Bernd Neumann: Von Augustinus zu Facebook

Einzelrezension
3071 Aufrufe

Rezensiert von Martina Wagner-Egelhaaf

von augustinus zu facebook_zur Geschichte und Theorie der AutobiographieEinzelrezension
Wer in der Autobiographieforschung zuhause ist, greift mit Neugier und großer Erwartung zu Bernd Neumanns neuem Buch, hat der Autor doch mit seiner Dissertation Identität und Rollenzwang. Zur Theorie der Autobiographie aus dem Jahr 1970 einen wahren Meilenstein der Autobiographieforschung vorgelegt. Doch macht sich schnell Enttäuschung breit: Es handelt sich bei dem jetzt erschienenen Werk, ohne dass Verlag oder Autor mit auch nur einem Wort darauf aufmerksam machen, um eine überarbeitete und geringfügig erweiterte Ausgabe der Dissertation. Der bei weitem größte Textteil wurde unverändert übernommen.

Das ist nun ein höchst zwiespältiges Unternehmen: Zweifellos hatte Bernd Neumann, seit 1980 Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Trondheim (Norwegen), in seiner Doktorarbeit gewichtige Argumente vorgetragen, die, je nach Frageinteresse, noch heute diskussionswürdig sind. Da ist zum einen die idealtypische Unterscheidung von Autobiographie und Memoiren, die beschriebene Entwicklung von der kleinbürgerlichen Lebensbeschreibung des Pietismus bis zur großbürgerlichen Autobiographie, wie sie Goethes Dichtung und Wahrheit paradigmatisch verkörpert, sowie die sozialpsychologischen Perspektivierungen, die unter Bezugnahme auf David Riesman, Erik H. Erikson, Talcott Parsons und Erich Fromm vorgenommen werden. Das große Anregungspotential von Neumanns Studie lag im Jahr 1970 bei der entschiedenen sozialhistorischen Reformulierung des autobiographischen Genres, das bis dato mit Neumanns großen Gewährsmännern Wilhelm Dilthey und Georg Misch unter einem geistesgeschichtlich-hermeneutischen Vorzeichen stand.

All dies nun im Jahr 2013 nahezu unverändert wiederzulesen, als hätte es mehr als 40 Jahre internationaler Autobiographieforschung nicht gegeben, mutet befremdlich an. Tatsächlich hat der Autor in den übernommenen Kernteilen seiner Studie so gut wie keine neuere Forschung eingearbeitet bzw. neuere Fragestellungen text-, medien- und kulturwissenschaftlicher Art aufgenommen. Als Buhmann der Autobiographietheorie nach 1970 wird lediglich Paul de Man erwähnt, dessen bedeutsamer Artikel “Autobiography as De-facement” von 1979 freilich auch nicht mehr ganz taufrisch ist. Ohne dass sich Neumann die Mühe machte, de Mans Argumentation genau nachzuvollziehen, wird de Man unangemessenerweise als “ein geschworener Feind der Autobiographie” (210) abqualifiziert, der “die Abschaffung aller autobiographischen Literatur” (217) gefordert habe.

Den wesentlichen Impuls für ein Remake seines Buches sieht der Autor aber offensichtlich in dem gegenwärtigen Phänomen der sozialen Netzwerke, das sich für ihn auf Facebook reduziert. Hier wird zu Recht erkannt, dass mit den sozialen Netzwerken unserer Zeit ein autobiographisches Format vorliegt, das zweifellos wissenschaftliche Aufmerksamkeit verdient. Neumann ist in jedem Fall zuzustimmen, wenn er nach dem Ende der ‘klassischen’, d. h. sich am Bildungsromanmodell orientierenden Autobiographie Goethe’scher Provenienz eine Omnipräsenz des Autobiographischen in unserer Gegenwart konstatiert. Wenn er schreibt, dass die Autobiographie “die ‘übrige Literatur’ gleichsam verschlungen” hat, spricht er genau jenes Phänomen an, das in der gegenwärtigen Debatte um die Autobiographie als ‘Autofiktion’ diskutiert wird. Und tatsächlich bietet das Internet hier gänzlich neue Möglichkeiten (vgl. etwa Kreknin 2013).

Auch wenn das Leben in sozialen Netzwerken zweifellos Probleme und Gefahren birgt – dies gilt im Übrigen auch für das Leben außerhalb von sozialen Netzwerken –, ist es doch mit einer sich von der Hermeneutik und überlieferten sozialpsychologischen Kategorien herschreibenden Begrifflichkeit kaum adäquat zu erfassen. Wenn man jene digitale Medienwelt, für die Facebook als perhorreszierte Chiffre steht, primär unter der Perspektive eines Innerlichkeitsverlusts wahrnimmt ohne zu sehen, dass ‘Innerlichkeit’ auch ein historisches Diskursmuster darstellt (so schon v. Graevenitz 1975), steht notwendig der Untergang des Abendlands an: “Es mag also kein Zufall sein, dass jener Kontinent, der einst das moderne autobiographisch angelegte Selbst erst konstituiert hat (in Augustins ‘Confessiones’, wie darzustellen sein wird), und der es dann durch seine nachfolgende ‘Entdeckung der Innerlichkeit’ ausgefaltet hat (Charles Taylor kommt zu Wort, um dieselbe nachzuzeichnen [freilich nur an einer einzigen Stelle, auf S. 54! M.W.-E.]), gegenwärtig im sich beschleunigendem (sic) Strudel von Schulden und inflationärer Autobiographie-Produktion in seiner Substanz bedroht erscheint?” (16)

Nein, Neumanns einstmals anregende Thesen zur Autobiographie lesen wir lieber in der alten Fassung von 1970, wo sie ihren historischen Ort haben. Wenn wir uns mit so wichtigen Gegenwartsphänomenen wie der autobiographischen Selbstinszenierung im Internet auseinandersetzen, greifen wir lieber zu neuerer medienwissenschaftlich instruierter Literatur (wie etwa Dünne/Moser [Hrsg.] 2008) – zumal der besprochene Band auch sehr schlampig bzw. gar nicht lektoriert ist.

Literatur:

  • Dünne, J.; Chr. Moser (Hrsg.): Automedialität. Subjektkonstitution in Schrift, Bild und neuen Medien. München [Fink Verlag] 2008.
  • Graevenitz, G. v.: Innerlichkeit und Öffentlichkeit. Aspekte deutscher ‘bürgerlicher’ Literatur im frühen 18. Jahrhundert. In: DVjs, 49 (1975), Sonderheft 18. Jahrhundert, S. 1-82.
  • Kreknin, I.: Kybernetischer Realismus und Autofiktion. Ein Ordnungsversuch digitaler poetischer Phänomene am Beispiel von Alban Nikolai Herbst. In: Wagner-Egelhaaf, M. (Hrsg.): Auto(r)fiktion. Literarische Verfahren der Selbstkonstruktion. Bielefeld [Aisthesis Verlag] 2013, S. 279-314.
  • Neumann, B.: Identität und Rollenzwang. Zur Theorie der Autobiographie. Frankfurt/M. [Athenäum Verlag] 1970.
  • De Man, P.: Autobiography as De-facement. In: Modern Language Notes, 94/5 (1979), S. 919-930.

Links:

Über das BuchBernd Neumann: Von Augustinus zu Facebook. Zur Geschichte und Theorie der Autobiographie. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2013, 244 Seiten, 38,- Euro.Empfohlene ZitierweiseBernd Neumann: Von Augustinus zu Facebook. von Wagner-Egelhaaf, Martina in rezensionen:kommunikation:medien, 14. Januar 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/15338
Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Verwandte Rezensionen
Rezensent/in
Martina Wagner-Egelhaaf ist Professorin für neuere deutsche Literaturgeschichte, unter besonderer Berücksichtigung der Literatur der Moderne/Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft an der Universität Münster. Forschungsschwerpunkte: Deutsche Literatur vom 18. bis 21. Jahrhundert, Autobiographie/Autofiktion, Autorschaft, Literatur im Spannungsfeld von Religion und Politik, Literatur und Gesellschaft, Rhetorik, Literaturtheorie. Wichtige Publikationen: Mystik der Moderne. Zur visionären Ästhetik der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert, Stuttgart: Metzler, 1989; Die Melancholie der Literatur. Diskursgeschichte und Textfiguration, Stuttgart, Weimar: Metzler, 1997; Autobiographie Stuttgart, Weimar: Metzler, 22005); Hg. Auto(r)fiktion: Literarische Verfahren der Selbstkonstruktion, Bielefeld: Aisthesis 2013; Mithg. Materie. Grundlagentexte zur Theoriegeschichte, Berlin: Suhrkamp, 2013 (mit Sigrid G. Köhler und Hania Siebenpfeiffer).