte zu stärken. Konkrete Aktivitäten fokussieren sich auf Datenaktivismus, Clicktivism und endlich auch auf Hacktivism, um digitale Kulturtechniken unter digitalen Alternativen zu verbreiten. Datenschutzrechtliche Bestimmungen für Bildungsdaten führt der nächste Beitrag wiederum deskriptiv auf. Nach einem Überblick des Forschungsfeldes Learning Analytics benennt er die rechtlichen Bestimmungen für Datenschutz, Vertraulichkeit, Privatsphäre und dementsprechend den Einsatz digitaler Lernmaterialien und -umgebungen. Gerne hätte man konkrete Beispiele oder empirische Daten dafür vorgelegt bekommen, wie rechtskonforme Konzepte des Trusted Learning Analytics praktiziert werden.

Ähnlich skizziert der folgende Beitrag, welche Leitlinien und Empfehlungen wissenschaftliche Organisationen wie die DFG und wissenschaftliche Gesellschaften für den Umgang mit und das Management von digitalen Forschungsdaten haben bzw. in der Forschungspraxis erwarten. Ziel ist es, die Forschungsdaten transparent, nachhaltig und verantwortungsvoll im Kontext von Wissenschaft und Forschung zu handhaben, auszuwerten und zu speichern. Besonders sensibel sind Daten qualitativer Forschung, die ja insbesondere den Schutz der Beforschten implizieren, was in dem Beitrag allerdings nicht thematisiert wird. Über Verschwörungsmythen von Corona dringt der nächste Beitrag weit bis zu (antisemitischen) mittelalterlichen Ritualmorden vor und will illustrieren, dass humanistische Werte schon immer bedroht waren.

Wenn Daten nun die digitale Gesellschaft schmieren wie das Öl die industrielle und Datenschürfen der Raubbau an der Natur heute ist, entlarven sie ihre ideologische Funktion als vermeintlich natürliche, selbstverständliche und unausweichliche Produktion vor allem personenbezogener Daten, argumentiert der vorletzte Beitrag. Dagegen gilt es Alternativen und Gegenstrategien zu motivieren, indem dezentrale, individualisierende Lösungen gesucht, die Kommodifizierungen der Apparate und Programme eingehegt oder unterlaufen, eine “democratic date gouverance” der “commons” weltweit errichtet (172) und dezentrale Netze (Fediverse) installiert werden. Schließlich liefert der letzte Beitrag zehn konkrete Schritte, wie “digitale Mündigkeit” des einzelnen bewahrt oder wiedergewonnen werden kann – freilich mit dem nachdrücklichen Appell eingangs, dass die Gesellschaft als ganze dafür Verantwortung trägt.

Insgesamt fällt auf, dass die eher politisch orientierten Beiträge bei ihrer rhetorischen Vehemenz mit vielen wirkungsanalytischen Prämissen arbeiten, ohne dafür hinreichend empirische Belege oder auch nur konkrete Beispiele zu liefern, während die eher deskriptiven Beiträge sich auf die Beschreibung und Abhandlung vorhandener Aktivitäten und die Existenz einschlägiger normativer Regelungen konzentrieren. Aber auch ihnen mangelt es noch an entsprechenden Konkretionen und Veranschaulichungen. So bleibt für das Themen- und Forschungsfeld DataPolitics noch viel analytische Arbeit zu leisten. 

Links:

Über das BuchMartina Bachor, Theo Hug, Günther Pallaver (Hrsg.): DataPolitics. Zum Umgang mit Daten im digitalen Zeitalter. Innsbruck [Innsbruck University Press] 2021, 126 Seiten, 28,90 EuroEmpfohlene ZitierweiseMartina Bachor, Theo Hug, Günther Pallaver (Hrsg.): DataPolitics. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 2. Dezember 2021, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23062
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