Andrea Belliger, David J. Krieger: Essays zur digitalen Transformation

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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Über 40 Kurzreflexionen, Gedankenexperimente und Anmerkungen sind in diesem Reader versammelt, verfasst von der Co-Direktorin des “Instituts für Kommunikation & Führung” in Luzern und Prorektorin der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz gemeinsam mit ihrem Kollegen und Mitgründer des nämlichen Instituts. All diese Kurztexte, die schon einmal an anderer Stelle publiziert wurden, kreisen um das große, aktuelle Schlagwort der digitalen Transformation(en), wie die beiden einleitend schreiben. Tatsächlich greifen sie viel weiter aus und fokussieren sich auf die angesprochene dritte Disruption, nämlich auf den grundlegenden Wandel des Wissens, des Handelns, ja des menschlichen Seins. Ob er von digitalen Transformationen verursacht ist (wie hier unterstellt wird) oder ob er selbst treibender Faktor des Wandels ist, sei dahingestellt.

Die beiden anderen Disruptionen seien die “Art und Weise, wie Wissen und Informationen produziert, verteilt und genutzt werden” sowie die “Art und Weise […], wie kooperatives Handeln in der Gesellschaft organisiert wird”, mithin “wie wir zusammenleben und arbeiten”, wie es in der “Einführung” weiter heißt (9). Somit sind Überschneidungen – je nach theoretischer Perspektive – enorm, Unterscheidungen hingegen gering, was bereits die Probleme und Defizite solch kursorischer Texte annonciert.

In einem der folgende Beiträge – explizit die “drei Disruptionen” überschrieben (15) – werden diese nämlich fundamentaler definiert: erstens als die “posthumanistische Revision”, “die das autonome rationale Subjekt der europäischen Aufklärung nicht mehr in den Mittelpunkt von Geschichte und Gesellschaft stellt”,  zweitens die Transformation des “uralten Prinzips der sozialen Organisation“, nämlich die Hierarchie vor allem der Macht und endlich drittens “die Transformation der Ordnung des Wissens”, die nicht mehr hierarchisch, sondern als “inklusiv[es], komplex[es] und offen[es]” Netzwerk zu betrachten sei (15ff). Das hört sich ungleich universaler, nicht allein dem digitalen Wandel geschuldet, damit fast zeitlos und translokal an, wiewohl wir derzeit gerade das Wiedererstarken brutaler, illegaler Macht und rückwärts gewandter territorialer Usurpation erleben, und auch die Information wird skrupellos in ihren Dienst genommen.

Unzählige aktuelle Sujets – von Tesla bis “Utopie ist überall”, von “Was die Soziologie von der Physik lernen kann” bis “verrückte Liebe”, von “Bauen, Wohnen, Denken in der Netzwerkgesellschaft” bis “Wenn Facebook eine Nation wäre” und viele andere – stehen erratisch auf dem Papier und werden in den diskursiven Blick genommen, ohne theoretischen Hintergrund, ohne kontextuelle Verknüpfung und  soziale Einordnung. Vielmehr kommen die Explikationen ganz unvermittelt daher, und die Leser*innen müssen sie selbst für sich einordnen und plausibilisieren: So wenn beispielsweise “Nachhaltigkeit” – sicherlich ein viel verwendetes und auch missbrauchtes Modewort – als “kein” oder gar als negativer “Wert” klassifiziert wird, weil Nachhaltigkeit angeblich auf der Systemtheorie basiere und gegen jegliche Systemveränderung agiere. Demgegenüber müsse Ökologie als Netzwerk betrachtet werden, das nach Veränderung verlangt (23ff). Durch solche verbale Rabulistik wird Nachhaltigkeit als Label und Auftrag gewiss nicht verschwinden. Oder wenn die rhetorische Frage gestellt wird, ob “Netzwerke tugendhaft” seien (91), und dies bejaht wird, weil Netzwerke Normen verfolgen, die sie tugendhaft machen. Soviel argumentative Zirkularität und zudem rekursive Subjektivierung eines technischen oder analytischen Konstrukts finden sich selten.

Auch wenn die beiden Autor*innen immer wieder kritische Relativität und sophistische Reflexivität hervorkehren, überwiegt doch bei ihnen kaum gebrochen der Glaube an technische Rationalität und an den Gewinn digitalen Fortschritts, ob in der Medizin und Gesundheitsvorsorge, im Verkehr und in der Industrieproduktion, in der Öffentlichkeit und bei den Medien, in der Politik und Gesellschaft. “Was werden die KIs, also die soziotechnischen Netzwerke, die unsere Existenz konstituieren werden, in zweihundert Jahren zu all dem [– gemeint ist zum fortwährenden Ringen um angemessene Bildung und gelingende pädagogische Einrichtungen wie Schule – ] sagen”, fragen sich die beiden Autor*innen im Essay “Zurück zur Schule” (215) wieder einmal rhetorisch. Wohlgemerkt nicht die Menschen, sondern die künstlichen Intelligenzen, “die unsere Existenz konstituieren werden”, kommentieren die künftige Realität. Und das steht nicht in einem Science-Fiction-Roman, sondern in einem als seriös und ernst genommen werden wollenden Reader!

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