Hedwig Wagner (Hrsg.): Europäische Medienwissenschaft

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

Dies sei für den deutschsprachigen Raum die erste Publikation, die der “Verschränkung von Europa und Medien” “grundlegend” nachgeht (7), verkündet in ihrer umfänglichen Einleitung die Herausgeberin selbstbewusst, die an der Universität Flensburg seit 2016 Europäische Medienwissenschaft vertritt – um am Ende (26) kleinlaut einräumen zu müssen, dass eine “Europäische Medienwissenschaft […] noch aus[steht]”. In dieser wenig strukturierten, unübersichtlichen Einleitung führt sie etliche Kategorien und mögliche Zugänge auf, die die Programmatik und Praxis dieses Faches begründen und leiten sollen. So eröffnen sich vier “grundsätzliche mögliche Bezugsrahmen”, nämlich 1) Europa in den Medien; 2) Medien für Europa; 3) Medien(gebrauch) in Europa; 4) Europa durch Medien (14).

Doch anstatt für diese Dimensionen vorliegende Studien und Befunde systematisch und möglichst erschöpfend aufzuarbeiten (und dabei auch über den Tellerrand einer eng verstandenen deutschen Medienwissenschaft hinauszuschauen1) und gravierende Defizite aufzuzeigen, springt sie eilends zur nächsten Thematik, führt vermeintlich wichtige europäische Wissenschaftsakteure an und reiht ein Desiderat ans andere. So bilanziert sie in ihrem Fazit nochmals negativ: “Die Berücksichtigung geographischer, institutioneller und nationaler Koordinaten in der medienwissenschaftlichen Theoriebildung steht für das Erfassen der Europäischen Medienwissenschaft bisher aus” (30) – ohne dass dafür überzeugend und hinreichend wissenschaftlich-empirische Beweise vorgelegt worden wären.

Folgerichtig können auch die versammelten acht Beiträge, deren Autorinnen und Autoren vorwiegend ebenfalls aus dem Flensburger wissenschaftlichen Umfeld und nur drei aus dem europäischen Ausland (Utrecht, Lyon und Luxemburg) stammen, nicht mit vielfältigen, evidenten Befunden aufwarten, sondern bewegen sich ebenso in (wissenschafts)theoretischen, epistemologischen oder heuristischen Bahnen. Immerhin zeigt J. Nesselhauf, Juniorprofessor an der Universität des Saarlandes, in seinem ersten Beitrag ohne disziplinäre Scheuklappen den Stand der allgemeinen Medienkomparatistik, ihre theoretischen und methodischen Grundlagen, ihre gegenständlichen Dimensionen, den Stand der Vorarbeiten auf, um am Ende einen kurzen Ausblick auf eine europäischen Medienkomparatistik zu werfen, die von der fraglos (traditions)reicheren europäischen Literaturkomparatistik ausgehen könnte. Ganz anders setzt der Flensburger Medienpädagoge C. Filk zu einem grandiosen, aber schwer nachvollziehbaren Wurf für eine „Europäische Medienkulturwissenschaft” – sie gibt es für ihn offenbar schon – “im strukturellen digitalen Gesellschaftsumbruch” an (61). In seinem umfangreichen Beitrag, bei dem er erklärtermaßen auf eigene frühere Arbeiten von 2009 (!) zurückgreift, entwirft er “mögliche (Selbst-)Beobachtungs – und Selbst-Beschreibungslogiken einer Europäischen Medienkulturwissenschaft” als wachsende Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen wissenschaftlicher Erkenntnis – um freilich am Ende einzuräumen, es könne nicht geklärt werden, ob “es sich bei Europäischer Medienkulturwissenschaft um eine Disziplin oder um ein Forschungsprogramm” handele (103).

Konstruktiver fokussiert sich der Hamburger Medien- und Filmwissenschaftler T. Weber primär auf das Zusammenspiel europäischer Kulturen und bietet als “epistemologische Perspektive” sieben “zentrale ‘Ordnungen des Medienwissens'” (116) relativ beliebig – an: nämlich “Aisthesis”, “kognitive Distinktionen”, “Bedeutungssysteme”, “mediale Milieus”, “historische Singularität”, “Medien als Dokumente” und “epistemologische  Relevanz”. An zwei Beispielen europäischer Erinnerungskultur, nämlich an der Aufarbeitung des Holocaust und der soziale Bewegungen von 1969 bis 1989 im Film und auf Video, arbeitet er immerhin evidente Unterschiede und Gemeinsamkeiten europäischer Kulturen und Identitäten heraus.   

Was Medienkulturanalyse alles sein könnte und worauf sie theoretisch und kulturhistorisch rekurriert, skizziert der Flensburger Literatur- und Sprachwissenschaftler M. Bauer in einem weitschweifigen Cours d’horizont, ohne zu einem konzisen Ergebnis zu kommen, weder für diesen Ansatz allgemein noch für Europa im Speziellen. Konkretere und anschaulichere Untersuchungsbefunde stellt E. Krivanec, Juniorprofessorin für Europäische Medienkultur in Weimar, vor. Anhand ausgewählter Beispiele von Theater- und Filmaktivitäten in den drei Hauptstädten Paris, Lissabon und Berlin illustriert sie, wie kulturelles Leben auch in den Krisenzeiten der beiden Weltkriege weiter bestand und wie Zeitgenossen seinerzeit damit umgingen. Auf theoretischer Ebene sehr pauschal, anhand von drei Fallstudien zu anonym bleibenden Wissenschaftlern beispielhaft skizziert die französische Kommunikationswissenschaftlerin S. Cordonnier “Unzulänglichkeiten” (207) im internationalen Austausch von Kommunikations- und Medienwissenschalter*innen. Plausibler wäre es hingegen (gewesen), gemeinsame Untersuchungsfelder einer weitgehend globalisierten Medienwelt und breit international anerkannte Ansätze und Methoden der Disziplinen aufzuzeigen.

“Was ist Europäische Medienkultur?” fragt erneut die ehemalige, 2013 verstorbene Juniorprofessorin S. Neef (Weimar) in diesem schon 2004 veröffentlichten Essays. Sie nähert sich dieser Frage in vielen metaphorischen und kulturhistorischen Exkursen an, indem sie sich auf den Begriff der Übersetzung und den von “Europa” konzentriert, den es fortwährend neu zu denken gilt. Am Ende findet sich eine deutsche Übersetzung der Einleitung, die der Utrechter Medienwissenschaftler A. Badenoch und sein Luxemburger Kollege A. Fickers 2010 für ihren Sammelband Materializing Europe. Transnational Infrastructures and the Projekt of Europe verfassten. Darin entwickeln sie die These, dass europäische (Mega)Ereignisse wie der “Eurovision Song Contest”, Eröffnungen von europäischen Verbindungswegen und Brücken, aber auch die Reise des Eurostars für viele die abstrakten europäischen Infrastrukturen und Behörden, ihre Legitimation sowie die Identität eines europäischen Kulturraums plastischer vermitteln und näher bringen können als unzählige Verlautbarungen und Dokumente. Resümiert man die medienwissenschaftliche Ausbeute dieser acht Beiträge, so fällt sie recht gering an; allenfalls in heuristischen Ansätzen und programmatischen Forderungen lassen sich vage Konturen erkennen. Da scheinen diverse transnationale Vergleiche, vor allem die Identifizierung gemeinsamer Forschungs- und Untersuchungsfelder, die es bei der längst international agierenden Medienwelt in großer Zahl gibt, ergiebiger. Dadurch fiele es auch hierzulande leichter, die inzwischen unfruchtbare Dualität von Medien- und Kommunikationswissenschaft, die in kaum einem anderen europäischen Land existiert, zu überwinden.


1. Bände wie Lutz Ebring (Hrsg.): Kommunikationsraum Europa. Konstanz 1995 (Tagungsband der DGPuK); Wolfgang Langenbucher/Michael Latzer (Hrsg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Wiesbaden 2006; die beiden Bände von Christina Holtz-Bacha: Medienpolitik für Europa, Wiesbaden 2006 und 2011, sowie Hans J. Kleinsteuber/Sabine Nehls (Hrsg.): Media Governance in Europa, Wiesbaden 2011, um die sicherlich wenigen deutschsprachigen Publikationen zu nennen, erwähnt sie nicht einmal. Auch komparatistische Ansätze wie Barbara Thomaß (Hrsg.): Mediensysteme im internationalen Vergleich. Konstanz 2007; Gabriele Melischek/Josef Seethaler/Jürgen Wilke (Hrsg.): Medien & Kommunikationsforschung im Vergleich, Wiesbaden 2008 und Sefanie Averbeck-Lietz (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft im internationalen Vergleich. Wiesbaden 2017, die zwangsläufig alle europäische Bezüge haben, ignoriert sie. Sie stammen ja von der ungeliebten Schwesterdisziplin.

Links:

Über das BuchHedwig Wagner (Hrsg.): Europäische Medienwissenschaft. Zur Programmatik eines Fachs. Bielefeld [transcript] 2020, 272 Seiten, 32,- EuroEmpfohlene ZitierweiseHedwig Wagner (Hrsg.): Europäische Medienwissenschaft. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 25. August 2021, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/22921
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hrsg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013). Seit Okt. 2012 Mitherausgeber der Halbjahreszeitschrift Medien & Altern (München).