Johanna Thali: Schauliteratur

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Nina Fahr

Einzelrezension
Das Verhältnis von Text und Bild bzw. Bild und Text spielt seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle im germanistischen Forschungsdiskurs. Im Zentrum bisheriger Studien standen in erster Linie Handschriftenillustrationen, u.a. aber auch profane Wandmalereien. Diesen widmet sich Thali in ihrer kürzlich erschienenen Habilitationsschrift.

Anliegen der Monographie ist die Aufarbeitung der Funktion und somit Rezeption literarischer Kommunikation im Bildmedium in ihrem historischen, soziokulturellen und kulturtopographischen Kontext (vgl. 14). Die Untersuchungen gehen der Frage nach, inwiefern die Rezeption von Literatur innerhalb der literarischen Kultur des Mittelalters sowie der Frühen Neuzeit durch außerliterarische Interessen geprägt wurde. Gerade Wandmalereien eignen sich als Untersuchungsobjekte für diese Frage besonders, da ihr ursprünglicher Gebrauchszusammenhang – selbst im Falle der Ablösung oder Zerstörung der Werke – in der Regel dokumentiert ist. Somit lässt sich die Frage nach außerliterarischen Interessen an ihnen besonders gut untersuchen. Die Analyse widmet sich der Erschließung und Interpretation ausgewählter Objekte anhand exemplarischer Konstellationen. Liegen zu einigen der ausgewählten Wandmalereien bereits Untersuchungen vor, so ergänzt diese Arbeit den insgesamt noch zu wenig erforschten “Gegenstandsbereich der Wandmalerei in den repräsentativen Wohnsitzen des Adels und des Patriziats“ (11) um Studien zu bislang kaum beachteten Objekten.

Die Studie ist in drei Abschnitte gegliedert. Nach einem einleitenden Forschungsüberblick (Abschnitt I) stehen das um 1400 entstandenen Wandmalereiprogramm der Burg Lichtenberg bei Glurns im Vinschgau (Abschnitt II) sowie Malereien in Luzerner Patrizierhäusern des 16. Jahrhunderts (Abschnitt III) im Fokus. Die Autorin geht dabei mit der jüngeren Forschung von der Prämisse aus, dass das Bild nicht als bloßes Beiwerk für illiterati zu sehen, sondern ihm ein ästhetischer Eigenwert einzuräumen ist.

Der umfassende Forschungsüberblick (Abschnitt I) bietet eine profunde Einführung in die Text-Bild-Forschung. Thali bezieht sowohl ältere wie jüngere Entwicklungen als auch Grundlagenstudien zu unterschiedlichen handschriftlichen sowie außerhandschriftlichen, medialen Zeugnissen des Hoch- und Spätmittelalters mit ein und legt derart die methodischen Grundlagen für die folgenden Analysen.

Der Schwerpunkt der Untersuchungen zum Wandmalereiprogramm der Burg Lichtenberg (Abschnitt II) liegt auf der Analyse der fragmentarischen Laurin-Fresken. Daneben versammelt der Bilderzyklus verschiedene Szenen zu (höfischen) Motiven wie Minne, Turnier, Tanz oder Jagd sowie Szenen aus Fabeln und aus dem ikonographischen Reservoir der Genesis. Thali schreibt den Malereien eine identitätsstiftende Funktion für den Adel zu: Sie dienen der Repräsentation der höfischen Welt und ihrer Festlichkeiten, um sich damit von der unhöfischen Gegenwelt abzugrenzen (vgl. 181).

Illustrationen zu christlichem Heilswissen sowie als Beweis einer gelehrten und literarischen Bildung ergänzen die höfische Selbstinszenierung (vgl. 179). Das Kapitel arbeitet prägnant die Text- und Bildtradition sowie den Überlieferungskontext des Malereiprogramms auf Burg Lichtenberg auf und liefert überzeugende Schlüsse über die Funktion und Rezeption literarischer Vorlagen als Statussymbole. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den historischen Bedingungen um die Entstehung der Malereien, mit der Geschichte der Burg(-herren), der Auftraggeber sowie weiterer geschichtlicher Hintergründe. Der Exkurs zur Tradition des Phallusbaumes (vgl. 154-177) vom 13. bis ins frühe 20. Jahrhundert erhellt die Verwendung des Motivs im Rahmen des Bilderzyklus, in welchem er als Kontrast zum “höfischen Liebesgeplänkel“ (179) fungiert.

Die Untersuchungen zu den Wandmalereien in den repräsentativen Wohnsitzen des Adels und des Patriziats im Luzern des 16. Jahrhunderts (Abschnitt III) bestätigen, dass literarische Stoffe im Bildmedium nicht nur im höfischen, sondern ebenso im städtischen Umfeld als Statussymbol fungieren können (vgl. 184). Mithilfe der verschiedenen Bildzeugnisse verfolgen die Auftraggeber eigene, außerliterarische, (kirchen-)politische Interessen.

Thali spricht den Malereien sowohl im halböffentlichen wie im öffentlichen Bereich “eine identitätsbildende, bekenntnishafte und konsensstiftende Funktion“ (265) zu. Selbiges gelte auch für das Schauspiel, das in Abschnitt III ebenfalls untersucht wird, da es – genauso wie die Bildzeugnisse – aktuelle, stadtpolitische Themen aufgreift (vgl. 261). “Spiel wie Malerei werden von den städtischen Führungsschichten getragen und sind eng mit deren Interessen verknüpft. Beide Medien stehen im Dienste der offiziellen Politik des Rates. Dieser bemüht sich im Kontext der Reformation und der anschließenden konfessionellen Auseinandersetzung in der Eidgenossenschaft um die Behebung kirchlicher Missstände, die Disziplinierung des gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens und um die Bewahrung des hergebrachten Glaubens.“ (194)

Beide Medien – Malerei wie Spiel – dienen als moralische Lehrstücke und werden in der Zeit um Reformation und Konfessionalisierung (vgl. 242) für die eigenen stadtpolitischen und konfessionellen Interessen instrumentalisiert, so resümiert Thali. Die untersuchten  Bildzeugnisse vom Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit sind dahingehend aussagekräftig, als sie mediengeschichtliche Veränderungen im Verlaufe eines, aufgrund diverser Umbrüche, äußerst spannenden Zeitraumes bezeugen.

Thali wählt ein überschaubares und zugleich aufschlussreiches Korpus, anhand dessen deutlich wird, mit welchen unterschiedlichen Strategien Literatur und literarische Stoffe – in Bezug auf das soziokulturelle und kulturtopographische Umfeld ihrer Rezeption – instrumentalisiert wurden. Von ihren Analysen wird die künftige Forschung profitieren und vielfältige Impulse erhalten. Die gründlichen historischen Untersuchungen – auf welche weder der Titel noch die Einleitung hinweisen – runden die Studie ab.

Die Arbeit leistet somit in mehrfacher Hinsicht einen wichtigen Beitrag zur Bild-Text-Forschung. Zuletzt seien noch das Layout des Buches sowie der Anhang mit den hochwertigen Abbildungen lobend erwähnt.

Links:

Über das BuchJohanna Thali: Schauliteratur. Formen und Funktionen literarischer Kommunikation in Text und Bild. Reihe: Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen, Bd. 20. Zürich [Chronos] 2019, 384 Seiten, 58,- Euro.Empfohlene ZitierweiseJohanna Thali: Schauliteratur. von Fahr, Nina in rezensionen:kommunikation:medien, 6. Mai 2019, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21801
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensent/in
Nina Fahr ist Doktorandin der Germanistischen Mediävistik an der Universität Freiburg (Schweiz). Im Rahmen des SNF-Projektes "Deutschsprachige Gebetbuchliteratur des Mittelalters. Untersuchungen zu ihrer Überlieferung, Form und Funktion", arbeitet sie an einer Dissertation zum Thema "Betrachtungen und Gebete durch das Kirchenjahr. Deutschsprachige Gebetbücher des Mittelalters in Text und Bild. Mit einer Edition des Codex Einsiedeln 283 (1105)". Weitere Forschungsschwerpunkte bilden: Text-Bild-Beziehungen, Höfische Epik, Überlieferungsgeschichte, Handschriftenkunde, Laienfrömmigkeit, Semiotik.