Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage

Einzelrezension
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Rezensiert von Ute Schneider

links2009Einzelrezension
In seiner 2007 am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Berliner Humboldt-Universität abgeschlossenen Dissertation zeichnet der Berliner Verleger Christoph Links die Entwicklung der 78 staatlich lizenzierten DDR-Verlage seit 1989 nach. Heute existieren davon noch 44 Verlage, wobei lediglich 25 noch aktiv Titel produzieren, acht Verlage davon sind allerdings nur als Redaktions- und Vertriebsbüros ihrer westdeutschen Häuser tätig. Rechnet man auch die Unternehmen ab, die schon einmal Insolvenz angemeldet hatten, sind schließlich nach der Insolvenz der Aufbau-Verlagsgruppe nur noch neun Verlage mit eigenem nennenswerten Programm existent (vgl. 312-314). Heute macht der Anteil der ostdeutschen Verlage am jährlichen Gesamtproduktionsvolumen in Deutschland gerade noch 2,2 Prozent aus.

Links ergründet die Ursachen für diese Entwicklung mit einem enormen Rechercheaufwand, indem er eine Fülle von Quellenmaterial gesichtet und analysiert hat. Als Quellen dienten ihm neben Akten aus dem Bundesarchiv die Produktionsmeldekartei der DDR-Verlage, Unternehmensarchivalien, die einschlägige Fachpresse, Zeitzeugengespräche, Archivalien des Börsenvereins sowie weitere Dokumente unterschiedlicher Provenienz. Auf diesen Grundlagen gelingt es erstmals, einen Gesamtüberblick über die Veränderungen der DDR-Verlage in den Jahren 1990 bis 2007 zu geben, wobei es bei der Heterogenität der Materialien unvermeidlich ist, dass – wie Links ausführt – “sich bei den Verlagen eine unterschiedliche ‘Tiefenschärfe'” (18) ergibt, die erst durch anschließende Forschungsarbeiten zu einzelnen Verlagen kompensiert werden kann.

Zunächst wird ein Überblick über die Entwicklung der Eigentumsverhältnisse zwischen 1945 bis zur Wende gegeben, es folgen ein Blick auf die Ereignisse in der Verlagsbranche unmittelbar nach der Maueröffnung und auf die Treuhandpolitik im Verlagswesen. Links stellt dann das Geschick aller 78 Verlage nach dem gleichen Schema vor, skizziert kurz ihre Geschichte bis 1990, macht Angaben zur Titelproduktion, zu Umsatz und Gewinn, analysiert dann die Folgen der Privatisierung und gibt dabei erfreulicherweise auch über den Verbleib der Verlagsarchive Auskunft, was für weitere Recherchen äußerst hilfreich ist. Er untergliedert die Verlagsdarstellung sinnvollerweise nach

  1. staatlichen Verlagen, die Neugründungen waren, wie z. B. der renommierte Berliner Akademie Verlag oder der ebenfalls in Berlin ansässige Verlag Volk und Wissen,
  2. traditionsreichen Verlagen, die verstaatlicht wurden und zum Teil in beiden deutschen Staaten existierten, wie z. B. Johann Ambrosius Barth, Bibliographisches Institut, F. A. Brockhaus, Hermann Böhlaus Nachf. oder Georg Thieme,
  3. partei- und organisationseigenen Verlagen (z. B. der Dietz Verlag, aber auch die Aufbau-Gruppe und der Verlag Volk und Welt),
  4. kirchlichen Verlagen und
  5. privaten Verlagen unter staatlicher Treuhandschaft, wozu z. B. der Insel-Verlag, B. G. Teubner und die Akademische Verlagsgesellschaft gehörten.

Zum Schluss zieht Links Bilanz (318-325) und kann als Ursachen des weitgehenden Niedergangs der Verlage folgende Gründe benennen. Grundsätzlich gestalteten sich für alle Verlage drei Rahmenbedingungen als besonders ungünstig:

  1. das fehlende Eigentum,
  2. der Verfall der von den DDR-Verlagen vertretenen immateriellen Werte (Autoren- und Übersetzungsrechte, auch Namensrechte) sowie
  3. kein liquides Kapital.

Hinzu kamen drei weitere, spezifische Faktoren der Verlagsbranche wie

  1. Unerfahrenheit auf dem hoch kommerzialisierten Buchmarkt, der durch große westdeutsche Konkurrenz geprägt war,
  2. das Desinteresse der Treuhand, den in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung vergleichsweise kleinen Verlagen eine solide Ausgangsbasis mit Hilfe ausländischer Investoren zu verschaffen, und
  3. das geringe Engagement des Börsenvereins des deutschen Buchhandels als Interessenvertretung der gesamten Branche, der in erster Linie für den Ausbau der Marktmacht der alten bundesrepublikanischen Verlage Sorge getragen hatte.

Christoph Links hat eine umfassende Bestandsaufnahme auf der Basis akribischer Recherchen und überzeugender Ursachenforschung vorgelegt. Für den schnellen Überblick wird als Anhang eine Tabelle mit den Eigentumsveränderungen aller 78 Verlage beigegeben sowie statistisches Material zur Titelproduktion und Mitarbeiterentwicklungen von 1988 und 2007. Links’ Dissertation hat mit der Zusammenstellung der Daten und Fakten ostdeutscher Verlage nach 1989 quasi Handbuchcharakter und wird als Nachschlagewerk weiteren buchwissenschaftlichen Forschungen informative Daten liefern können.

Links:

Über das BuchChristoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen. Berlin [Ch. Links Verlag] 2009, 352 Seiten, 24,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseChristoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. von Schneider, Ute in rezensionen:kommunikation:medien, 28. Juli 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/132
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Rezensent/in
Dr. Ute Schneider ist Professorin am Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz.