Michael Haller, Walter Hömberg (Hrsg.): „Ich lass mir den Mund nicht verbieten!“ Journalisten als Wegbereiter der Pressefreiheit und Demokratie

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

“Ich habe die Redefreiheit […] niemals als eine generelle Erlaubnis zum Fälschen verstanden, als Spielweise, wo aus eigener Machtvollkommenheit ohne Respekt vor den Tatsachen behauptet werden kann, was einem gerade gefällt” (24). Das ist keine zeitgenössische Mahnung aus der Ära von Fake News, Hate Speech und Echokammern, sondern sie stammt von Daniel Defoe, dem englischen Schriftsteller und Journalisten. Der Autor von Robinson Crusoe, schrieb dies 1712 zu Zeiten des Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714) anlässlich der Propagandalügen aller beteiligten Kriegsparteien.

Solchen Déja-Vu-Erkenntnissen und Wiederentdeckungen begegnet man mehrfach in der ‘Helden’-Galerie des Journalismus mit 60 Porträts seit dem 17. bis zum 20. Jahrhundert, die die beiden ehemaligen Journalismus-Dozenten Haller und Hömberg zusammengestellt und publiziert haben: Da ist der sächsische “hochgebildete Bauernsohn“ (55), Johann Gottfried Seume (1763-1810), der durch halb Europa und auch nach Amerika wanderte und seine präzis recherchierten Reisereportagen schrieb. James Gordon Bennett, der Gründer, Herausgeber und Chefredakteur des New York Herald, veröffentlichte 1836 erstmals ein Interview in seiner Zeitung und initiierte damit dieses neue journalistische Genre (vgl. 81f.). Die britische Journalistin Harriet Martineau (1802-1876) bestritt als eine der ersten Frauen ihren Lebensunterhalt mit regelmäßigen Artikeln (mitunter sechsmal die Woche) in den Londoner Daily News und wurde zusammen mit anderen Pionierinnen sogar von Königin Victoria beachtet. Der englische Journalist William Thomas Stead wollte in den 1880er Jahren die in London grassierende Kinderprostitution aufdecken und erfand dazu die Undercover-Recherche; in den USA war es die Journalistin Nellie Bly ein Jahrzehnt später, die sich mit riskanten Rollenspielen Zutritt zu einer Irrenanstalt verschaffte und damit die erste Undercover-Reporterin wurde.

Es gibt die Wiederentdeckung des amerikanischen Verlegers Samuel S. McClure mit seiner reformorientierte Zeitschrift McClure’s, an der auch Frauen wie die Journalistin Ida M. Tarbell mitarbeiteten. Er finanzierte aufwendige Recherchen und begründete damit die vorbildhafte Muckraking-Periode, die von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg die neuen Magazine in den USA prägten. Der Wiener Journalist Max Winter begab sich in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts als Obdachloser verkleidet in die Wiener Elendsmilieus und formte mit seinen etwa 1.500 akribisch recherchierten Reportagen die Sozialreportage. In Berlin gelangen der Sozialreporterin Maria Leitner ähnliche Rollenrecherchen in den einschlägigen Milieus, die sie 1928/29 in der Abendzeitung Tempo publizierte.

Die Fotografin Gerda Tapo schoss zusammen mit ihrem Lebensgefährten Robert Capa im spanischen Bürgerkrieg Frontfotos und starb dabei 1937. Die Journalistin Martha Giffhorn, die mit Ernest Hemingway verheiratet war, schilderte in den Kriegen des 20. Jahrhunderts (1937-1987) immer wieder die Perspektiven und das Leiden der Betroffenen – und bezeichnete sich selbstironisch als Kriegsgewinnlerin. Der französische Journalist Jacques Derogy deckte in den 1960er Jahren das brutale Vorgehen der Pariser Polizei gegen Algerier auf und begründete damit für die französischen Medien den investigativen Journalismus angelsächsischer Prägung.

Außer diesen meist vergessenen oder anders erinnerten Vorbildern des Journalismus sind markante Persönlichkeiten und Ereignisse dokumentiert: etwa Heinrich Heine, Georg Büchner, Karl Marx, Alexander Herzen, Émile Zola, Joseph Pulitzer, Paul Schlesinger, Egon Erwin Kisch, Carl von Ossietzky, Joseph Roth, Erich Salomon, Marion Dönhoff, Rudolf Augstein, Günter Gaus und als letzter Jürgen Leinemann, um nur einige zu nennen. Daneben sind pressegeschichtlich einflussreichen Entwicklungen und Vorfälle verzeichnet, wie etwa die Durchsetzung der Pressefreiheit in England, Frankreich und danach in Deutschland im 17. und 18.Jahrhundert, die Dreyfus-Affäre, der französische Journalismus in der Résistance, die “Stunde Null” nach dem zweiten Weltkrieg und der Kampf um den Nordwestdeutschen Rundfunk in Deutschland, die Spiegel- und die Watergate-Affäre, der Journalismus im polnischen Untergrund. Alle Beiträge werden zu Beginn des jeweiligen Jahrhunderts von den Herausgebern mit einem allgemein- und mediengeschichtlichen Überblick eingeleitet, so dass sie in einem historischen Kontext stehen. Begonnen hatte die Sammlung Michael Haller mit der Rubrik “Highlights” in seiner Medienzeitschrift Message, aus der überarbeitet und aktualisiert etwa ein Drittel der Beiträge stammt.

Insgesamt ist ein aufschlussreicher, spannender Band über fast vier Jahrhunderte beispielhaften Journalismus entstanden, deren Protagonisten es alle wert sind, erinnert zu werden und ihnen nachzueifern, gerade in den gegenwärtigen widrigen Zeiten des Journalismus. Ein anregendes Lesebuch, das man zur Erinnerung und Ermunterung immer wieder gern zur Hand nimmt. Leider fehlen ein paar einschlägige Literaturhinweise. Und zur Ergänzung könnte man sich vorstellen, auch eine ‘Heldengalerie’ jener Journalistinnen und Journalisten aufzustellen, die sich nicht so standhaft und furchtlos gegen Anfeindungen und Mängel der jeweiligen Verhältnisse gewehrt haben, sondern ihnen erlegen sind – etwa nach dem Motto: “Ich halte den Mund, wenn und weil es mir nützt.”  

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Über das BuchMichael Haller, Walter Hömberg (Hrsg.):»Ich lass mir den Mund nicht verbieten!«. Journalisten als Wegbereiter der Pressefreiheit und Demokratie. Stuttgart [Reclam] 2020, 286 Seiten, 24,- Euro.Empfohlene ZitierweiseMichael Haller, Walter Hömberg (Hrsg.): „Ich lass mir den Mund nicht verbieten!“ Journalisten als Wegbereiter der Pressefreiheit und Demokratie. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 26. Oktober 2020, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/22381
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013). Seit Okt. 2012 Mitherausgeber der Halbjahreszeitschrift Medien & Altern (München).