Andreas Eickelkamp: Der Nutzwertjournalismus

Einzelrezension
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Rezensiert von Jürgen Heinrich

Nutzwertjournalismus_onlineEinzelrezension
Andreas Eickelkamp will in seiner an der Universität Leipzig vorgelegten Dissertation Rollenverständnis, Rahmenbedingungen und Funktionalität des Nutzwertjournalismus analysieren. Dies ist verdienstvoll, handelt es sich beim Nutzwertjournalismus doch um einen zentralen Bereich des Journalismus, der aber, jedenfalls in der Kommunikationswissenschaft, bislang kaum thematisiert wird.

Eickelkamp geht in seinem ersten Kapitel (Fragestellung und Gegenstand der Untersuchung) von einer sinnvollen Arbeitsdefinition des Nutzwertjournalismus aus: “Notwendiges Kriterium für diesen journalistischen Bereich ist, dass die dominierende Kommunikationsabsicht darin besteht, den Rezipienten in einer von ihm als nützlich empfundenen Weise im praktischen Alltag zu unterstützen” (28), und klärt die Problemstellung der Arbeit, die Zielsetzung sowie die Forschungsfrage. Dies deutet bereits eine gewisse Redundanz der Herangehensweise an, weil Eickelkamp damit mehrfach das Ziel seiner Arbeit herausstellt: “Ziel dieser Arbeit ist es, zu einer Definition des Nutzwertjournalismus als einem von anderen Journalismusgattungen abgrenzbaren Typ zu gelangen” (24). Dies erscheint mir als eine unnötig verengte Zielsetzung, unnötig, weil Eickelkamp erfreulicherweise doch viele andere Aspekte behandelt, die für die Klärung einer Definition aber unwesentlich sind, und verengt, weil die Suche nach einer Definition meist ohne große Relevanz ist. Anschließend beschreibt und analysiert Eickelkamp zunächst auf rund 60 Seiten die geschichtliche Entwicklung des Nutzwertjournalismus, detailliert und kenntnisreich; allerdings hätte dies unbedingt in ein eigenständiges Kapitel gehört.

Im zweiten Kapitel (Die Ausprägung des Rollenverständnisses Nutzwertjournalismus) beschreibt Eickelkamp das Rollenverständnis der Kommunikatoren, differenziert dabei auch nach Ressorts (Wirtschaft und Technik) und diskutiert Möglichkeiten und Umfang einer spezifisch nutzwertorientierten Ressortbildung. Dabei wird immer wieder deutlich, dass Nutzwertjournalismus nicht nur für einen journalistischen Teilbereich gilt, sondern auch als eine journalistische Grundhaltung gesehen werden kann (vgl. 122). Ein wenig geht die Stringenz der Analyse dadurch verloren, dass Eickelkamp immer auch neue Aspekte, etwa den Einsatz von Experten (Kap. 2.6) oder Folgerungen für die Aus- und Weiterbildung (Kap. 2.8) anschneidet, die in sich interessant sind, aber jedenfalls mit Rollenverständnis nicht in Verbindung gebracht werden können.

Im dritten Kapitel (Die Etablierung des Nutzwertjournalismus als funktionaler Teilbereich des Journalismus) behandelt Eickelkamp den Nutzwertjournalismus in den zentralen journalistischen Medien Zeitung, Zeitschrift, Fernsehen, Hörfunk und Online-Medien. Dies sind nun nicht gerade funktionale Teilbereiche des Journalismus, wenngleich mit der medialen Differenzierung auch unterschiedliche Funktionen erkennbar werden können. Vor allem bietet Eickelkamp eine detaillierte Darstellung von Struktur und Entwicklung des Nutzwertjournalismus in den genannten Medien in der Zeit von etwa 1945 bis heute, einschließlich eines kleinen Exkurses über Ratgebersendungen im DDR-Fernsehen (vgl. 184ff.). Störend auch hier, dass Eickelkamp seine Darstellung vermengt mit Darstellungsformen im Nutzwertjournalismus (Kap. 3.3) und Nutzwert im Marketing (Kap. 3.7). Mit dieser Überschreitung der Grenzen des Journalismus verliert die Darstellung wiederum an Stringenz.

Im vierten Kapitel (Rahmenbedingungen und Einflussgrößen auf den Nutzwertjournalismus) beschreibt Eickelkamp detailliert und kenntnisreich vor allem die verschiedenen Aspekte von Verbraucherschutz, die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie ausführlich die Rolle von PR und Schleichwerbung, und thematisiert das besondere Verhältnis zwischen der Wirtschaft und der Nutzwertberichterstattung. Dabei verliert er sich bisweilen in Randfragen – etwa die Geschlechterfrage (vgl. 231ff.), während er umgekehrt dem zentralen Problem des Informationswertes relativ wenig Raum widmet (vgl. 233ff.).

Im fünften Kapitel (Zur Funktionalität des Nutzwertjournalismus) unterscheidet Eickelkamp richtigerweise, was ja oft verwischt wird, zwischen normativen und faktischen Funktionen, und führt eine neue Differenzierung ein, die Unterscheidung in Funktionen erster (Primärfunktion) und zweiter Ordnung (Sekundärfunktion). Damit gelingt es ihm, wichtige Funktionen des Nutzwertjournalismus zu identifizieren: Als Primärfunktionen die Anleitungsfunktion, die Appellfunktion, die Diagnosefunktion, die Problemlösungsfunktion und die Warnfunktion und als Sekundärfunktionen die Beratungsfunktion, die Verbraucherschutzfunktion, die Surveillance-Funktion und die Servicefunktion.

Im sechsten Kapitel (Der theoretische Kontext des Nutzwertjournalismus) versucht Eickelkamp Theorieanschlüsse zu identifizieren und anzuwenden, vor allem die Systemtheorie, Handlungstheorien und die Medienwirkungsforschung, ergänzt um neuere Erkenntnisse aus der Medienpsychologie. Daraus gewinnt Eickelkamp ein Konzept zur Funktionalität des Nutzwertjournalismus, das verschiedene theoretische Zugänge anwendet. Die Akzeptanz dieses reichhaltigen Konzepts wird durch seine Eklektizität  sicher weniger gefördert als seine Tragweite. Abschließend bietet Eickelkamp eine reichhaltige Diskussion seiner Befunde und ein Fazit, nämlich eine Definition des Nutzwertjournalismus (vgl. 425).

Meines Erachtens besteht der Wert der Arbeit nicht darin, eine Definition von Nutzwertjournalismus zu bieten, sondern darin, dass er auf dem Weg dahin außerordentlich kenntnisreich und vertraut mit den relevanten Theorien der Medien- und Kommunikationswissenschaft eine Fülle von Befunden, zum Teil aus vorangegangenen eigenen Arbeiten, zum Nutzwertjournalismus zusammenträgt und ordnet. Dabei holt Eickelkamp bisweilen sehr weit aus, verleiht seiner Arbeit damit nicht den Charakter einer Dissertation, sondern eher den Charakter eines Sachbuches, was kein Nachteil ist. Insgesamt ist die Arbeit sehr lesenswert, sie ist zudem fehlerfrei und gut geschrieben.

Links:

Über das BuchAndreas Eickelkamp: Der Nutzwertjournalismus. Herkunft, Funktionalität und Praxis eines Journalismustyps. Köln [Herbert von Halem] 2011, 480 Seiten, 32,- Euro.Empfohlene ZitierweiseAndreas Eickelkamp: Der Nutzwertjournalismus. von Heinrich, Jürgen in rezensionen:kommunikation:medien, 13. August 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/13780
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Rezensent/in
Prof. Dr. Jürgen Heinrich war bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2006 Professor am Institut für Journalistik an der TU Dortmund. Seine Forschungsschwerpunkte sind Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsjournalismus und Medienökonomie.