Lars Robert Krautschick: Gespenster der Technokratie

Einzelrezension
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Rezensiert von Michael Hörner

Gespenster der TechnokratieEinzelrezension
Die Tatsache, dass der Horrorfilm innerhalb der Medienwissenschaften oft noch allzu stiefmütterlich behandelt wird, kann durchaus als Ärgernis bezeichnet werden. Lars Robert Krautschicks Versuch einer umfangreichen Analyse des medienreflexiven Potentials eines der unzähligen Subgenres des Horrors ist also sehr zu begrüßen, auch wenn die Umsetzung des Vorhabens stellenweise etwas zu wünschen übrig lässt.

Erfreulich ist zunächst die grundlegende These des Autors, dass Horrorfilme als gleichwertige Akteure auf dem Feld des medientheoretischen Diskurses in Erscheinung treten, medienbezogene Kollektivängste aufgreifen und diese mit den ihnen zu eigenen Mitteln wiedergeben, reflektieren und weiterspinnen können. Das Vorgehen, drei konkrete Einzelfilme – Ringu (1998), Chakushin ari (2003) und Kairo (2001) – einer näheren Untersuchung zu unterziehen und nachzuzeichnen, inwiefern sie Theoreme der Medienwissenschaft bzw. Angstdiskurse bezüglich ‘Neuer Medien’ aufgreifen, erscheint daher hochgradig sinnvoll. Leider muss aber festgestellt werden, dass die Publikation punktuell einige problematische Aspekte aufweist.

Zunächst die Titelwahl: Medienreflexion im Horrorfilm verspricht im Falle von Krautschicks Arbeit, welche sich lediglich auf die Analyse dreier Filme beschränkt, schlicht zu viel. Zwar liefern die Einzelanalysen zahlreiche interessante Thesen und Perspektiven, eine Grundlage für allgemeinere Aussagen zum Horrorfilm können sie aber nicht wirklich bieten. Ferner wird im Titel nicht darauf verwiesen, dass es Krautschick vorrangig um ein sehr spezifisches Subgenre geht, nämlich den japanischen Geisterfilm des letzten bzw. vorletzten Jahrzehnts. Die Ergebnisse der Analysen sind auf Grund dieser Eingrenzung nur bedingt auf andere Subgenres übertragbar.

Auch auf terminologischer bzw. definitorischer Ebene fehlt zum Teil die nötige Tiefe, verschiedene Schlüsseltermini der Arbeit bleiben unterdefiniert. Beispielsweise wird nicht zufriedenstellend erläutert, was Krautschick konkret unter ‘Horrorfilm’ versteht. Zwar zeigt er verschiedene, bekannte Perspektiven auf und unterzieht diese einer kritischen Überprüfung (vgl. 12f), jedoch versäumt er es, eine kohärente Arbeitsdefinition zu liefern. Der Terminus ‘Medienreflexion’ wird eingehender verhandelt (vgl. 28f), bleibt aber – bedenkt man seine Relevanz und Aktualität – zu vage. Ferner ist die Verwendung des Begriffs ‘Technokratie’ diskutabel, beschreibt dieser doch eher eine Herrschaft technisch versierter Experten als eine Herrschaft der Technik selbst.

Völlig unverständlich bleibt, warum Krautschick relativ unreflektiert medientheoretische Überlegungen, die dem ‘westlichen’ Theoriediskurs entstammen, auf seine ausschließlich dem asiatischen Raum entstammenden Analysefilme anwendet. Die vom Verfasser behauptete globale Zirkulation von Theoremen, die ‘Neue Medien’ betreffen, wird nicht völlig nachvollziehbar belegt, sondern lediglich behauptet.

Auch die Begründungen der Filmauswahl erscheinen nicht ganz schlüssig: Die von Krautschick ins Feld geführte “Technikbegeisterung und die damit zusammenhängende verstärkte Mediennutzung in Japan“ (21) kann als Argument nur bedingt dienen, da wachsende Technikaffinität und die Technikdeterminiertheit des Alltags weltweit zentrale Rollen in nahezu allen Gesellschaften spielen. Des Weiteren reicht die Behauptung, es handle sich um Filme, die von “drei Auteurs […] für eine globale Filmauswertung hergestellt worden sind“ (ebd.) nicht aus, um die Frage nach spezifischen kulturellen Traditionen, Angstdiskursen und wissenschaftlichen Positionen, die sich vorrangig innerhalb des Produktionslandes finden, bei der Analyse nahezu vollständig auszublenden. Es mag sein, dass die thematisierten Filme bestimmte Kollektivängste der westlich geprägten Zuschauerschaft ebenfalls widerspiegeln, primär wäre aber ihr Bezug zum Medien(theorie)diskurs des asiatischen Raums von Interesse gewesen. Eventuell hätte sich der Verfasser verstärkt auf die Remakes der Filme beziehen sollen.

Nichtsdestoweniger geben Krautschicks Analysekapitel, trotz der soeben skizzierten Problematik der Übertragbarkeit, einen gelungenen Überblick über historische, medientheoretische und diskursbezogene ‘Horrorvorstellungen’ von Medien. Die Analysearbeit am filmischen Material liefert zahlreiche genaue Beobachtungen und kommt nur in Ausnahmefällen zugunsten rein theoretischer Ausführungen etwas kurz. Die umfangreiche Literaturbasis, derer sich Krautschick bedient, bietet einen ausgezeichneten Überblick über relevante Titel, die zu einem tieferen Verständnis des Themenkomplexes ‘Horrorfilm’ zwingend notwendig sind. Eine Ergänzung durch Texte, die dem Wissenschaftsdiskurs Japans entstammen, wäre dennoch wünschenswert gewesen. Als verzichtbar ist hingegen das auf Seite 76 angeführte Selbstzitat Krautschicks zu bezeichnen. Statt eines ernstzunehmenden Belegs für die Behauptung, die Rezeption Ringus hätte hierzulande nach Erstveröffentlichung des Films maßgeblich im Rahmen von durch Jugendliche organisierten Videoabenden stattgefunden, präsentiert der Verfasser eine “Nacherzählung“ (ebd.) eines solchen Abends, welche er aber – wie man nach Überprüfung der Endnoten feststellen muss – selbst verfasst hat.

Alles in allem bietet Gespenster der Technokratie also einen gelungenen Überblick über medientheoretisches und historisches Wissen das Genre ‘Horrorfilm’ betreffend, sowie drei äußerst detaillierte Einzelanalysen hochrelevanter Filme. Die von Krautschick vertretene These, dass auch Genrefilme qua Medienreflexion relevante Beiträge zur Medientheorie liefern können, wird anhand der Auswahlfilme in Teilen bewiesen, auch wenn die Rückbindung der Analyse an Kenntnisse über den japanischen Kulturraum und seine Mediendiskurse etwas zu sporadisch erfolgt.

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Über das BuchLars Robert Krautschick: Gespenster der Technokratie. Medienreflexionen im Horrorfilm. Reihe: Medien/Kultur, Bd. 10. Berlin [Bertz + Fischer] 2015, 314 Seiten, 25,- EuroEmpfohlene ZitierweiseLars Robert Krautschick: Gespenster der Technokratie. von Hörner, Michael in rezensionen:kommunikation:medien, 22. Oktober 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18642
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Rezensent/in
Michael Hörner (M.A.), geb. am 09.02.1986, studierte Theater- und Medienwissenschaft und Germanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zur Zeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der FAU in den Bereichen Forschung und Lehre tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medienanalyse, Horrorfilm, Medienreflexion im Film und die Darstellung des Kinos in Spielfilmen. Neben seiner Tätigkeit an der FAU arbeitete er bereits für das Filmhauskino Nürnberg und war dort im Jahr 2011 an der Ausrichtung der interdisziplinären Filmreihe 'Sprache.Beruf.Kino' beteiligt.