Josef Kurz, Daniel Müller, Joachim Pötschke, Horst Pöttker, Martin Gehr: Stilistik für Journalisten

Einzelrezension
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Rezensiert von Jürg Häusermann

Einzelrezension
“Der sozialistische Journalist, der sich täglich an Millionen von Menschen wendet, kann seine politische Aufgabe nur dann richtig erfüllen, wenn er neben Sachkenntnis und parteilicher Leidenschaft auch über die Fähigkeit verfügt, seinen Gedanken und Gefühlen den vollkommenen sprachlichen Ausdruck zu geben, die Sprache als Waffe im ideologischen Kampf wirksam zu gebrauchen.” (Pötschke et al 1981, 1988: 42). Dies war noch 1988 die Überzeugung der Autoren der Leipziger Stilistik für Journalisten. Als zwei von ihnen, Josef Kurz und Joachim Pötschke, zwölf Jahre später mit Dortmunder Mitautoren eine gesamtdeutsche Version des Handbuchs schrieben, waren vom Roten Kloster nur noch Überreste vorhanden, und im Text fehlte die “streitbare Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind” (ebd.: 9). Jetzt liegt es in einer nochmals überarbeiteten und erweiterten Fassung vor.

Diese ist immer noch nach den Ebenen der Sprachstruktur gegliedert: Die ersten Kapitel behandeln der Reihe nach Wort, Wortverbindung, Satz und Text. Darauf folgen selbständige Kapitel zu Redewiedergabe, Genre und Überschrift. Die Auseinandersetzung mit der Ideologie ist auf drei umrahmende Kapitel reduziert (1. Zur Bedeutung des Sprachgebrauchs im Journalistenberuf; 9. Sprach- pflege; 10. Ethische und politische Aspekte des journalistischen Sprachgebrauchs), für die in erster Linie Horst Pöttker verant- wortlich zeichnet. Darin wird jetzt die Annahme, dass Journalisten in erster Linie eine politische Aufgabe hätten, explizit verneint.

Damit macht das Buch zwei grundverschiedene Angebote: Es bietet eine ausführliche, an strukturalistischer Linguistik orientierte Stil- und Textsortenkunde. Und es regt zur Diskussion über die politische Fundierung der Journalistenausbildung an.

Stilistik für Journalisten ist vor allem ein Stil-Handbuch mit vielen Beispielen aus Presse und Hörfunk. Die Autoren gehen sehr systematisch vor und mit einer Vollständigkeit, die das Buch zu einem nützlichen Nachschlagewerk macht. So präsentiert Josef Kurz auf 30 Seiten ein differenziertes Spektrum der Möglichkeiten der Redewiedergabe. Im ganzen Buch illustrieren sorgfältig kommentierte Beispiele (bei denen leider nur selten die Quelle offen gelegt wird) die Definitionen und Regeln. (Anlässlich der ersten Neuauflage erschien von Harald Burger eine ausführliche Würdigung aus linguistischer Sicht in “Publizistik” 46/2001, S. 219-220.) Die Systematik orientiert sich strikt an den stilistischen Kategorien. Dies macht den Zugang manchmal sperrig. Aus journalistischer Sicht wäre es zu begrüßen, wenn nicht grundsätzlich von der sprachlichen Kategorie (Wort, Satz usw.), sondern von den Sprachproblemen im Beruf ausgegangen würde.

In der Einleitung bekennt sich Horst Pöttker im Namen der Autoren ausdrücklich zu einem normativen Vorgehen. Im Hauptteil wird damit eher zurückhaltend umgegangen. Ein Beispiel: Der Beitrag zum Thema “Interview” (200-241) bietet eine differenzierte Einführung zur Gesprächstechnik und befasst sich mit sprachlichen Gestaltungsfragen, die weit darüber hinausgehen, was in anderen Lehrbüchern behandelt werden. Dennoch erfährt man sehr wenig darüber, wozu Interviews eingesetzt werden sollen. Zwar wird betont, dass das Interview für “fast alle traditionelle Darstellungs- arten” (Mitteilung, Urteil, Erörterung usw.) offen ist. Aber wer soll da mitteilen, urteilen oder erörtern? Welcher Bezug besteht zu den Kriterien der Unabhängigkeit und Wahrhaftigkeit, die in der Einleitung (14) vorausgesetzt werden?

Diese Zurückhaltung mag mit der apolitischen Haltung zusammen- hängen, die das Werk in seiner heutigen Form kennzeichnet. Zwar wird dem Journalismus noch immer eine ‘Aufgabe’ zugestanden – nämlich, Öffentlichkeit herzustellen. Wer aber meine, diese sei vornehmlich politisch, übernehme einen “Fehler der irregeführten und irreführenden Aufgabenbestimmung für den Journalismus in Systemen, in denen eine staatliche Obrigkeit die Medien lenkt” (11). Die Aufgabe des Journalismus sei immer die gleiche, unabhängig von den “gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder technologischen Rahmenbedingungen” (12). Doch wer den Journalisten diese Aufgabe stellt, wird nicht erklärt. Es wird auch nicht auf die Tatsache zurückgegriffen, dass die journalistischen Arbeitsbedingungen und die journalistischen Produkte in verschiedenen politischen Systemen grundverschieden ausfallen. Die Autoren sehen in ihrer Zielsetzung sogar “keinen Unterschied zwischen ‘kapitalistischem’ und ‘sozialistischem’ Journalismus” mehr (12).

Dem vermag ich nicht zu folgen. Und es ist mir trotz einer knappen systemtheoretischen Begründung mit Kritik an Habermas und Gerhards/Neidhardt nicht klar, warum die Autoren zu keinem anderen Schluss kommen können als zu der “durch Erfahrung genährten Befürchtung, dass ein Journalismus, der sich primär als politische Instanz, gar als ‘vierte Gewalt’, versteht, allzu leicht die für die Vermittlerrolle notwendige Offenheit gegenüber anderen Teilsystemen und deren Problemen verliert” (11).

Es tut dem linguistischen Gehalt des Werks keinen Abbruch, dass die alten Phrasen von der “Erhöhung des Wirkungsgrades der politischen Massenarbeit in unserer Republik” (Pötschke et al 1981, 1988: 9) fehlen. Aber es wäre auch zu wünschen, dass dieses Lehrbuch – wenn es das Thema schon einmal aufgreift – die politische Verantwortung der Journalistinnen und Journalisten konsequent im Blick behielte.

 

Literatur:

Autorenkollektiv unter der Leitung von Joachim Pötschke: Stilistik für Journalisten. Lehrbuch. Leipzig [Karl-Marx-Universität, Sektion Journalistik] 1981:1988.

Links:

Über das BuchJosef Kurz; Daniel Müller; Joachim Pötschke; Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. Wiesbaden [VS Verlag] 2. erweiterte und überarbeitete Auflage 2010, 369 Seiten, 34,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseJosef Kurz, Daniel Müller, Joachim Pötschke, Horst Pöttker, Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. von Häusermann, Jürg in rezensionen:kommunikation:medien, 23. April 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8471
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Rezensent/in
Prof. Dr. Jürg Häusermann ist Professor für Medienanalyse und Medienproduktion an der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Hörmedien; Sprache und Rhetorik der Medien.