Michaela Pfadenhauer, Tilo Grenz (Hrsg.): De-Mediatisierung

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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension
Als “Megaprozess“ mindestens in den Industrienationen, wenn nicht auf der ganzen Welt – ähnlich der Globalisierung, Individualisierung oder Kommerzialisierung – thematisieren Friedrich Krotz und sein Bremer Kollege Andreas Hepp Mediatisierung seit 2001. Eine eigenständige, internationale Forschungsrichtung in den Sozialwissenschaften und damit weit über die Kommunikationswissenschaft hinaus sei um diesen Ansatz des medialen, kulturellen und sozialen Wandels entstanden, dem vielfach pauschal beigepflichtet oder der gar selbstverständlich erachtet wird, so die Initiatoren wiederholt. In Bremen förderte die DFG von 2010 bis 2016 den Forschungsschwerpunkt “Mediatisierte Welten“ mit etlichen Projekten.

Zwar betont Krotz gelegentlich, das solch umfassende Langzeitentwicklungen “nicht notwendig gleichartig, ungebrochen, kontinuierlich, linear und gleichgerichtet“ verlaufen; dennoch wird oft der Eindruck erweckt, dass Mediatisierung weitgehend in eine Richtung, zielbezogen und progressiv verläuft. Selten und eher arbiträr sind hingegen die titelgebenden “Diskontinuitäten, Non-Linearitäten und Ambivalenzen“ oder gar Gegenläufigkeiten, Widerstände, Umwege und Abbrüche bearbeitet worden, wie es historische Ansätze bei ihren Konzepten des gesellschaftlichen Wandels prinzipiell voraussetzen. Immerhin ist im Kontext dieser Forschungsbemühungen, aber weitgehend unbeachtet, ein Sammelband erschienen, der diese konträre Sicht, die so genannte “De-Mediatisierung“, ausdrücklich aufgreift. Er geht auf eine bereits im Juli 2015 an der Universität Wien ausgerichtete Tagung mit dem Titel “Antidotes. Tendenzen der De-Mediatisierung“ zurück, wird herausgegeben und eingeleitet von einer Soziologin und einem Soziologen, die dort lehren.

In ihrer Einleitung, in die wohl auch das Call-Paper zur Einwerbung von Beiträgen eingearbeitet ist, suchen die beiden Herausgebenden “De-Mediatisierung“ theoretisch-analytisch zu verorten: auf der generellen Ebene als spezifische Ausprägung “reflexiver Modernisierung“, wie sie U. Beck u.a. als “Verflechtung von Kontinuität und Bruch“, als “ambivaloxe Dialektik“ (12) von Widersprüchlichkeiten und unbestimmbaren Richtungen charakterisiert haben, bis hin zum subjektiven Handeln als “Sichwidersetzen“ gegen jüngste medientechnologische Innovationen oder schlicht als Nichtnutzen des Überangebots. Nur aus letzterem folgt die vorgeschlagene Definition, wonach “De-Mediatisierung“ […] solche Praktiken [umfasst], die eine Begrenzung von, als medientechnisch induziert identifizierten und problematisierten, Entgrenzungen intendieren, wenn diese mit Chancen der Institutionalisierung im Sinne zu beschreibender (Gegen-)Tendenzen einhergehen“ (10).

Diese vage und zudem recht kompliziert beschriebene Spannweite dürfte nicht nur die analytischen Ungenauigkeiten und Unschlüssigkeiten des ursprünglichen Mediatisierungskonzept widerspiegeln, vielmehr finden sie sich auch in den vierzehn versammelten Beiträgen ebenso wie den begrifflichen Beliebigkeiten der Medienbegriffe wieder. Zwar fordert Krotz in seinem einleitenden Beitrag ein klares brauchbares “Medienkonzept“ (28) und sieht es durch die beiden Parameter gesellschaftliche Organisation und/oder Unternehmen sowie durch technische wie ökonomische Bedingungen konstituiert, was insgesamt auf einen neuzeitlichen Medienbegriff hindeutet.

Wenn er indes wenige Seiten (vgl. 34) später auch Sprache dazuzählt und behauptet, “Menschsein [sei] ohne Medien nicht vorstellbar, weil Menschsein ohne symbolische Kommunikation nicht vorstellbar ist“, dann impliziert er einen universalen Medienbegriff wie McLuhan u.a., setzt implizit Mediatisierung mit Zivilisierung bzw. Humanentwicklung gleich und handelt sich weitere analytische Unwägbarkeiten und Probleme ein. Auch sie finden sich in den Beiträgen breit wieder, weshalb die Herausgebenden gleich eingangs auf die “eigenständigen Bestimmungen“ von “De-Mediatisierung“ und die “Heterogenität“ der Betrachtungen, geschuldet der jeweiligen Fachdisziplin, hinweisen (13).

Man könnte auch unverblümter urteilen, dass etliche sich mit dem Ansatz gar nicht befassen oder ihn nur für ihre eigene, weit abführende Argumentation nutzen. Und diejenigen Beiträge, die sich mit der De-Mediatisierung beschäftigen, tun es vorzugsweise auf der Ebene des subjektiven Handelns, unterstützt durch einige empirische Fallstudien, abstraktere Ansätze werden kaum gewagt.

Dennoch haben die Herausgebenden die Beiträge in vier explizit sich auf “De-Mediatisierung“ beziehende Abschnitte gegliedert: in den der “Ansätze“ und “alternativen Pfade“, der “Logiken“, der “Medien“, der “Taktiken“ und der “Zeitbezüge“ als Momente der Modernisierung. Zunächst deklassiert F. Krotz in seiner einleitenden Replik “De-Mediatisierung“ im Unterschied zu Mediatisierung als nur “persönliche oder organisatorische Haltung“, die nicht das Prädikat “Metaprozess“ bekommen kann, ohne allerdings dafür theoretische Bezüge oder gar empirische Belege aufzuzeigen.

Als “hybriden“ Prozess, da heutzutage Kommunikation und Technik miteinander verwoben sind, bezeichnen Th. Kron und L. Winter im nächsten Beitrag Mediatisierung und ordnen sie in ihre “‘fuzzy-logische‘ Perspektive“ ein. Recht allgemein beschäftigt sich J. van Loon mit Mechanismen und generalisierbaren Prinzipien der Vermittlung im zweiten Abschnitt, wie es ebenso M. Prisching mit Handlungsweisen (partieller) Distanzierung von der Online-Welt tut.

Der dritte Abschnitt enthält eher empirische, mehr oder weniger konkrete Beiträge zur Mediennutzung und -rezeption. R. Reichert beschäftigt sich mit massenmedial verbreiteten Gesichtsdarstellungen und wertet sie als symbolische Beispiele für ein “faciles Regime“. Unterschiedliche Arten von Computerspielen und Praktiken des Computerspielens untersucht B. Beil und macht dabei de-mediatisierende Tendenzen etwa in Street-Games und Game-Theater ausfindig. “Synthetische Situationen“ im Sinne Goffmans identifiziert W. Reichmann und entdeckt de-mediatisierte Handlungen im nationalen Schuldenmanagement. U. Göttlich u.a. rekonstruieren Veränderungsprozesse bei der Fernsehrezeption, etwa in der Nutzung des Second Screens.

Taktiken der De-Mediatisierung vor allem im Alltag versammeln die nächsten Beiträge. R. Hitzler entwickelt eine Handlungstypologie unter “Mediatisierungs“- und “e-Mediatisierungs“-Akteuren. Auch J. Reichertz konzentriert sich auf die subjektive, sogar persönliche Handlungsebene des Medienalltags und kritisiert die Mediatisierungsforschung für ihren einseitigen Blickwinkel. In einer launigen Selbstbeobachtung schildert er die Brüche und Ambivalenzen des Medienumgangs, die jede/r kennt. Mit dem Konzept der Nicht-Nutzung beschäftigt sich C. Roitisch und stellt ihm das der kommunikativen Grenzziehungen der Medienaneignung entgegen, das Ablehnen, Budgetieren und Unterscheiden umfasst. Phasen des Geschäftsmodells einer Blocking-App rekonstruiert H. Kirschner, und schließlich zeigt P. Eisewicht unterschiedliche Tendenzen beim Shopping auf, wo personale Dienste offenbar wieder stärker gefragt sind.

Wer sich mit gesellschaftlichem Wandel und Modernisierung aus grundsätzlich soziologischer Sicht befassen will und an gewichtigen Erkenntnissen der Dialektik von Progress und Limitierung, von Kontinuität und Widerspruch bei Zeit- und Gegenwartsdiagnosen interessiert ist, der sollte O. Dimbaths Beitrag im fünften Abschnitt spätestens nach dem von Krotz lesen. Dann erkennt man, wie Modernisierung- und Zivilisationsprozesse antithetisch gesehen werden (müssen). Danach ist A. Poferls Beitrag über die Berichterstattung von Not und Elend durch klassische Massenmedien etwas deplaziert, zumal sie die De-Mediatisierungs-Debatte auch nicht weiterbringt, sondern sich vorzugsweise um Erfahrungsmöglichkeiten in einer globalisierten und auch partiell mediatisierten Welt kümmert. Ihr berechtigtes Anliegen wäre besser im vierten Abschnitt aufgehoben gewesen.

Diese Differenzierungen zwischen unmittelbarer und mediatisierter Wirklichkeit weitertreibend, fallen einem auf Anhieb viele symptomatische Entwicklungen in Kultur, Kunst, Musik, in Lebensweise und Alltagsgestaltung ein, die sich bislang erfolgreich Mediatisierungstendenzen widersetzen, sich weitgehend unbeeinflusst daneben entwickeln oder auch von ihnen wieder gelöst haben. Man braucht nicht nur retrospektive und alternative Lebensweisen, exotische Nischen und eine sich nach wie vor gänzlich disparitär entwickelnde Welt betrachten, schon die überall diversitären Märkte bieten eine Fülle davon. Sie mindestens exemplarisch aufzuarbeiten, in ihren Abhängigkeiten wie in ihren Autonomien zu ergründen, wäre Forschungsbemühungen gewiss wert. Der vorliegende Band leistet dies nur als vage, fragmentierte Idee.

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Über das BuchMichaela Pfadenhauer, Tilo Grenz (Hrsg.): De-Mediatisierung. Diskontinuitäten, Non-Linearitäten und Ambivalenzen im Mediatisierungsprozess. Wiesbaden [Springer VS] 2017, 298 Seiten, 39,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseMichaela Pfadenhauer, Tilo Grenz (Hrsg.): De-Mediatisierung. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 10. Januar 2019, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21579
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013)