Christine Trültzsch-Wijnen, Gerhard Brandhofer (Hrsg.): Bildung und Digitalisierung

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

Diskutieren Pädagog*innen hinsichtlich der anhaltenden technischen und medialen Veränderungen gewissermaßen immer wieder dieselben Fragen und Probleme? Das fragen sich mit verblüffender Offenheit und unverstellter Selbstreflexion die beiden Herausgebenden, Lehrende der (Medien-)Pädagogik in Salzburg und Niederösterreich, in der Einleitung ihres Tagungsbandes, der im Kontext der Kongresses “EDU|days 2020” entstanden ist: Seit den 1990er Jahren geht es um “Medienkompetenz” in all ihren Facetten und Ansprüchen, nunmehr Digitalisierung, digitale Kompetenz oder gar digitale Bildung, um womöglich nach 20 Jahren rückblickend festzustellen, dass es ebenso eine modische Welle war. Der Band will und kann darauf keine Antwort geben, ebenso wenig wie er ein Lehrbuch oder Hilfestellung für Praktiker*innen ist. Vielmehr kommen Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen zu Wort, die “das Thema Bildung und Digitalisierung multiperspektivisch […] betrachten und wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit konkreten Beispiele und Berichten aus der medienpädagogischen Praxis […] verbinden” (8). Im Mittelpunkt stünden “globale, ökologische und soziale Herausforderungen” in Verbindung mit der anhaltenden Digitalisierung, deshalb auch das etwas hochtrabenden Thema “Digitale Medien im Anthropäzen” für die Tagung.

Konkret sind es – wie immer für Pädagog*innen – Fragen nach den Fähigkeiten und Fertigkeiten – hier nicht ganz korrekt auch als Kompetenzen und Performanzen bezeichnet –, die “Kinder, Jugendliche und schließlich auch Erwachsene benötigen, um sich einer zunehmend komplexen, digitalisierten Welt zurechtzufinden” (9). Dafür soll letztlich der Horizont über die engeren medienpädagogischen Perspektiven hinaus auf Lösungen anderer Themen wie der globalen und ökologischen Herausforderungen erweitert werden.

Da die 17 Beiträge nicht in inhaltliche Abschnitte gegliedert sind, müssen sie einzeln vorgestellt werden: Eingangs fragt sich A. Barberi nach einer Medienethik, die angesichts der anhaltenden Digitalisierung und Mediatisierung sowohl Lehrende als auch Lernende einbezieht. Den Diskurs über digitale Kompetenzen eröffnen C. Wiesner und C. Schreiner und diskutieren dafür das Konzept des Computational Thinking. G. Brandhofer u. a. schließen daran an und stellen diverse Kompetenzmodelle für die österreichische Bildungslandschaft vor. Die zweite Herausgeberin, C. Trültzsch-Wijnen, erweitert den Blick auf die so genannte Performanz und postuliert mit Bezug auf Bourdieus Feldtheorie eine stärkere Berücksichtigung medienbezogener Handlungspraxen. Diesen Fokus unterstützen C. Roth-Ebner und N. Duller, indem sie Medienperformanz als didaktisches Prinzip medienpädagogischer Praxis entwerfen.

Auf die Hochschulbildung konzentrieren sich M. Kerres u. a. und diskutieren Strategieoptionen digitaler Lehre. Diese Perspektive konkretisiert D. Otto mit dem Modell des Digital Storytelling als didaktische Methode. Und S. Gabriel schließt diesen Kreis mit ihrer Studie zur Informationskompetenz von Lehramtsstudierenden in Österreich.

Ein praktisches Schulprojekt mit dem Titel “Natur als (digitaler) Lernraum im Anthropozän” stellen C. Sippl und K. Tengler vor, in dem sich Schüler*innen mittels digitaler Medien mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. N. Grünberger kümmert sich um das Verhältnis von Klimaschutz und Digitalisierung und prüft den Stellenwert der Nachhaltigkeit in der Medienpädagogik. Wie Eltern und Lehrer*innen in der Primarstufe mit der Covid-19 Pandemie umgehen, erfragten K. Tengler u.a. und prüfen daraufhin Chancen und Herausforderungen des distance learning in dieser Stufe. T. Nárosy und E. Szalai untersuchen die Herausforderungen der Digitalisierung für das Berufsleben und des lebenslangen Lernens und prüfen, ob die allgemeine Schulbildung dafür genügend Grundlagen schafft.

Ein aktuelles Forschungsprojekt zur Bedeutung von Blockchain-Technologien im Bildungssektor stellen A. Pfeiffer und T. Wernbacher vor. Danach präsentieren M. Ebner u.a. zwei praktische Beispiele von Learning Analytics für die Schule und prüfen die damit verbundenen Anforderungen für Lehrer*innen. Abstrakter noch beschreibt P. Micheuz, welche Rolle und Funktion künstliche Intelligenz als Thema wie als Methode (maschinelles Lernen) im Schulunterricht haben könnte.  

Wie Coding und Robotik in der Gesundheitserziehung in der Grundschule eingesetzt werden kann, zeigen M. Tetz und S. Gabriel an praktischen Unterrichtsbeispielen. Schließlich erkundet E. Höfler Herausforderungen und potentielle Risiken im Umgang mit Bildungsinfluencer*innen.

Sehr vielfältig und breit sind mithin die Themen zum einen gefasst, zum anderen auch recht speziell, mit Fachtermini gespickt, die sich nicht jedem/jeder unmittelbar erschließen. Der eingangs formulierten Grundfrage nach den erwünschten Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kinder, Jugendlichen und schließlich auch Erwachsenen für die Nutzung, möglicherweise auch für die weitere Entwicklung und Produktion digitaler Medien im unmittelbaren Kontext von Schule, aber auch darüber hinaus, stellen sich nur wenige Beiträge explizit, und die Antworten oder gar Lösungen fallen recht unterschiedlich und kasuistisch aus. Aber an einer überzeugenden, gründlichen Konzipierung solcher Lernziele oder Kompetenzen, die auf der Höhe der aktuellen Entwicklungen sind, gerade daran hapert es. So kann man dem Band nur das Prädikat einer allgemeinen “Momentaufnahme” (8) bescheinigen, wie sie die Herausgebenden eingangs selbst annoncieren, ohne den relevanten Zusatz, dass sie die zentralen drängenden Fragen der digitalen Bildung entscheidend und grundsätzlich voranbringt.

Links:

Über das BuchChristine Trültzsch-Wijnen, Gerhard Brandhofer (Hrsg.): Bildung und Digitalisierung. Auf der Suche nach Kompetenzen und Performanzen. Baden-Baden [Nomos] 2020, 330 Seiten, 69,- EuroEmpfohlene ZitierweiseChristine Trültzsch-Wijnen, Gerhard Brandhofer (Hrsg.): Bildung und Digitalisierung. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 10. Juni 2021, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/22837
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hrsg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013). Seit Okt. 2012 Mitherausgeber der Halbjahreszeitschrift Medien & Altern (München).