Reinhard Margreiter: Media Turn

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Katerina Krtilova

Einzelrezension
Medienphilosophie ist nicht nur eine Randerscheinung der Medientheorie, sondern ein neuer philosophischer Ansatz oder gar eine “prima philosophia” (40). Kaum ein Autor hat diesen Anspruch deutlicher formuliert als Reinhard Margreiter. So selbstverständlich der Media Turn vor allem mit der Verbreitung digitaler Medien geworden ist, so provokativ ist auch nach mehr als zwei Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit Medienphilosophie(n) der Versuch, sie als “Transformation des philosophischen Selbstverständnisses” (66 f.) aus der Philosophie heraus zu begründen.

Als eine Art Meta-Medientheorie hat sich Medienphilosophie einen Platz in der kulturwissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft erkämpft; bei einigen Autoren verschmilzt sie gar mit Medientheorie (vgl. Lagaay/Lauer 2004;  Mersch 2006; Weber 2005). Diese Position verdankt sie der besonderen Entwicklung der deutschsprachigen Medienwissenschaft, die von Anfang an die Selbstverständlichkeit der “Medien” als ihres Forschungsgegenstandes und etablierter Untersuchungsmethoden in Frage gestellt hat. Diese Problematisierung der Medienwissenschaft als Disziplin und Wissenschaft war immer schon mit philosophischen Fragen verbunden – die Disziplin Philosophie blieb davon aber weitgehend unberührt.

In Querschnitten durch die Philosophiegeschichte zeigt Media Turn, inwiefern nicht nur Medienwissenschaft philosophische Begriffe und Fragestellungen impliziert, sondern umgekehrt auch die Bedeutung der Medienreflexion für die Philosophie: das Medium als Mitte, Vermittlung und Mittel (vgl. 49) ist seit Platons Überlegungen zur Schrift impliziter Fluchtpunkt grundlegender Fragen der Epistemologie, Ontologie und Ästhetik.

Den Angelpunkt von Margreiters Geschichte des Media Turns bildet dabei die Verbindung von hermeneutischen Ansätzen mit einer symbol- und medientheoretischen Perspektive, der “‘materialistischen’ und ‘kulturgeschichtlichen’ Konkretisierung” (37) der Hermeneutik. Die prägnanten Darstellungen der ‘Stationen’ der medienphilosophischen Wende von Platons Schriftkritik über den Language Turn bis zur Kultur- und Technikphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts geben einen Überblick über Grundannahmen der Medienphilosophie. Margreiters eigene Perspektive wird bei dabei vor allem in der Wahl der Schlüsselmomente des Media Turn deutlich, die den Überblick ergänzen: das Kapitel zur “typographischen Prägnanz“ und die “Anmerkungen zur Medienanthropologie“.

Das Medium, das Margreiters Geschichte bestimmt, ist die Schrift. Im Sinne von Vilém Flussers Medienphilosophie gilt dies zum einen in Bezug auf die Geschichte der philosophischen Medienreflexion bzw. Medienvergessenheit hinsichtlich des Mediums der Philosophie, der Schrift, zum anderen in Bezug auf die von Margreiter erzählte Geschichte, die rhetorische (im Unterschied zur referentiellen) Dimension seiner Erzählung. Die “typographische Prägnanz“, die der Autor beschreibt, charakterisiert auch seine philosophiegeschichtliche Reflexion, die “linear“ strukturiert ist, d.h. Sachverhalte in Geschichten ordnet, eine historische Entwicklung darstellt, die teleologisch durch ihren Endpunkt, die letzte Stufe – den Media Turn – bestimmt wird. Flusser weist in diesem Sinne darauf hin, dass der Glaube, “dass die ‘Welt‘ eine lineare, ‘historische‘ Struktur hat“ (vgl. Flusser 1997: 38) ein wesentliches Moment des “Schriftbewusstseins“ bildet.

Anders als Flusser gehen Margreiters Überlegungen zum typographischem Bewusstsein jedoch nicht auf das Paradox des Endes der Geschichte im Sinne des Geschichten Erzählens ein: Wendet sich die schriftlliche Reflexion im letzten Schritt, der historisch letzten Phase der Philosophiegeschichte gewissermaßen gegen sich selbst und zeigt sie Geschichte als Effekt des Schriftbewusstseins, kann diese Wendung noch als schriftlich-linear-historisch gelten? Löst sich die Geschichte nicht auf, wenn sie als Konstruktion des Schriftbewusstseins gedacht wird?

Margreiter will die Philosophie vor ihrem Ende retten, indem er diese Wendung selbst (philosophie-)historisch verortet, eine Meta-Ebene einführt, die die Verschiebung in der philosophischen Reflexion selbst durch eine sozusagen medien-neutrale Reflexion einholt. Diese etablierte Form der Reflexion bleibt im Boden des typographischen Bewusstseins verankert und erlaubt von dieser Position aus, über der Geschichte der Medienreflexion stehend, auch andere Medien des Denkens als Schrift zu betrachten. Wenn es bei Margreiter heißt, dass manche Medien eine “schnelles und eher oberflächliches Denken“ befördern und manche zu “gründlicher Systematik“, “Präzision, konsequenter Selbstreflexion und ‘Tiefe’“ führen und die Ausformung von Wissenschaften und Philosophie verhindern oder fördern, bleiben wir damit nicht ganz einem linearen, entwicklungsgeschichtlichen Modell verhaftet, das immer auf die schrift-sprachliche Form der Philosophie als höchster Stufe und Maß allen Philosophierens hinausläuft, die höchste Stufe der “Selbstklärung des Denkens“ (68)?

Wie entschlossen Margreiter die Medienphilosophie auch als Philosophie verteidigt, so scheint Media Turn die radikalste Konsequenz zu scheuen: nicht nur andere Medien des Denkens zuzulassen als das Schreiben, sondern damit auch die philosophische Reflexion grundlegend verändern zu lassen, die Methode des Denkens selbst, nochmals mit Flusser gesprochen. Das hieße aber, dass es nicht um einen weiteren Schritt der Selbstklärung ginge, sondern eher einen Einbruch im Denken – seine medialen Bedingungen ließen sich nur als Verschiebungen im Denken bemerken. Eine Reaktion darauf wäre das “nomadische“ oder “rhizomatische“ Denken bei Deleuze und Guattari, der “Signifikant ohne Signifikat“ bei Derrida, die “Mosaikmethode“ oder “Methode des schwebenden Urteils“ bei McLuhan, um Margreiters Beispiele aufzurufen, Nietzsches Schreiben (Kapitel 5) und frühe Medientheorien/Medienphilosophien Flussers, Benjamins, Virilios u.a. – die für Margreiter allerdings in einen “erkenntnistheoretischen Anarchismus“ (136) münden, vor dem Medienphilosophie bewahrt werden soll.

Was aber soll die “wissenschaftsorientierte” (Hickethier 2003: 370) Einordnung der Medienphilosophie in den etablierten wissenschaftlichen Diskurs leisten? Laufen doch alle Grundlagentexte der Medienphilosophie dezidiert quer zur Disziplin Philosophie und dem, was als “wissenschaftlich” verstanden wird? Und zwar nicht aus Versehen oder als Mangel, sondern aus gutem Grund: die Medien verändern unsere Lage, mit Kittler gesprochen, die Wissenschaft mit eingeschlossen. Bei Margreiter heißt es durchaus in diesem Sinne: “Die mit den Neuen Medien verbundenen und durch sie nahegelegten Arbeitsweisen sind augenscheinlich besonders kontingent, diskontinuierlich, fragmentarisch. Sie sind experimentell in einem neuen, post-positivistischen Verständnis von Experiment” (143).

Mit der Verbreitung digitaler Medien wird deutlich, dass nicht nur die westliche Kultur längst nicht mehr die “typographische Prägnanz“ auszeichnet (nachdem lange die Bedeutung der visuellen, diagrammatischen und noch gar nicht benannten Arten der Reflexion einfach durch die schrift-sprachliche Reflexion ausgeblendet wurde). Dem Plädoyer für die Medienphilosophie als Philosophie wäre in diesem Sinne hinzuzufügen: Nichts legitimiert sie als philosophischen Zugang mehr, als wenn sie Philosophie neu denken lässt.

Literatur:

  • Lagaay, Alice; David Lauer (Hrsg.): Medientheorien. Eine philosophische Einführung. Frankfurt a.M. [Campus] 2004.
  • Mersch, Dieter: Medientheorien zur Einführung. Hamburg [Junius] 2006.
  • Weber, Stefan: Non-dualistische Medientheorie. Eine philosophische Grundlegung. Konstanz [UVK] 2005.
  • Flusser, Vilém: “Glaubensverlust“, in: ders., Medienkultur, Frankfurt a.M. [Fischer] 1997.
  • Hickethier, Knut: Einführung in die Medienwissenschaft. Stuttgart [Metzler] 2003.

Links:

Über das BuchReinhard Margreiter: Media Turn. Perspektiven der interdiskursiven Medienphilosophie. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2018, 216 Seiten, 38,- Euro.Empfohlene ZitierweiseReinhard Margreiter: Media Turn. von Krtilova, Katerina in rezensionen:kommunikation:medien, 19. Oktober 2018, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21469
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Rezensent/in
Dr. des. Katerina Krtilova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theorie der Zürcher Hochschule der Künste und Koordinatorin des Doktoratsprogramms "Epistemologien ästhetischer Praktiken". Sie hat an der Bauhaus-Universität Weimar mit einer Arbeit zu Vilém Flussers Medienphilosophie promoviert und widmet sich dem Verhältnis von Reflexivität, Medialität und Performavität in der Philosophie des 20. Und 21. Jahrhunderts.