Hans Mathias Kepplinger: Totschweigen und Skandalisieren

Einzelrezension
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Rezensiert von Guido Keel

Einzelrezension
Journalisten machen Fehler – wie alle anderen Berufsleute auch. Für den lang gedienten Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger haben diese Fehler aber eine größere Relevanz: Er sieht sie im direkten Zusammenhang mit dem Vertrauensverlust in die Medien. Daraus resultiere ein Problem für die demokratische Gesellschaft, die darauf angewiesen ist, dass die Bürgerinnen und Bürger den Medien vertrauen.

Es sind deshalb die Journalisten selbst, die für diese Entwicklung mitverantwortlich sind. Denn, so Kepplinger, Journalisten haben sich inzwischen so weit von der Gesellschaft entfremdet (vgl. 173), dass sie in ihrer Wahrnehmung als gemeinwohlorientierte Aufklärer über dem Rest der Gesellschaft stehen. Sie denken, es besser zu wissen als andere (vgl. 171). Dabei wenden sie insbesondere zwei problematische Praktiken an: Sie skandalisieren an sich unproblematische Ereignisse, und sie verschweigen Fakten, die einen Umstand erklären oder zu einer alternativen Schlussfolgerung führen könnten. Außerdem haben sie blinde Flecken, wenn es um die Thematisierung (eigener) journalistischer Fehlleistungen geht (vgl. 113, 140ff.).

Soweit die Annahmen, denen er in seinem Buch nachgeht. Kepplinger nimmt mit dieser Analyse eine klare Haltung ein. Er untersucht nicht, ob Fehler passieren, sondern er geht davon aus, dass Journalisten Fehler machen und will wissen, weshalb dem so ist. Und er findet seine Thesen in den Fallbeispielen weitgehend bestätigt. Damit macht Kepplinger ein Stück weit genau das, was er den Journalisten vorwirft. Aber dazu später mehr.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Feststellung, dass die Medien in Deutschland in einer Legitimationskrise stecken (vgl. 10f.). Die Kritik an den Medien durch Wissenschaft, Publikum und Praxis ist vielfältig. Diesen Glaubwürdigkeitsverlust der Medien haben schon andere Autoren ausführlich beschrieben, zum Beispiel Uwe Krüger in seinem Buch Mainstream. Aber wie andere vor ihm muss auch Kepplinger eingestehen, dass das grundsätzliche Vertrauen in die Medien in Deutschland relativ stabil ist (vgl. 22). Und wenn es um die konkrete Beurteilung der gegenwärtigen journalistischen Qualität geht, beruhen die Einschätzungen des Autors auf Daten zwischen 1964 und 1995.

Zudem konstatiert Kepplinger eine Machtzunahme der Medien und damit zusammenhängend einen Missbrauch dieser Macht – dies, obwohl im öffentlichen Diskurs ein allgemeiner Bedeutungsverlust der Medien beklagt wird. Ursachen für diese wachsenden Einflussmöglichkeiten sieht Kepplinger in einem Ausbau der rechtlichen Privilegierung der Medien, der Zunahme an Reichweite insbesondere des Fernsehens und in den”im Laufe der Jahrzehnte verringerten Möglichkeiten der Politiker zu eigenständigen und direkten Publikumsansprachen” (31) – alles Argumente, die im Zeitalter von Facebook-Wahlkampagnen und twitternden Staatsoberhäuptern zumindest fragwürdig sind.

Weiter sieht Kepplinger ein verändertes Rollenverständnis der Journalisten als Ursache (vgl. 34ff.): Journalisten sähen sich vermehrt in einer aktiven Rolle, in der sie Informationen, die ihrer Sicht auf die Dinge entsprechen, in der Vordergrund rückten. Diese Annahme widerspricht den regelmäßigen Befragungen deutscher Journalisten, die immer wieder feststellen, dass diese die Rolle des neutralen Vermittlers, der die Dinge so berichtet, wie sie sind, mit Abstand am häufigsten als wichtigste Rolle erachten – weit wichtiger als Rollen, die zum Ziel haben, die politische Tagesordnung zu bestimmen oder die öffentliche Meinung zu beeinflussen (vgl. z.B. Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 102-110). Kepplinger stellt so einen “Machtmissbrauch” (39) der Journalisten fest, und er lässt die Frage im Raum stehen, ob die Journalisten eine moralische Verantwortung für unbeabsichtigte Nebenfolgen ihrer Berichterstattung besitzen.

Kepplinger skandalisiert also, um mit seinen Worten zu sprechen, den Machtmissbrauch einer demokratierelevanten Berufsgruppe, und er verschweigt dabei weitgehend Untersuchungen und Sichtweisen, die diesem Befund widersprechen. Aber er liefert auch empirische Belege; diese machen den Kern seines Buches aus.

Er untersucht anhand von acht Fallbeispielen, wie Journalisten fragwürdige Praktiken und die Argumente für oder gegen diese Praktiken beurteilen. Darin skandalisieren Journalisten, indem sie Aussagen ungebührend ergänzen, kombinieren, instrumentalisieren oder verkürzen, und indem sie Ereignisse unsachgemäß kontextualisieren oder de-kontextualisieren. Weiter verschweigen sie relevante Fakten, um die Deutungshoheit zu wahren oder um Reputationsschäden zu vermeiden.

Die Fallbeispiele stammen alle zumindest indirekt aus der deutschen Politik, und sie sind – zufällig? – so ausgewählt, dass sich die Opfer der angeblichen journalistischen Fehlleistungen immer auf der rechtskonservativen Seite befinden: Wolfgang Schäuble, Bischof Tebartz-van Elst, Pegida, die Befürworter der Atomenergie, Sibylle Lewitscharoff, noch einmal Pegida, noch einmal die Befürworter der Atomenergie, Christan Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg und die SPD-Politikerin Susanne Gaschke, zwar SPD-Politikerin, aber Medienopfer als Folge eines umstrittenen Steuererlasses an einen Unternehmer.

Kepplinger hält fest: Es geht nicht um Gesamtbeurteilungen in diesen acht Fällen, sondern um die Diskussion von damit im Zusammenhang stehenden klar erkennbaren Grenzüberschreitungen. Deshalb ist er auch davon befreit, vollständig über einen Sachverhalt zu berichten und eine angemessene Gewichtung von umstrittenen Praktiken vorzunehmen. Trotzdem, und obwohl Kepplinger es nicht ausdrücklich schreibt: Der von ihm identifizierte und skandalöse Machtmissbrauch durch Journalisten richtet sich, so muss man aus den Fallbeispielen schließen, von einer linken Journalistenschaft gegen rechts. Fehlleistungen gegen linke Akteure und Anliegen werden im Buch totgeschwiegen. Man könnte deshalb vermuten, um wiederum Kepplinger selbst zu zitieren, der Autor unterliege selbst einem “hostile media effect” (118), der bewirkt, dass Verängstigte negative Medienberichte über ihre Anliegen negativer wahrnehmen als unbeteiligte Beobachter. Das ist bedauerlich, denn sie lenken vom eigentlich Anliegen des Autors ab: Herauszufinden, wie Journalisten selbst über fragwürdige Praktiken urteilen.

Hier liegt nämlich der Erkenntniswert dieses Buchs: In der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen der Wahrnehmung, ob eine bestimmte journalistische Praxis legitim ist, und der Zustimmung bzw. Ablehnung von Journalisten in Bezug auf Argumente zugunsten oder gegen eine bestimmte journalistische Praxis ganz allgemein.

Die Befragung von 332 Redakteuren aus ausgewählten Ressorts von Tageszeitungen zu den acht Fallbeispielen zeigt: Journalisten halten sich weitgehend an die professionellen Standards bzw. erachten die Handlungen, die Kepplinger als “Skandalisieren und Totschweigen” beschreibt, mehrheitlich als nicht legitim (vgl. 108). Um diese Berufsleute geht es Kepplinger aber gar nicht: “Im Zentrum der Analyse stehen deshalb nicht die Journalisten, die sich an die Regeln halten”, sondern vielmehr die Argumentationsweise der Minderheit, die fragwürdige Praktiken mehr oder weniger billigen.

Es zeigt sich dabei, dass Journalisten im Einzelfall bestimmte fragwürdige Praktiken gutheißen, wenn sie bereits eine negative Einstellung gegenüber der möglicherweise unfair behandelten Person oder Sache hatten. So empfanden beispielsweise Journalisten mit einer negativen Einstellung zur Kernenergie die übertriebene Skandalisierung der Kernenergie eher als akzeptabel als ihre Kollegen mit einer neutralen Einstellung. Journalisten hielten dabei zwar eine berufsethische Norm generell für gültig; sie erachteten die Norm je nach Einstellung zum konkreten Thema aber als nicht relevant. Die Bewertung der Geltung einer Norm geschah so in Abhängigkeit des konkreten Falles (vgl. 49). Hier öffnet sich eine Kluft zwischen Ideal und Praxis, wie sie für den Journalismus nicht untypisch ist: Man erachtet zwar gewisse Regeln und Normen als gültig, relativiert sie jedoch, wenn sie in einer konkreten Angelegenheit im Widerspruch zur eigenen Weltsicht stehen.

Der Schluss, den Kepplinger zieht, ist überzeugend: Die Vertuschung von fachlichen Fehlern schadet dem öffentlichen Ansehen des Journalismus. Diese Einsicht, die sich in anderen Berufsgruppen wie z. B. den Medizinern oder den Ingenieuren schon länger durchgesetzt hat, ist auch im Journalismus nötig. Und hier steht noch einiges an Arbeit an, die umso schwieriger ist, weil sich der Journalismus bereits mit heftiger öffentlicher Kritik konfrontiert sieht. Dabei muss er sich auch Erkenntnissen stellen, wie sie in diesem Buch präsentiert werden. Und er darf sich dabei nicht davon ablenken lassen, dass dem Autor mit der subjektiven Wahl seiner Fallbeispiele eine Agenda nachgesagt werden könnte.

Literatur:

  • Weischenberg, Siegfried; Malik, Maja; Scholl, Armin: Die  Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz [UVK] 2006.

Links:

Über das BuchHans Mathias Kepplinger: Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken.. Reihe: edition medienpraxis, Bd. 15. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2017, 232 Seiten, 21,- Euro.Empfohlene ZitierweiseHans Mathias Kepplinger: Totschweigen und Skandalisieren. von Keel, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 2. Mai 2018, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/21159
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Rezensent/in
Prof. Dr. Guido Keel ist Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Zu seinen Schwerpunkten in der Forschung gehören Qualität im Journalismus, Wandel im Journalismus und Journalismus in nicht-europäischen Kontexten.