Clemens Sedmak: Mensch bleiben in der Politik

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Martha Kuhnhenn

Einzelrezension
Der politische Alltag mit seinen für Politiker oft widersprüchlichen Herausforderungen bildet den Ausgangspunkt des Buches Mensch bleiben in der Politik. Zwischen Bühne und Besonnenheit von Clemens Sedmak (2016). Als sein Verständnis sowie seine Perspektive auf Politiker formuliert der Autor im ersten Kapitel, dass Politiker „Menschen unter Menschen“ (S. 11) seien. Diese Umschreibung trifft die alltagspraktische und fast gutmütige Haltung, die der Autor gegenüber politischen Akteuren einnimmt. Eine solche Haltung ist freilich nicht verwunderlich, da Sedmak Präsident des Internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen in Salzburg ist und Sozialethik an der Universität Salzburg sowie am King‘s College in London lehrt. Mit Blick auf moralische Fragen knüpft Sedmak mit dem vorliegenden Buch an sein 2013 erschienenes Werk Mensch bleiben im Krankenhaus an.

Um einen Blick hinter die Kulissen der politischen Bühne zu erhalten und neben den Ansprüchen des politischen Betriebs auch Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man diesen begegnen kann, präsentiert und reflektiert Sedmak Aussagen aus 15 Interviews mit Politikern, welche von Elisabeth Buchner geführt wurden. Buchner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Autors in Salzburg und hat für das Projekt österreichische Politiker aus unterschiedlichen Ebenen und Parteien befragt (S. 7). Die Interviews werden mithin nicht stringent analytisch ausgewertet, zumindest ist dies nicht in der Publikation transparent gemacht. Stattdessen dienen sie dazu, Probleme des alltäglichen politischen Handelns zu veranschaulichen. Zitate aus den Interviews werden dafür in eine breite Literaturbasis eingeordnet. So verknüpft Sedmak Aussagen der Interviewpartner mit Klassikern der antiken Rhetorik (z. B. Platon, S. 12) oder auch mit Machiavelli (S. 105), mit Standardwerken der Politikwissenschaft, Philosophie und Sozialwissenschaft (z. B. mit Max Weber, S.24) sowie aktuellen Quellen. Darüber hinaus finden sich auch Verweise auf nicht-wissenschaftliche Literatur (etwa auf Schriftsteller Milan Kundera, S. 95) und sogar auf die Bibel (S. 11).

Bei 163 Seiten Text (ohne den Anhang) verweist Sedmak in 197 Fußnoten auf Quellen und auf weiterführende Literatur, was einen Eindruck über die sorgfältige Recherche gibt. An wenigen Stellen wären gleichwohl zusätzliche Literaturhinweise wünschenswert gewesen. So stellt Sedmak mit Blick auf Habermas fest: „Man hat dem viel rezipierten Modell kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas vorgeworfen, Luxusprodukt der akademischen Welt zu sein […]“ (S. 32). Hier wäre es dienlich gewesen, eine konkrete Quelle zu nennen, um die Kritik nachvollziehen zu können; zum Beispiel ließe sich Michael Warners Werk Publics and Counterpublics (2002) anführen.

In neun Kapiteln widmet sich Sedmak unterschiedlichen Schwerpunkten, wobei sich ein Thema wie ein roter Faden durch das Buch zieht: Deutlich macht der Autor die verschiedenen Ansprüche, die an Politiker gestellt werden. Teilweise werden diese als anscheinend unauflösbare Paradoxien dargestellt: So haben die Bürger einerseits den Wunsch nach Authentizität von politischen Handlungsträgern, andererseits reagieren sie auf deren Fehlbarkeiten enttäuscht. Zu Beginn reflektiert Sedmak elf „Eignungsfaktoren“, die er als Voraussetzungen für eine erfolgreiche politische Tätigkeit versteht (S. 29). Zu diesen gehören u.a. die Fähigkeiten „zur raschen Umstellung“ (S. 29), „unter Druck schnell und sicher entscheiden zu können“ (S. 33), „mit Niederlagen umzugehen“ (S. 35) und die „Liebe zum Menschen“ (S. 38). Diese Faktoren aggregiert Sedmak aus den Interviews sowie der rezipierten Literatur. Da die Aussagen von Politikern selbst als Basis für die Erfolgsfaktoren dienen, ist die Gefahr eines möglichen Zirkelschlusses diskussionswürdig. Sedmak begegnet dieser Gefahr, indem er die Interviews mit der von ihm genutzten Literatur sowie mit Verweisen auf historische politische Figuren verbindet und kommentiert.

Abgesehen von einigen Extrembeispielen in den historischen Bezügen (wie Mao Zedong oder Stalin, S. 39) nimmt Sedmak eine weitgehend wohlwollende und beim Leser verständnissuchende Haltung gegenüber Politikern der Gegenwart ein. So problematisiert er ganz praktische Herausforderungen des Lebens im politischen Betrieb, nämlich Bewegungsmangel, die fehlende Esskultur oder Schlafmangel in einem Beruf, der durch unregelmäßige Arbeitszeiten geprägt ist. Nun könnte man dagegenhalten, dass diese Probleme auch auf andere Berufsfelder zutreffen und der Autor Banalitäten als Bürden des Politikerlebens darstellt – allerdings bietet er stets perspektiv-ergänzende Überlegungen an. Hinsichtlich des Schlafmangels erkennt Sedmak beispielsweise eine Parallele zu einem Leben in Armut. Zur Unterstützung seiner Argumentation verweist er auf Linda Tirados Werk Hand to Mouth (2014), in welchem sie chronisch mangelhafte Schlafqualität als ein Merkmal vom Leben in Armut skizziert. Seine Ausführungen stellt Sedmak zudem sehr verständlich dar, wozu auch die Definitionen zentraler Begriffe wie Macht, Moral und Verantwortung beitragen.

Insgesamt ist die Publikation kaum analytisch-empirisch ausgerichtet, sondern fast essayistisch. Die mit den Politikern geführten Interviews dienen vor allem den Argumentationen des Autors und zur Veranschaulichung seiner Gedankengänge. Gleichwohl wäre eine Einordnung oder Kategorisierung der Interviewpartner oder Aussagen erforderlich gewesen. Dies betrifft vor allem Fragen nach der politischen Ebene (welche Aussage stammt von einem Lokalpolitiker, Bundespolitiker, Europapolitiker?) oder die Tiefe der Erfahrungen im politischen Betrieb (seit wann ist der jeweilige Interviewpartner als Politiker aktiv?). Eine grobe Einteilung, die Sedmak vornimmt, ist die Frage des Geschlechts. So stellt er kritisch fest, dass Politikerinnen häufiger und stärker hinsichtlich ihres Aussehens Gegenstand des öffentlichen Diskurses sind.

Den Abschluss bildet wie zu Beginn eine ‚Checkliste‛. Wiederum aus den Interviews abgeleitet, erstellt Sedmak Leitlinien für das Verhalten im politischen Betrieb. Unter den zwölf Leitlinien finden sich Aussagen wie „guter Alltag braucht gute Gewohnheiten“ (S. 155) oder „‹Inseln der Integrität› schaffen und schützen“ (S. 160). Aufgrund des Anliegens, den politischen Alltag zu beleuchten, und dank der eher essayistischen und kurzweiligen Darstellungen, empfiehlt sich das Buch für eine vielfältige Leserschaft.

Literatur:

  • Sedmak, Clemens: Mensch bleiben im Krankenhaus. Zwischen Alltag und Ausnahmesituation. Wien u. a. [Styria] 2013.
  • Tirado, Linda: Hand to Mouth. Living in Bootstrap America. New York [Berkley Books] 2014.
  • Warner, Michal: Publics and Counterpublics. Cambridge [Zone Books] 2002.

Links:

Über das BuchClemens Sedmak: Mensch bleiben in der Politik. Zwischen Bühne und Besonnenheit. Wien [Böhlau] 2016, 177 Seiten, 23,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseClemens Sedmak: Mensch bleiben in der Politik. von Kuhnhenn, Martha in rezensionen:kommunikation:medien, 21. April 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20011
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Rezensent/in
Dr. Martha Kuhnhenn arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Organisationskommunikation an der Universität Greifswald. Zu ihren Schwerpunkten in der Forschung gehören Glaubwürdigkeit und Vertrauen, politische Kommunikation, interpersonale Kommunikation sowie Risikokommunikation.