Thomas Herdin: Werte, Kommunikation und Kultur

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Rezensiert von Rebecca Fischer

Einzelrezension
“Da wir, unvollkommen wie wir Menschen nun einmal sind, Kultur nicht als Ganzes begreifen können, ist es notwendig, möglichst genaue Landkarten zu erstellen, um uns fremdes Terrain zugänglich zu machen. Die in der Gesellschaft geteilten Werte ermöglichen uns, die versteckte Dimension kultureller Bedeutung aufzudecken und eröffnen einen Zugang, fremde Lebenswelten zu dechiffrieren” (34). Mit dem Erstellen von Landkarten, die uns fremde Kulturen zugänglich machen, kennt sich Thomas Herdin, Leiter der Abteilung Transkulturelle Kommunikation und assoziierter Professor an der Universität Salzburg, aus. Beruflich und wissenschaftlich setzt er sich seit Jahren mit Menschen Südost- und Ostasiens auseinander. Die vorliegende Habilitationsschrift Werte, Kommunikation und Kultur – Fokus China setzt seine Aufarbeitung der Thematik fort. Dabei ist er stets getrieben vom Anspruch, das Gegenüber zu verstehen und somit Kommunikation im tieferen Sinne, das heißt als das Eintauchen in andere Lebenswelten, zu ermöglichen.

‘China’ als Ganzes, dessen Kultur entschlüsselt und auf ein überschaubares Untersuchungsobjekt herunterskaliert werden könnte, gibt es nicht. Diese Feststellung ist der erste Erkenntnisschritt und Grundlage für die weitere Lektüre des Buches. Denn viel wichtiger als nach etablierten westlichen wissenschaftlichen Theorien und Methoden ‘China’ möglichst genau zu erfassen, ist es für Herdin, den Eurozentrismus der Betrachtung zu durchbrechen und so beispielsweise den Standpunkt der Kommunikationswissenschaften in China zu verstehen.

Wie wichtig die Volksrepublik China für das internationale politische Machtgefüge geworden ist, erkennen wir aktuell deutlicher denn je: “Handelskrieg“ mit den USA, globale Projekte wie die neue Seidenstraße oder das international heftig diskutierte “Social Credit System“. Gerade letzteres, angesiedelt zwischen orwellscher Dystopie und IT Großprojekt, das China in den Bereichen Big Data und Artificial Intelligence einen uneinholbaren Vorsprung bringen könnte, ist ein Paradebeispiel für unsere ambivalente Wahrnehmung Chinas – eine Symbiose von neuster IT-Technologie und einem starken ideologischen Paradigma.

Doch welche Wertegefüge, kulturellen Gegebenheiten und Kommunikationsprozesse sind bestimmend für eine Nation, die ein Projekt in Angriff nimmt, welches so wohl in keinem anderen Land unserer Welt vorstellbar wäre? Wie wird sich das Projekt entwickeln? Spannende Fragen, für die Herdin keine pauschalen Antworten, wohl aber Verständnisinstrumente bereitstellt.

Herdin zufolge bleibt Chinas rasanter ökonomischer Aufstieg und die damit verbundenen drastischen Umwälzungen nicht ohne Auswirkungen auf das soziokulturelle Umfeld. Denn: Mit dem wirtschaftlichen Wandel verändern sich auch die Werte. Gesellschaften wiederum können wir nur mit der Kenntnis ihrer Werte verstehen. Sie sind sowohl Teil der Identität von Menschen als auch Legitimationsgrundlage für soziale Normen. Herdin diskutiert diese Thematik als Basis für weitere Betrachtungen und schafft somit die Grundlage für tieferes Verstehen. Ganz im Sinne des Kommunikationswissenschaftlers Roland Burkart, der erkannte, dass eine erfolgreiche Kommunikation mit dem Gegenüber durch eine grundlegende Kenntnis dessen Werte- und Normgefüges forciert wird.

Essentiell für Herdins Annäherung an die Thematik sind die Konzepte von interkultureller und transkultureller Kommunikation. Während interkulturelle Kommunikation sich aus einer Wissenschaftsgeschichte ableitet, die den Kulturbegriff häufig mit territorialen Grenzen und somit auch Staaten verknüpft, bietet der transkulturelle Kommunikationsbegriff nach Wolfgang Welsch eine Deterritorialisierung an und fokussiert Lebensformen, die verschiedene Kulturen durchdringen können. Hieraus lassen sich ein statischer und ein dynamischer Wertebegriff ableiten. In der Untersuchung ermöglicht dieses Spektrum an Betrachtungsweisen ein umfassenderes Verständnis von komplexen kulturellen Zusammenhängen.

Herdin bricht in seiner Forschung klassische sozialwissenschaftliche Ansätze auf. Während die Sozialwissenschaften in ihren Betrachtungen weitestgehend auf Dichotomien beruhen, Helmut Nolte zufolge auf sogenannten “binären Codierungen“, wird in Herdins Habilitationsschrift nach “Sowohl-als-auch“-Ansätzen gefragt. Ein Beispiel ist die Dichotomie von Kollektivismus und Individualismus. Hier wird der Relationismus als “Sowohl-als-auch“-Ansatz eingeführt.

Basierend auf diesen Erkenntnissen entwirft Herdin drei Modelle, um die kulturelle Transformation Chinas sichtbar zu machen und einen Einblick in das Werte- und Normgefüge zu ermöglichen. Besonders hervorzuheben ist das Oszillationsmodel, da es kulturelle Begegnungen als einen “Tanz“ zwischen Innen- und Außenerfahrungen darstellt. Introspektion und Empathie wechseln einander ab. Wir erkennen im Eigenen das Fremde und im Fremden das Eigene. Eine Metapher hierfür ist das chinesische Ying-Yang-Symbol.

Im empirischen Teil seiner Forschung setzt sich Herdin mit Studierenden sowie Führungskräften aus China und Österreich (als Vertreter westeuropäischer Kultur) vergleichend auseinander. Während die Studierenden die potenziellen zukünftigen Eliten darstellen, sind leitende Angestellte Zeugen der Modernisierung. Herdin bedient sich hierbei einer methodischen Triangulation, welche qualitative und quantitative Methoden verbindet. Hierdurch wird eine tiefere Exploration ermöglicht. Quantitativen Erhebungen wird zunächst eine qualitative Vorerhebung vorangestellt, danach werden sie abschließend qualitativ vertieft. Klassische Forschungsinstrumente werden an die kulturellen Spezifikationen angepasst.

Wer tiefer in die nur augenscheinlich kollektivistische Lebenswelt Chinas eintauchen will, dem sei Thomas Herdings Habilitationsschrift ans Herz gelegt. Sie mag zwar an mancher Stelle das Fremde entzaubern, belohnt uns aber dafür mit der Erkenntnis, dass wir in der Lage sind, auch das Fremde im Eigenen zu entdecken.

Links:

Über das BuchThomas Herdin: Werte, Kommunikation und Kultur. Fokus China. Reihe: Interkulturelle und transkulturelle Kommunikation, Bd. 1. Baden-Baden [Nomos] 2018, 742 Seiten, 139,- Euro.Empfohlene ZitierweiseThomas Herdin: Werte, Kommunikation und Kultur. von Fischer, Rebecca in rezensionen:kommunikation:medien, 18. Februar 2019, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21634
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Rezensent/in
Rebecca Fischer, M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Coach im Masterstudiengang ZukunftsDesign der Hochschule Coburg. Nach dem Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften & Japanologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg war sie unter anderem im Verlagswesen und dem Bereich der Hochschul-Internationalisierung tätig. Ihr Forschungsschwerpunkt sind Nachhaltigkeitsdiskurse in sozialen Medien.