Peter Welchering: Journalistische Praxis: Digitale Recherche

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Hektor Haarkötter

Einzelrezension

Der Journalist und Hochschuldozent Peter Welchering hat in der Reihe “Essentials” bei Springer VS einen Band zur digitalen Recherche veröffentlicht. Die Essentials dienen der kurzen Überblicksinformation, haben oft praktische oder pragmatische Themen zum Inhalt und haben den begrenzten Umfang einer Broschüre, der den konzentrierten Zugriff möglich machen soll. Gleichzeitig soll, so besagt es die verlagseigene Beschreibung, der “State-of-the-Art” in der gegenwärtigen Fachdiskussion widergespiegelt werden. Das ist ein hoher Anspruch, zumal wenn ein so umfassendes Thema wie die Digitale Recherche auf gerade mal 37 Seiten dargestellt werden soll. Diesen Anspruch gilt es zu überprüfen.

Was überhaupt unter “Digitaler Recherche” zu verstehen ist, wäre ja fast schon ein eigenes Thema für einen solchen Überblicksband. Zumal da im Untertitel dieses Essentials auch noch “Verifikation und Fact Checking” angeführt werden. Ist damit gemeint, dass „Digitale Recherche“ insbesondere aus den beiden letztgenannten Techniken besteht? Oder sollen auf den wenigen Seiten einerseits die Digitale Recherche und andererseits Verifikation und Fact Checking vorgeführt werden? Hier wäre eingangs ein bisschen definitorische Arbeit vonnöten. Aber mit Definitionen hält der Autor sich nicht lange auf. Er fällt direkt mit der Tür ins Haus und erzählt eine Recherche-Fallgeschichte, nämlich über die Recherchen zu den Beobachtungslisten, die der US-amerikanische Tech-Gigant Facebook über seine vermeintlichen Gegner geführt haben soll (vgl. 1 ff.). Das ist vielleicht auch der größte Trumpf dieses Buches: Dass hier ein lehrender Praktiker schreibt, der seine Erkenntnisse – oder neudeutsch “findings” – mit Erfahrungen aus dem journalistischen Alltag garnieren kann.

Auch der eigentliche Lehrbuchteil nach diesem Praxis- ors d’œuvre beginnt ziemlich holterdiepolter: Hinein ins pralle Rechercheleben führen Ausführungen über Twitter (vgl. 5 ff.). Ob die gesellschaftliche Bedeutung ausgerechnet dieses sozialen Netzwerks einer solchen Positionierung gerecht wird, das wird sogar vom Autor selbst in Zweifel gezogen, wenn er im gleichen Kapitel stattdessen das “Fediversum mit Mastodon” als Ort für “spannende Diskussionen” empfiehlt, weil ja auf Twitter ohnehin nur die Leute unterwegs sind, die “beruflich mit Kommunikation zu tun haben” (6).

Fedi-wer? Masto-was? Genau. Für Irritation sorgt auch, dass als nützliches Tool für Recherchen auf Facebook der “Facebook Graph” empfohlen wird. Denn dieser Dienst wurde von Facebook Ende des Jahres 2019 eingestellt. Für ein Buch, das im Jahr 2020 veröffentlicht wurde und das “state of the art” sein will, etwas, naja, unzeitgemäß.

Das folgende Kapitel widmet sich recht ausführlich den Recherchen im “Darknet” und im “Deep Web”. Dass in diesem Buch nicht genau definiert wird, was das eine und was das andere ist oder wie sie womöglich zusammenhängen, scheint Programm zu sein. Ein siebenseitiges Kapitel in einer Broschüre, die insgesamt nur 37 Seiten hat, gibt diesem Thema ein besonderes Gewicht. Das überrascht allerdings, denn der Autor notiert selbst in seinem Vorwort, dass der “Hype, der um das sogenannte ‘Darknet’ gemacht wird”, völlig übertrieben sei (p. VII). Fast mutet es ironisch an, wenn er bezogen auf dieses Darknet später schreibt: “Wer über die relevanten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ereignisse umfassend berichten will, kommt um Recherchen in diesen Netzwerken nicht herum” (12).

Ein Kapitel über den Umgang mit Suchmaschinen wird vergleichsweise kurz behandelt (vgl. 17-20), wiewohl der Autor selbst festhält, dass für viele Journalist*innen “die digitale Recherche mit dem Anwerfen einer Suchmaschine” gleichgesetzt wird (17). Vor allem der Platzhirsch Google kommt in Welcherings Buch nicht gut weg und wird entsprechend knapp abgehandelt, um nicht zu sagen: abgekanzelt. Damit nimmt sich der Autor jedoch die Chance, Leistungsfähigkeit und Grenzen digitaler Recherchen vorzuführen. Immerhin ist die indexbasierte Keyword-Suche auf Basis Boole’scher Operatoren das, was die Google-Gründer mit ihrer Suchmaschine überhaupt erst etabliert haben und was heute fast alle anderen General-Interest-Suchmaschinen imitieren. An Google ließe sich am besten zeigen, was auch alle anderen können – oder eben nicht, Stichwort: ‘end of keyword search’.

Stattdessen scheint für Peter Welchering eher die Manga- und Nerdplattform 4chan essentiell für digitale Recherchen zu sein und erhält entsprechend breiten Raum (vgl. 18 f.). Auch in diesem Kapitel wird dann noch einmal auf das “Darknet” und die dort verfügbaren Suchmaschinen rekurriert – für ein Netzwerk, das der Autor für überschätzt hält, eine idiosynkratische Entscheidung.

Breiteren Raum erhält das Thema “Analyse von Fotos und Videos” (vgl. 21-31), das der Autor unter “Verifikation” subsumiert. Hier werden eine größere Zahl an Webdiensten und Programmen aufgezählt, die hilfreich sein können, und auch einige ganz interessante “life hacks” vorgestellt, um Bildercheck für den Hausgebrauch vorzuführen. Ob die etwas umständlich erklärte “Einzelbildanalyse” (26) aber wirklich taugt, damit “einkopierte Frames oder Bilder sofort” auffallen, kann bezweifelt werden.

Im folgenden und letzten Kapitel widmet sich der Autor dann der “Faktenprüfung”, worunter er aber offenbar wiederum ausschließlich die Verifikation von Bilddateien und anderen digitalen Dokumenten versteht. Es wäre besser gewesen, dann von “Dokumentenprüfung” zu schreiben, denn ein Fakten-Check ist mit Sicherheit mehr als nur das. Hier verspricht dann auch der Titel dieses Essentials mehr, als er am Ende einhalten kann.

Dass Sätze abbrechen, um dann unverbunden und unvermittelt auf einer anderen Seite weiterzugehen (vgl. 13/14), oder dass ein und dieselbe Geschichte in zwei aufeinanderfolgenden Absätzen einfach wiederholt wird (vgl. 18) deutet darauf hin, dass dieser Band bei aller Schmalheit doch etwas mehr formale Akkuratesse verdient gehabt hätte. Und das muss man vielleicht auch über seinen Inhalt sagen.

Links:

Über das BuchPeter Welchering: Journalistische Praxis: Recherche. Reihe: Springer Essentials. Wiesband [Springer VS] 2020, 40 Seiten, 14,99 Euro.Empfohlene ZitierweisePeter Welchering: Journalistische Praxis: Digitale Recherche. von Haarkötter, Hektor in rezensionen:kommunikation:medien, 18. Oktober 2021, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23012
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Rezensent/in
Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Er veröffentlicht zu Onlinejournalismus, Medienethik und Öffentlichkeitstheorien. Zuletzt ist von ihm die Monographie Notizzettel. Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert erschienen (S. Fischer). Ehrenamtlich ist er geschäftsführender Vorsitzender der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V., die jährlich die Top Ten der Vergessenen Nachrichten recherchiert und veröffentlicht.