Michael Seemann: Die Macht der Plattformen

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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

Am Anfang, 1999/2000, war Napster, der Filesharing-Dienst, der frei verfügbare Songs im Internet einsammelte und für User*innen bis zu seinem per Gericht entschiedenen Ende 2001 verfügbar stellte. Zu ihm kehrt der medien- und kulturwissenschaftliche Autor Michael Seemann in dieser ursprünglich als Dissertation an der Universität Tübingen eingereichten, umfangreichen Arbeit immer wieder zurück, weil Napster auf dem heute gängigen P2P-Prinzip beruhte und damit als exemplarischer Pionier schon wie “eine Plattform” fungierte, “bevor man den Begriff dafür gebrauchte” (19). Gewissermaßen ist Napster die “Linse” (8), in der sich die Geschichte und die hier vorgelegte(n) Theorie(n) der Plattformen fokussiert, eine Darstellung, die mit vielen kulturgeschichtlichen Anleihen und Analogien operiert, eine Fälle von Details, Anekdoten, aber auch von theoretischen Paradigmen aufbietet, manche Um- und Abwege durch die Innovations- und Technologiegeschichte nicht scheut, aber dadurch insgesamt ein faszinierendes, enorm detailreiches und zugleich anschauliches Tableau der heute so mächtigen Plattformen entwickelt, wie es seinesgleichen sucht – aber auch den Leser*innen einiges abverlangt. In der Musikindustrie sind die Erben von Napster heute übrigens die Streaming-Dienste wie der schwedische Außenseiter Spotify, dem Seemann allerdings angesichts der übermächtigen Konkurrenz von Apple Music, Amazon und Google keine große Zukunft mehr prognostiziert, womit die im Zentrum stehende Machtanalyse avisiert ist und am Ende des Buches noch eindrücklich konkretisiert wird.

Diese wirtschaftliche, politische, kulturelle und selbstverständlich auch datenspezifische Macht beziehen die Plattformen zum einen daraus, dass sie inzwischen in alle Lebensbereiche eingedrungen sind und diese nach ihren digitalen Koordinaten ummodeln, und zum anderen, dass sie etwas völlig Neues verkörpern, zwar formal Unternehmen mit speziellen Geschäftsmodellen sind, aber zugleich ebenso regierungs-, also staatsähnlich, wie marktähnlich – “und eigentlich nichts davon” sind, was Seemann als “ein eigenständiges Strukturparadigma sozialer Organisation” (9) heuristisch kennzeichnet. Solches Suchen nach angemessenen Kategorien und adäquaten theoretischen Ausmessungen beherrscht das gesamte Buch, was man einerseits schätzen kann, da sich der Autor entgegen vielen anderen nicht mit wohlfeilen Begriffen zufrieden gibt, andererseits die Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Nachvollziehung der Leser*innen erheblich strapaziert (ein Sachregister wäre dafür hilfreich gewesen).

Schon im ersten Kapitel definiert Seemann Plattform entgegen dem üblichen Sprachgebrauch sehr weit und womöglich verwirrend, selbst Sprachen charakterisiert er so (65). Ferner bezeichnet er das Web als Plattform, die 2007 vom iPhone abgelöst wurde, und endlich unterscheidet er Schnittstellenplattformen (worunter einstmals auch Gleichstrom und Wechselstrom fallen) oder Interfaces von Protokollplattformen wie die Internetprotokolle oder den Browser Mozilla Firefox und von Dienstplattformen wie Social Media. Am Ende des Kapitels freilich merkt der Autor an, dass die drei Plattformarten selten in Reinform auftreten und sich wie bei allen Großen (z.B. Google, Facebook, Twitter) die Dienstplattform als dominante Variante durchgesetzt habe, in die Schnittstellen und Protokolle integriert sind. Als Funktionsweisen von Plattformen beschreibt er Koordination, aber auch (Vor)Selektionen, mithin im systemtheoretischen Sinne Reduktion von Komplexität und Erhöhung der Erwartungssicherheit, aber auch Standardisierung, Zwang, Hierarchie, Infrastruktur und automatische Konnektivität. Die Welt werde zu Google, paraphrasiert Seemann Luhmanns viel beschworene, aber irrige Medienthese (85). Aus diesen strukturellen Konditionen lässt sich eine Theorie der Plattformmacht konstruieren, die aus der Netzwerkmacht und tendenziell umfassenden, aber differenzierenden Kontrollregimen besteht.

Mit diesem theoretischen Gerüst analysiert nun Seemann Strategien und Aktivitäten der Plattformen, nämlich ihr Konkurrenzverhalten untereinander, das sich letztlich als Kampf um die Kontrolle der verschiedenen Netzwerkgraphen entpuppt. Als Graphen kennzeichnet er jene “unterliegende Architektur”, mit der eine Plattform konkrete Verbindungen mit einer Realität außerhalb der Plattform generiert (154). Genannt werden ganz simple, pragmatische Konstellationen wie “echte Musikleidenschaften, bedeutende Freundschaften, bedeutende Bedürfnisse, bedeutende Interessen, bedeutende Orte, Wege und Leidenschaften” (ebd.).

Über sie muss eine Plattform jeweils das Monopol am Markt erringen, aber diese Monopole sind stets fragil und können umgehend zusammenbrechen: “Das ist es, was Mark Zuckerberg nachts nicht schlafen lässt”, raunt Seemann (158). Da Graphnahmen wie jede Landnahme eine Ordnung errichten, muss diese verteidigt und für sie muss Politik betrieben werden, die Seemann als Netzinnen-, als Netzaußen- und als Netzsicherheitspolitik unterscheidet. Sie bestimmen, wie die Plattformen in ihrem Inneren strukturiert sind und sich regulieren, etwa als Politik des Flaschenhalses und der Pfadentscheidung, wie sie nach außen agieren: untereinander, aber auch mit den Staaten, da sie nach Ansicht des Autors so etwas wie politische Entitäten sind, oftmals mächtiger und souveräner als die Staaten selbst und sich dadurch nur mittels diverser Aushandlungsprozesse arrangieren lassen, und endlich als spezielle Sicherheitspolitik, die eigene Sicherheitsfeatures für ihren Schutz entwickeln und implementieren. Aus all diesen Erkenntnissen folgt das womöglich ernüchternde Fazit: “Staaten und Gesellschaften sind heute auf vielerlei Arten abhängig von Infrastrukturen, Kontrollregimes und Sicherheitsgarantien, die nur mehr die Plattformen bieten können […]. Es kann keine Weltordnung ohne die Macht der Plattformen geben”, heißt es am Ende recht apodiktisch (273).

Das letzte Kapitel, als die “politische Ökonomie der Plattform” überschrieben, ist womöglich das wichtigste, in jedem Fall das brisanteste. Es nimmt sich die kursierende Bezeichnungen des aktuellen gesellschaftlichen Wandels vor, hier als “digitaler Postkapitalismus” versus “digitaler Hybridkapitalismus” apostrophiert. Der erste Theorieansatz sieht das kapitalistische Paradigma als zumindest teilweise für überwunden an, da sich die Produktionsverhältnisse so radikal verändert haben und weiterhin verändern. Der zweite attestiert der Digitalisierung eine so bahnbrechende Eskalation, dass der Kapitalismus eine grundsätzlich neue Form(ation) gewinnt – “auch wenn [die] Vertreter*innen sich nicht einig darüber sind, worin diese Eskalation besteht” (276): Wiederum geht Seemann ins Grundsätzliche und fragt sich zunächst, was den Kapitalismus ausmacht. Nämlich: (1.) eine “eigentumsbasierte Ordnung, die (2.) Produktionsverhältnisse ins Werk setzt, die ihre Produktivität aus Arbeit ziehen, und (3.) deren Zugriff auf Ressourcen weitestgehend durch den Markt gesteuert wird” (277).

Anhand dieser drei Kategorien analysiert er die diversen Konzepte des digitalen Kapitalismus, zeigt wiederum Entwicklungen, Errungenschaften, Defizite und theoretische Konzepte auf, bevor er ein eigenes Konzept auf der Basis seiner Plattformtheorie vorschlägt, das er “Interregnum” nennt. Beispielsweise kritisiert er Philipp Staabs Konzept der “proprietären Märkte” (siehe meine Rezension), immerhin die “präziseste Darstellung des komplizierten Verhältnisses zwischen Plattform und Markt” (303), es sei in zweifacher Hinsicht “irreführend”. Denn zum einen geschieht der “Großteil der Interaktionen auf Plattformen unter völliger Absehung von Preisen […] und damit ohne jede Form von echten oder simulierten Marktmechanismen”. Zum andern sei die Identifikation der Plattform mit dem Markt grundlegend falsch, denn Markt impliziere “immer eine Form von Neutralität, die die Plattformen ja gar nicht bieten” (303). Es sei dahingestellt, ob dies eine grundsätzliche, weiterführende Kontroverse oder nur eine terminologische Klauberei ist. Seemanns “Interregnum” positioniert sich – auch recht vorläufig – gemäß Gramsci als “Menge morbider Symptome” zwischen Altem und Neuem (305), wobei ihre Lebensdauer, Überlebensfähigkeit und Wandlungsoptionen offen bleiben. Denn am Ende präsentiert Seemann die fünf “Lebensphasen einer Plattform”, die zwangsläufig mit dem “Niedergang” enden, gewissermaßen dem “Abschiedsgeschenk des Kapitalismus an die politische Ökonomie der Plattformen” (334).

Nur noch als “Epilog” bietet der Autor nach einer “Plattformanalyse” von Spotify, ferner zehn Prognosen als “Ausblick” sowie schließlich Appelle “Was tun?”. Sie scheinen noch recht provisorisch, eher provozierend denn substantiell zu sein. Ausgangspunkt ist das apodiktische Urteil eines völligen “Scheiterns [der gesamten erfolgten Entwicklung] auf allen Ebenen” (371), des “Endes der staatlich organisierten repräsentativen Demokratie” (368), des liberalen Denkens und der Konzepte, Rechte gegen die Plattformen anzuwenden. Gleichwohl strebt Seemann Vorschläge an, “die darauf abzielen, Plattformmacht zu demokratisieren und einzuhegen” (372).

Wie diese Bestreben allerdings vorangebracht und gelingen soll, wenn es dafür keine demokratisch legitimierten Institutionen und Organisationen mehr gibt, und zwar gerade auf internationaler Ebene, auf der die Plattformen agieren, bleibt unbeantwortet. Allein auf zivilgesellschaftliches, meist un- oder schlecht organisiertes Engagement zu vertrauen, zumal oligopole Plattformen – wie er zuvor konstatiert – populistisch-autokratischen Regimen zuneigen, von ihm Dezentralisierung und autonome Koordination, Maßnahmen für effektiven Klimaschutz bis hin zu einer globalen Metawährung namens Carbon Coin zu erwarten, mutet doch recht illusorisch an und fällt gegenüber dem szientifischen Gewicht der aktuellen Plattformanalyse erheblich ab. Immerhin: hier gilt es analytisch-prognostisch nachzubessern und weiterzuentwickeln. Die theoretischen Grundlagen sind gegeben.

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Über das BuchMichael Seemann: Die Macht der Plattformen. Politik in Zeiten der Internetgiganten. Berlin [Ch. Links Verlag] 2021, 448 Seiten, 25,- EuroEmpfohlene ZitierweiseMichael Seemann: Die Macht der Plattformen. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 21. März 2022, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23149
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