Von Hans-Dieter Kübler


Wenn man in jungen Jahren eine bahnbrechende Erfindung macht und ihr sein ganzes Leben widmet, und wenn diese Erfindung inzwischen 70 Prozent der Weltbevölkerung (359) nutzen, dann dürfen sich die Entwicklungsgeschichte dieser Technologie und die eigene Biografie eng ineinander verweben. Dementsprechend neigt sich in dieser Autobiographie des Web-Erfinders Tim Berners-Lee der Blick mal zur einen, mal zur anderen Seite. Der Titel, This is for everyone, zielt auf das Web ab: Anfangs – bis zu seiner Erfindung von 1990/92 – wird eher autobiografisch erzählt, in den letzten Kapiteln (bis 2024/25) geht es dagegen um die (Fehl-)Entwicklungen und kommerziellen Ausbeutungen des Web durch die Plattformkonzerne und um Social Media. Am Ende setzt sich Berners-Lee mit den Chancen und Risiken von KI auseinander. “Unvollendet“ ist die Geschichte des Web wohl kaum – es sei denn, man hält immer noch an der ursprünglichen Idee des Webs als globale kommunikative Teilhabe aller fest, entwickelt stets neue alternative Tools, die sich gegen die Macht der Tech-Konzerne richten, ermutigt und organisiert unverdrossen kritische Initiativen und Mitstreiter*innen gegen sie, wie es Berners-Lee offenbar bis heute tut. “Noch ist es Zeit für uns alle […], uns zu verbünden und Technologien zu schaffen, die der Würde unserer verletzlichen Gattung auf diesem einsamen Planeten dienen“ (369), so der nunmehr 70jährige etwas pathetisch-optimistisch am Ende seines Buches. Die sogenannte “digitale Souveränität“ (ebd.), die er allen Individuen mit einem offenen, barrierefreien und gemeinnützigen Web verschaffen wollte, sei noch nicht verloren und lasse sich “zurückgewinnen“ (ebd.). Ob das gemeine Individuum sie tatsächlich jemals besessen hat, fragt er sich nicht.
Geboren 1955 in London, wuchs Timothy mit seinen Eltern, die schon im 2. Weltkrieg mit Elektronik gearbeitet hatten, und drei Geschwistern unbeschwert und offenbar voller kognitiver Anregungen auf. Durch seinen Vater, einen Mathematiker und Statistiker, hatte er bald alltäglichen Umgang mit Mathematik und Computern: “Mein Vater wusste […] sehr gut, wo Computer an ihre Grenzen stießen, und sprach oft über Dinge, die Menschen leichtfielen, Maschinen aber eher nicht“ (21). Früh schon hatten seine Eltern Alan Turing, “einen der bedeutendsten Vordenker der Informatik” und einer der “versiertester Codeknacker Großbritanniens“ (23) kennengelernt, der auf die Eltern “einen fundamentalen Einfluss“ hatte (25). Der junge Timothy las mit wachsender Begeisterung Science-Fiction-Romane, und neben der Grundschule unterrichteten die Eltern ihn und seine Geschwister in Computer Science. Da die Apparate noch recht teuer waren, beschloss Timothy schon damals, seinen eigenen Computer zu bauen. Das würde noch einige Jahre dauern, aber Vorstufen über den Transistor und die Modelleisenbahn trieben ihn an.
1973 bewarb er sich an der ehrwürdigen University of Oxford um ein Studium der Physik. Das verlief nach seinem Dafürhalten aber noch recht altertümlich und war weit von Computer-Science entfernt. Gleichwohl wurde Timothy von seinem Mentor für seine “unkonventionelle“ Herangehensweise an die Aufgaben gelobt. Um seinem speziellen Ziel näherzukommen, bastelte er aus einem Fernschreiber ein Computer-Terminal und aus einem alten Fernseher einen Monitor. Bei einem Sommerjob in einem Holzlager fand er schließlich eine uralte Rechenmaschine, die er zu einer Tastatur ummodelte. 1974 war der selbst gebaute Computer fertig, just in dem Jahr, in dem Motorola den “Mikroprozessor 6800“ herausbrachte – “einen voll funktionsfähigen Computer auf einem einzigen Chip“ (39). Für Tim war es auch das letzte Jahr in Oxford, wo er sein Studium unter den oberen 30 Prozent abschloss. Mit 22 Jahren, also 1977, heiratete er seine Freundin Jane; zuvor war ihm klar geworden, dass eine akademische Laufbahn, zumal in der Physik, nicht seine Berufung war (40). Also bewarben sich er und Jane bei einigen Elektrokonzernen und heuerten schließlich bei dem britischen Elektronikhersteller Plessey im Süden Englands an. Tim arbeitete dort an neuartigen Systemen zur Automatisierung von Bibliotheken.
Von einem Freund und Kollegen lernte Tim ein kryptographisches Verfahren kennen, um einen “Public Key“ zu verschlüsseln: “Das war ein überwältigender Moment für mich; und er veränderte die Welt für immer“ (43). Denn es handelte sich um die Urform des späteren RSA-Verfahrens, das Protokoll für verschlüsselte Datenübertragung (43). Angeblich erkannte auch die US-Administration das militärische Potenzial dieser Verschlüsselungssoftware und verbot daher jeder nicht-amerikanischen Person, sie irgendwo zu speichern: “Das war der Anfang eines langen Kampfes zwischen einzelnen Computeranwendern und den Zentren der Macht“, der bis heute anhält (43).
1980 kam das Angebot vom Europäischen Rat für Kernforschung, dem CERN, über sechs Monate einen Code für Prozesssteuerung zu entwickeln. Das dafür geschriebene Enquire-Programm speicherte Tim auf einer 8-Zoll-Diskette ab und kehrte mit Jane nach Poole zurück. Dort beschlossen die beiden “einige Zeit später“, ihre Ehe zu beenden (51). Nach einer ersten neuerlichen, aber erfolglosen Bewerbung 1983 erhielt Tim 1984 einen Job am CERN. Seine Interessensgebiete hatte er mittlerweile auf Mikroprozessoren, über Netzwerke kommunizierende Systeme und Echtzeit-Technologien spezifiziert. Zunächst musste er feststellen, dass niemand Enquire nutzte und die Diskette verloren gegangen war. Er arbeitete im Bereich “Computing and Networks“ an Echtzeit-Datenerfassungssystemen. In Genf, wo er nun lebte, lernte er Nancy Carlson, eine US-Amerikanerin, kennen, die bei der WHO arbeitete. Sie zogen zusammen und heirateten ein paar Jahre später. Zuhause nutzten sie zusammen ein Toshiba-Laptop mit einem 80286 Prozessor von Intel, die PC-Revolution der 1980er Jahre war im vollen Gange, der einst geliebte, selbst gebaute Computer blieb in Poole zurück und wurde entsorgt.
Dementsprechend füllen sich die nächsten Seiten mit fachspezifischen Beschreibungen von Vernetzungssystemen (wie BBS), lokalen Netzwerken (wie LAN), Protokollen (wie TCP/IT) als Grundlage des Internets, IP-Adressierung etc. All diese Entwicklungen ließen in Tim die Idee reifen, “die Dinge anders zu machen“ (59), und mit Beharrlichkeit beförderte sie die “Erfindung“, “die die Welt verändern würde“ (59). Zuvor, 1987, hatte ein Programmierer bei Apple Hypertext-Programme herausgebracht, die die Navigation im Internet ermöglichten. Doch um sein Hyperlink-Konzept in die Tat umzusetzen, musste Tim erst seine Chefs beim CERN überzeugen, dass ein solches Projekt nützlich war. Denn seine offizielle Arbeit bestand noch immer darin, Steuerungssoftware für den Datenbus zu programmieren.
Ab 1988 suchte er, sein Konzept voranzubringen, im März 1989 legte er ein Memo, das in der Biografie abgedruckt ist (68), vor. Aber fast niemand verstand es, denn es brach mit der herrschenden Gewohnheit, “jedes Dokument in einen bestimmten Container zu packen“ (70). Vielmehr sollten die Dateien aus ihren Ordner geholt werden und gewissermaßen “in freier Wildbahn“ zirkulieren, bis Anwender Beziehungen unter ihnen knüpfen, “die sie für richtig halten“ (70). Ein befreundeter Kollege beschaffte Tim bei CERN einen NEXT-Computer von Steve Jobs, der aus Apple hinausgedrängt worden war und sein eigenes Start-up gegründet hatte. Auf diesem Computer, der unter Unix lief, sollte Tim sein “Hypertext-Ding“ programmieren (73). Außerdem schaute er sich von Jobs ab, wie man Produkte erfolgreich vermarktet, und ersann deshalb für sein System den Namen “World Wide Web“ (www), wiewohl er “ein bisschen schräg“, aber einprägsam war und von vielen CERN-Kollegen abgelehnt wurde (75).
“Etwa im Oktober 1990 wurde ich der erste Vollzeit-Web-Entwickler der Welt“ (76). Entsprechend füllen sich die nächsten Seite dieses Kapitels (“Lift-off“) mit der Beschreibung technischer Details, die sich u.a. um URL, HTML und Domains drehen. 1990 war Tim noch der einzige User im WWW, aber Ende 1993 waren die täglichen Zugriffe schon auf 10.000 gestiegen (98). Am 1. Januar 1991 kam die Tochter Alice zur Welt, 1994 der Sohn Ben, so der knappe Einschub (85). Bis heute, so gesteht Tim, “mache ich meine Erinnerungen nicht an Kalenderjahren fest, sondern verbinde das eine oder andere Datum mit den Entwicklungsstadien unserer beider Kinder“ (85).
1991 nutzten schätzungsweise bereits zwei Millionen Menschen regelmäßig das Internet, vorzugsweise Akademiker und professionelle User. Denn das Internet war noch nicht offiziell für die breite Öffentlichkeit zugänglich (99). 1992 brachte Tim Berners-Lee mit der Einwilligung des CERN die Webtechnologie auf die große Bühne, bei einer Entwickler-Konferenz in Paris. Der “Aufstieg des Web“ – so der Titel dieses Kapitel 4 – war unaufhaltsam. Am CERN wurde Tim Berners-Lee großzügigerweise von den meisten seiner vorherigen Verpflichtungen entbunden, den Sommer 1992 verbrachte er als bezahlten Urlaub am MIT in Massachusetts.
Am Beispiel eines letztlich erfolglosen Konkurrenz-Systems, dem Gopher, wurde Tim klar, dass das geistige Eigentum, die Programme, die dem Web zugrunde lagen, “gemeinfrei“ und kostenlos nutzbar sein müssten. Daher drängte er das CERN, den vollständigen Quellcode seiner Protokolle sowie seine Client- und Webserver-Software mit einer entsprechenden Erklärung zu veröffentlichen, was am 30. April 1993 geschah (114). Ferner wurde mit dem enormen Wachstum dringlich, dem Web Regeln zu geben (wie das 5. Kapitel lautet). Bislang waren es “Benimmregeln der akademischen Welt“ (123), die so genannte Netiquette, aber sie waren aus der Sicht Tims von AOL zugrunde gerichtet worden. Es musste ein unabhängiges Gremium zur Standardisierung des Webs gegründet werden, das dafür sorgt, dass diese Standards lizenzkostenfrei blieben. Tim nannte es “World Wide Web Consortium“ (abgekürzt W3C) (125). Angesiedelt wurde es nach einigen Verhandlungen am MIT, das Tim ab dem 1. September 1994 dafür eine feste Stelle und weitere finanzielle Mittel anbot, weshalb die Familie nun nach Boston übersiedelte. Als Direktor konnte Tim über fast drei Jahrzehnte lang das W3C zum Erfolg führen (137).
Doch Kommerz, Werbung und Politik begehrten immer mehr Einfluss auf das Web, so dass das Konzept der globalen Gemeinnützigkeit ständig stärker unter Druck geriet. Auch Tim Berners-Lee musste einsehen, dass die Idee des freien Zugangs schon an der Internet-Infrastruktur scheiterte: “Man braucht immer eine Art von Internet Service Provider (und einen Computer für den Zugang zum Netz)“ – und beide kosten Geld (159). All die folgenden Entwicklungen, die der Browser (vor allem des Internet Explorers von Microsoft), Suchmaschinen (u.a. Google), Datenbanken und Plattformen (wie Amazon) beschäftigen den Autor auf den folgenden Seiten, doch die “Schmerzen“ nahmen zu (so das Kapitel 7): Der Personal Computer wurde von der unvernetzten Workstation der 1990er Jahre mit eingeschränkter Nutzung zur vernetzten Multimedia-Plattform der 2000er Jahre umfunktioniert (178). Im Netz entstanden immer mehr proprietäre Bereiche, da die Konzerne Domainnamen von Dotcom-Adressen aufkauften. Allein die im Januar 2001 gestartete digitale Enzyklopädie “Wikipedia“ ließ Tim noch erahnen, “wie ich mir das Web vorgestellt hatte“ (180).
Mit der wachsenden Nutzung und Popularität des Web wurde es zunehmend den technologischen Strategien der Tech-Konzerne unterworfen: Selbst in der Steuerungsgruppe des CERN, des W3C, wurde an Lizenzgebühren gedacht und damit die Kostenfreiheit des Web unterminiert. Tim Berners-Lee erfreute sich hingegen an vielerlei Auszeichnungen, wie etwa der Berufung als Fellow der britischen Royal Society – wie zuvor auch sein großes Vorbild Alan Turing. Spätestens 2002 löste Microsofts Internet Explorer den Navigator von Netscape im “Browserkrieg“ (201) ab und eroberte bald weltweit 95 Prozent Marktanteil. Allerdings brachte die gemeinnützige Mozilla-Stiftung 2004 den alternativen Browser Firefox auf den Markt. “Firefox machte vieles ziemlich gut“, lobt Tim (201), und freute sich, dass er neben anderen Browsern dem Internet Explorer seine Monopolstellung abnahm. Doch letztlich raubten all diese technologischen Konkurrenzkämpfe und kommerzielle Indienstnahmen dem World Wide Web das “Ideal der Gemeinnützigkeit“ und “Integrität“, sie machten das Netz “viel polarisierender und ausbeuterischer“, als “es mir ursprünglich vorschwebte“, wie Tim erneut bedauerte (206).
Die nächste Etappe war die ‘Mobilisierung’ des Web, da das Handy zum multifunktionalen Mobiltelefon, zum Smart- und I-Phone aufgerüstet wurde. Zuerst wurden haptische Touchscreens entwickelt, die das Anklicken von Links mit der Maus ersetzen – “ein neues Paradigma, mit dem das W3C sich anfangs etwas schwertat“ (208). Zum Glück half “Partner“ Apple aus, der 2007 das iPhone herausbrachte. Die wohl wichtigste Veränderung war die sich ständig verkürzenden Aufmerksamkeitsspanne der User, was enorme Auswirkungen auf den Content hatte: Alles musste schnell, einfach und plakativ dargestellt werden, was Technik, Text- und Bild-Produktion und Design enorm herausforderte.
Im Juli 2004 wurde Tim Berners-Lee in Anerkennung seiner Verdienste für die globale Entwicklung des Internets von der britischen Krone in den Adelsstand erhoben. Seine offizielle Anrede war nun “Sir Tim Berners-Lee“ oder auch – abgekürzt – “Sir Tim“, was ihn mächtig stolz machte. Weitere Anerkennungen und Ordensverleihungen folgten.
2008 lernte er Rosemary Leith, eine erfolgreiche, willensstarke und hochintelligente Geschäftsfrau kennen, die in Kanada aufgewachsen und über die Schweiz nach Großbritannien gekommen war. Im Auftrag der von ihnen begründeten World Wide Web Foundation, die sich gegen die wachsende Kluft beim Zugang zum Internet zwischen Wohlhabenden und Unterprivilegierten, gegen die zunehmende politische Polarisierung bis hin zu geschlechtsspezifischer Gewalt im Web und gegen andere gesellschaftliche Fehlentwicklungen engagierte, reisten die beiden viel durch die Welt, besonders in afrikanische Staaten, um nicht nur “die Macht des Web als Triebfeder des Fortschritts vor Ort zu erleben, sondern [um] auch in Erfahrungen zu bringen, in welchen Regionen der Bedarf am dringlichsten war“ (222). Auch die weitere Kommerzialisierung bereiteten vielerlei Sorgen, gegen die sie später mit dem Prinzip der “Netzneutralität“ (227) ankämpften. 2014 heirateten Rosemary und Tim, zusammen mit “zwei Familien“ und allen nun schon erwachsenen Kindern, und zwar in der Chapel Royal sowie im benachbarten St. James’s Palace – die Queen hatte es erlaubt (236).
Anfang der 2010er Jahre traf Tim erstmals Mark Zuckerberg. Beeindruckt war er sowohl von Facebook als auch dann von Twitter und schließlich von Instagram (230). Für sie und andere wurde allmählich der Begriff “Web 2.0“ lanciert, mit dem Tim aber “nicht viel anfangen“ konnte (ebd.). Bald stellte sich heraus, dass diese schnell marktbeherrschenden Plattformen nur an den personenbezogenen Daten der User interessiert waren, die sie lukrativ an die Werbung verkauften, und “ältere, organischere Tätigkeiten der User“, die sie mittels HTML-Tools bewerkstelligten, verdrängten. “So hatte ich mir das Web nicht vorgestellt“, bekennt Tim wieder einmal, “in meiner Vision hatte der User die vollständige Kontrolle über seine Inhalte und war deren Eigentümer“ (229).
Bei den Olympischen Spielen 2012 in London konnte Tim anlässlich der Eröffnungsshow seine Vision vom Web mit dem Motto “This is for Everyone“ einem Weltpublikum in riesigen LED-Leuchtbuchtstaben eindrucksvoll präsentieren (243): “Wie ich das Web haben wollte“ (244). Doch die “Datensammelei im industriellen Maßstab“ (245) ging ungehindert und massiv weiter. Neueste Tracking-Technologie dafür war der Cookie, “ein kleiner Datenblock, den von User besuchte Server im Seitenverlauf seines Browser abspeichern“ (245). Dabei kommen andere Domains als die, die der User gerade besucht, zum Einsatz, und sie können über mehrere Websites hinweg den Pfad des Users registrieren. Wegen dieser digitalen Mechanismen sorgte sich die britische Politik um den Datenschutz, und Tim konzipierte zusammen mit Kollegen am MIT Open-Source-Tools ähnlich wie HTML, um die persönlichen Daten von Unser zu schützen: “Social-Linked Data“ – kurz “Solid“ – war ein solches offenes Protokoll, mit dem die Daten einzelner User im Web geschützt werden (255). Ein gemeinnütziges Open Data Institute (ODI) wurde 2012 in London ins Leben gerufen, um mit öffentlichen Einrichtungen und politischen Entscheidungsträgern zusammen zu arbeiten.
Im Frühjahr 2014 feierte das Web seinen 25. Geburtstag. Auf einem Glückwunsch-Dinner lernten Rosemary und Tim Demis Hassabis kennen, einen Computer-Science-Pionier, Gründer des KI-Start-ups “Deep Mind“ und seit 2024 Nobelpreisträger für Chemie. Nach der Stagnation in den 1980er und 1990er Jahren, dem sogenannten “KI-Winter“, skizzierte Hassabis in einem Vortrag die neuesten Optionen der KI. Tim hatte Bedenken, da KI viele waffenfähige Anwendungsbereiche und neues Wettrüsten annoncierte, trotzdem war (und ist) er “begeistert vom Potenzial der KI“ (267). Denn nach wenigen Jahren “brachten Dennis und sein Team ihren neuronalen Netzen immer anspruchsvollere Fähigkeiten bei – vom Spielen klassischer Arcade-Games bis hin zu komplexen Strategiespielen“ (267).
Während seiner vielen Reisen und der dabei unumgänglichen Nutzung des Smartphones musste Tim einsehen, “dass der Schlüssel zur Rettung des Web und zu Verbesserung unseres digitalen Lebens darin lag, die Speicherung und Nutzung personenbezogener Daten anders zu organisieren“ (270). “Solid“ bot sich als hervorragende “Möglichkeit an, all das umzusetzen“ (270). Aber noch 2017 glaubte Tim, dass es etliche Jahre dauern würde, bis die KI imstande wäre, auch nur in Ansätzen Dialoge zu führen (273).
Im Jahr 2016, also genau 40 Jahre nach seinem Examen, wurde Tim von der University of Oxford auf eine Forschungsprofessur berufen. 2016 erhielt er den Alan-Turing-Award der Association for Computer Machinery, informell als der “Nobelpreis für Informatik“ bekannt. In Oxford bekam er Kontakt zu der aufblühenden britischen KI-Szene. Sie arbeitete an Techniken des Maschinellen Lernens, die das semantische Web, das Web der Daten, zugrunde legten. Sie führten zu einer “Revolution in der Art und Weise, wie Internetinhalte bereitgestellt wurden“ (277). Das dort favorisierte Verfahren des “kollaborativen Filterns“, das zunächst für die Musikplattform “Spotify“ angewendet wurde, erwies sich auch schnell dafür geeignet, mit “provozierenden Inhalten“ (278) Menschen anzulocken und zu halten. Für Tim trug das “kollaborative Filtern maßgeblich zu einer tiefen politischen Polarisierung in vielen Gesellschaften bei“ (278). Dadurch verloren traditionelle Medienplattformen wachsende Aufmerksamkeitspotenziale an die toxischen Social Media, wie Tim konstatieren muss. (278). Beispielsweise konnte so das britische Politberatungsunternehmen Cambridge Analytica die Brexit-Kampagne steuern, mit Mikrotargeting für ihre haltlosen Behauptungen und gänzlich überzogenen Versprechen. (279).
Schon seit einiger Zeit war Tim Berners-Lee klar geworden, “dass mit dem Web etwas nicht stimmt“. So beginnt das 13. Kapitel “Design Issues“. Was eigentlich als Werkzeug für Kreativität und Zusammenarbeit gedacht war, hatte sich zu einem “polarisierenden und toxischen Medium entwickelt“ (282). Zwei Symptome für dieselbe “Krankheit“ identifiziert Tim: Zum einen besagte Polarisierung im Web. Zum anderen würden psychische Probleme bei längerer Nutzung sozialer Medien drastisch zunehmen. Um diese Fehlentwicklungen einzudämmen, suchte Tim weltweit Gleichgesinnte und Mitstreiter*innen: Er sei nicht dafür, Social Media generell abzuschaffen, denn bei der Informationsflut bräuchten wir “algorithmische Agenten, um zu organisieren, was wir zu sehen bekommen“. Vielmehr müssten “lediglich die suchterzeugenden Algorithmen“ reguliert werden“ – “diejenigen, die Menschen in digitale Albtraumwelten führen“ (286). Aus Tims Sicht bedarf es dazu “technische Design-Entscheidungen sozialer Netzwerke“, um spezielle Algorithmen “für besonders anfällige Nutzergruppen zu entwickeln“ – etwa für Teenager, so dass sie “gezielt zu gesünderen Inhalten“ geführt werden oder dass sie selbst in den App-Einstellungen angeben können, dass sie Schwierigkeiten haben, sich loszureißen (293).
2019, als das Web 30 und Tim 65 Jahre alt wurden, erarbeitete das Team der Web Foundation einen Grundlagentext, den sie “Contract for The Web“ nannten. Nach seiner Präsentation im CERN am 12. März wurde er anschließend feierlich in Londons berühmten Science Museum verkündet (296). Auch in Lissabon, bei der jährlichen Web-Summit-Konferenz wurde der Text bekannt gemacht. Seine Leitlinien sind ähnlich wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (1948) recht allgemein und möglichst verständlich gehalten. Sie richten sich an Regierungen, Unternehmen und Bürger und enden mit dem Appell: “Kämpft für das (offene) Web, denn seine Existenz ist kein Naturgesetz, sondern ständig politischen Bedrohungen ausgesetzt“ (303). Tim verzeichnet stolz, dass selbst rund 80 große Unternehmungen – darunter Google, Microsoft, Amazon und Twitter – den Pakt unterzeichnet haben (302). Und er macht den Regierungen den Vorwurf, keine Regulierungen gegen das rasante Innovationstempo und die Herausbildung von Monopolen verabschiedet und damit versagt zu haben. Das Web wurde zunehmend den Kräften des Kapitalismus unterworfen (304). Zeugt diese Einstellung von idealistischer Naivität oder von politischer Blindheit?
Denn direkt im Anschluss, im Kapitel “Inrupt“, arbeitet Tim unverdrossen weiter: “Wir brauchen“ eine “neue Methode“, “neue offene Protokolle und Apps – eine prodemokratische Ebene, die den User ermächtigt und das Verbreiten von Desinformationen erschwert“ (306). Das von ihm und anderen entwickelte “Solid-Protokoll“ erscheine ihm geeignet, den “User von algorithmischer Manipulation zu befreien, faszinierende neue Funktionen zu erschließen und letztlich den digitalen Fußabdruck des Users in eine beständige Quelle von Wert zu verwandeln“ (306). Doch “Solid“ war damals noch ein “amorphes Gebilde“, eine “offene Spezifikation“, deren Ausformulierungen Tim mit Rosemary “am Küchentisch“ bewerkstelligt hatte. Mit seinem Team am MIT und einem neu gegründete Beirat nahm es allmählich digital-algorithmische Form an und konnte auch kommerzialisiert werden: durch eine Firma – zunächst nur ein “juristisches Konstrukt“ namens “Inrupt“, ein “Kofferwort aus ‘Innovation’ und ‘Disruption‘“ (308). Dafür konnten sie in der ersten Investitionsrunde mehrere Millionen Dollar einwerben, in Boston ein Bürogebäude anmieten und weltweit rund 30 Mitarbeiter*innen anstellen. Bei “Inrupt“ planten sie, “unternehmenstaugliche Server für Solid-User aus der Industrie zu entwickeln“ (314) – zunächst für den britischen National Health Service in Manchester. Dort sollte eine elektronische Patientendatenbank erstellt werden, bei der alle medizinischen Daten eines Patienten zusammengeführt werden, über die Jede*r unbedingte Kontrolle hat und sie jederzeit einsehen kann – “ein souveräner Bürger im Datenuniversum“, selbst bei der nächsten Technologiewelle, wie es am Ende das Kapitels überraschend euphorisch heißt (320).
Diese neue Technologie kündigte sich schon Ende 2022 als “intelligente Maschinen“ (16. Kapitel) an. Auf einer Konferenz in Ditchley Park, “einem grandiosen englischen Landsitz bei Oxford“ wurde erstmals das KI-System “ChatGPT“ präsentiert: “Ich war fasziniert”, gesteht Tim (321), denn die “Fähigkeit von Large Language Modells (LLMs), wie sie in ChatGPT und vergleichbaren Systemen eingesetzt werden, in kürzester Zeit [einen] qualitativ hochwertigen Text zu erzeugen, war ein echter Schock” und löste in der Informatik eine “Revolution” aus: “Es fühlte sich an, als hätte man auf einen Schlag zehn und zwanzig Jahre Zukunft vorgezogen” (322).
Doch die Risiken oder zumindest Ambivalenzen der künstlichen Intelligenz wurden schnell offenbar: Tim hielt die KI-Welt für lange Zeit in zwei Lager gespalten: in das “Logik-Lager“ und das “Neuronale-Netze-Lager“ (323). Neuronale Netze, die den Aufbau biologischer Gehirne nachahmen, galten zunächst als gescheitert. Doch mit steigender Rechenleistung erzielten sie immer eindrucksvollere Resultate. Bei Google entwickelte ein Forscherteam Ende der 2010er Jahre “eine besonders leistungsfähige Architektur neuronaler Netze“, die “Transformer“ genannt wurde (324). Vom gemeinnützigen Start-up “OpenAI“ wurde diese Architektur aufgegriffen und so fortentwickelt, dass sie unendlich viele neue Texte generieren kann, genannt “GPT“ (“Generative Pre-trained Transformer”) (324). Trainiert mit immer größeren Textkorpora – am Ende mit dem gesamten Web – schien die schiere Masse auch für Tim schon “so etwas wie Intelligenz zu manifestieren“, auch wenn die LLMs jeweils nur das nächste, statistisch wahrscheinlichste Wort anbieten. Denn für Tim, so bekennt er nun, bedeutet es keinen Unterschied, “ob Intelligenz in Silizium oder in organischer Materie verankert ist“. Entscheidend sei nicht das “Material, sondern das Verhalten“, wie schon Alan Turing 1950 in seinem “berühmten Text zum Nachweis von Intelligenz“ konstatierte. Was Tim unter Verhalten präzise meint, lässt er offen. Auf eine fundierte Theorie – etwa auf die des in Großbritannien und den USA lange Zeit favorisierte Behaviourismus B.F. Skinners – scheint er nicht zu rekurrieren. Schnell springt er zu weiteren, pragmatischeren Bekenntnissen: “Ich persönlich habe keine Angst vor KI. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir sie unter Kontrolle halten müssen“ (329).
Aber wie soll das gehen, wenn in naher Zukunft KI-Technologien verfügbar sind, die Ziele “autonom verfolgen“ (330), fragt er sich wenige Seiten später. Sein Appell, “Wir sollten alles dransetzen, Systeme zu erschaffen, die wir auch weiterhin beherrschen können“ (330), hilft da wohl wenig. Eine mutmaßlich auch nur technische Möglichkeit sieht er darin, “eine leistungsstarke KI unter Kontrolle zu halten“, indem sie so programmiert wird, “dass sie bei jedem wichtigen Schritt die Zustimmung eines Menschen einholen muss – ein Prinzip, das oft als ‘Human-In-The Loop’ bezeichnet wird“ (331). Aber nur eine technische Option dürfte dafür nicht ausreichen, vielmehr braucht es “globale Zusammenarbeit und internationale Governance“ (331).
Auf etlichen AI-Gipfeln in Großbritannien, Seoul und Paris wurde 2023 und 2024 darüber diskutiert, und Ende 2024 wurde zur Gründung einer Forschungseinrichtung aufgerufen, in der ähnlich wie im CERN “die besten KI-Experten zusammenarbeiten“ (331). Ob dieser Aufruf realisiert wurde, verfolgt Tim leider nicht weiter. Vielmehr diskutiert er nun viele Anwendungen, in der er selbst und andere KI erfolgreich einsetzen, von einfachen Routinetätigkeiten bis hin zur Programmierung komplexer Systeme. Und wiederholt widersprechen sich seine Urteile, wie die letzten 30 Seiten der Biografie dokumentieren: “Da GPT-Modelle mit immer größeren Datenmengen trainieren, werden sie immer intelligenter“ – “welch großartige Leistung“, lobt Tim (334). Aber: “Das Problem der Datenhoheit ist eines von vielen im Zusammenhang mit KI, für die wir richtige Lösungen finden müssen“ (335). Noch abfälliger: “Ein LLM, das mit falschen Informationen, Hassrede oder gezielter Desinformation trainiert wurde, wird in seinen Ergebnissen ebendiesen Mist reproduzieren“ (335). Und für das nächste Kapitel kündigt er einen neuen theoretischen Ansatz an, den “Übergang von der Aufmerksamkeits- zur Absichtsökonomie“ (335).
Systematische Urheberrechtsverletzungen durch die Trainingsinputs, Kampf um “korrekte Attribution und faire Vergütungen“ (337) sowie gegen die “zunehmende Verbreitung von ‘Deepfakes'” – all dies sind Fehlentwicklungen, die Tim besorgen. Regelrechte “Angst“ macht ihm “die Kombination von Deepfakes mit digitaler Mikrotargeting-Werbung“ (341), denn sie könnte “zu einer massiv verzerrten Wahrnehmung der Realität führen“(ebd.). Aber auch dafür bieten sich für Experten wiederum technische Lösungen an: nämlich digitale Signaturen (342). Das “größte ungelöste Problem im Bereich der KI“, das schon im Ditchley Park ausführlich behandelt wurde, sei die so genannte “Superintelligenz“: Systeme, die “Ziele verfolgen, die mit dem Wohlergehen oder gar dem Überleben der Menschheit unvereinbar sind“ (343). Für dieses so genannte “alignment problem“ (“KI-Zielausrichtungsproblem“) habe noch niemand “eine überzeugende Lösung […] gefunden“, da diese Systeme auf Basis neuronaler Netze “nicht regelbasiert“ funktionieren; “ihr Verhalten ist nicht programmiert, sondern erlernt – und es wird bald ebenso komplex sein wie das unsere“ (344), ahnt Tim.
Auf einer neuerlichen Reise nach Südkorea kam Kim das Konzept der “Absichtsökonomie“ (“intention economy“) im Gegensatz zur vorherrschenden “Aufmerksamkeitsökonomie“ in den Sinn (348). Denn die “Käufer sollten dem Markt sagen, was sie kaufen wollen, und die Anbieter [sollten] darum konkurrieren, es zu liefern“ (348). Doch es blieb bei der spontanen Idee, die Tim an einigen Beispielen wie dem Plan einer Reise durchspielt. Allerdings dämmerte ihm, dass die “Konzentration auf Profit“ just “die Aufmerksamkeitsökonomie“ – “vielleicht ungewollt“ – hervorgebracht habe (350). Kaum eine Seite später verniedlicht er diesen Zusammenhang abermals auf eine “Frage des Designs“ – auf “ein Zusammenspiel aus technologischen Innovationen, die wir hervorbringen können, und dem politischen Rahmen, der sie ermöglicht und in die Schranken weist“ (351). Und äußerst zuversichtlich prognostiziert der “begeisterte“ Fan von KI gleich danach, dass sie “eine tragende Rolle dabei spielen [wird], eine bessere Welt aufzubauen“ (352). Denn überall, wo Tim auf seinen Reisen hinkommt, beobachtet er ein[en] wachsenden Konsens, “dass wir unsere Online-Welt grundlegend verändern müssen“ (356): “Wenn wir jetzt – gleich zu Beginn der KI-Ära – neue Standards einführen, können wir unseren Kurs korrigieren und die ausbeuterischen Nutzungsmuster, die das vergangene Jahrzehnt geprägt haben, hinter uns lassen“ (355). Diese neuen Systeme, müssen die persönlichen Daten schützen und den Usern genug Raum geben, “um ihre guten Absichten zu verwirklichen“ anstatt “ständig neue Ablenkungen zu erzeugen“ (356).
So sprießen die “Vorboten des Frühlings“ – im letzten Kapitel für den technischen Optimisten als “neues Zeitalter maschineller Intelligenz“, denn “autonome KI-Agenten [können] große Datenmengen synthetisieren und eigenständig mit anderen Websystemen interagieren“ (368). Auch wenn “viele sich gar nicht mehr vorstellen [können], dass das Web sich noch einmal zum Positiven wenden ließe – zu etwas, das den Menschen hilft, sie inspiriert und immer wieder aufs Neu begeistert“ (367), ist es für Tim noch nicht zu spät, dass wir “unsere digitale Souveränität zurück[…] gewinnen“ und dass wir Maschinen bauen, “die dem Menschen dienen und nicht umgekehrt“ (368). Aber zu einem schlüssigeren, profunderen Resüme, das strukturelle, ‘systemische’ Zusammenhänge aufzeigt, Risiken und Hindernisse nicht nur als technische oder gar Designprobleme erklärt, sondern als gesellschaftliche und politische Konditionen, will sich Tim nicht vorwagen. So bleibt es für das Web, erst recht für die KI bei einem offenen, unbefriedigenden Ende, dessen absehbare Zukunft eher bedenklich ausfällt und allenfalls mit direkten, gesetzlichen und indirekten (etwa finanziellen, normativen) Regulationen, Kontrollen und Verboten einigermaßen zu bewältigen ist. Die “Vorboten des Frühlings“ neigen sich daher eher zum Privaten, zu einem Segelturn auf einem See in Kanada: ” […] das Boot [zischt] nur so über den See, und der leeseitige Rumpf zieht eine schön V-förmige Spur durchs Wasser…“ (366) schildert Tim und schließt seine Biografie mit dem altbekannten Appell: “Wir können das schaffen – wir alle zusammen“ (369).
Links:
Über das BuchTim Berners-Lee: This Is for Everyone. Die unvollendete Geschichte des World Wide Web Hamburg [Rowohlt] 2025, 384 Seiten, 28,- EuroEmpfohlene ZitierweiseTim Berners-Lee: This is for everyone. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 14. August 2026, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/26199
