Roger Blum: Lautsprecher und Widersprecher

Einzelrezension
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Rezensiert von Indira Dupuis

Lautsprecher und WidersprecherEinzelrezension
Unter dem Titel Lautsprecher & Widersprecher ist die Ausarbeitung des pragmatischen Differenz-Ansatzes in Buchform von Roger Blum erschienen. Bereits seit 2005 hat Blum diesen unter dem einschlägigeren Titel “Bausteine zu einer Theorie der Mediensysteme” auf Tagungen und auch in der Zeitschrift der Schweizer Gesellschaft für Medien und Kommunikationswissenschaft vorgestellt. Er hat dadurch im deutschen Raum zur Diskussion in der vergleichenden Mediensystemforschung beigetragen, die sich nach der Publikation von Hallin & Mancinis Comparing Media Systems im Jahr 2004 entwickelte.

Sein Ansatz reiht sich in der Selektion von zu untersuchenden Mediensystemdimensionen für den Vergleich in die bisherige vergleichende Mediensystemtheorie ein. Er ergänzt bzw. komplementiert die vier von Hallin und Mancini ausgearbeiteten Dimensionen (Entwicklung des  Medienmarkts, Medienorientierung entlang der politischen Strömungen, Journalistische Professionalität, Eingriffe des Staats und Pressefreiheit) mit weiteren Kriterien. Auch Blum setzt hierbei voraus, dass das nationale politische System und seine Geschichte das Mediensystem vorrangig determinieren und diese entsprechend grundlegend betrachtet werden müssen, ohne beispielsweise mit Blick auf ökonomische Einflüsse oder Globalisierungstendenzen das Primat des politischen Systems in Frage zu stellen. Mit dem einleitenden Überblick über die verschiedenen Ansätze der vergleichenden Mediensystemtheorien, den kurzen Länderkapiteln sowie der Darstellung des eigenen Ansatzes hat das Buch nahezu Lehrbuchcharakter. Es eignet sich daher hervorragend für die Arbeit mit Studierenden, zumal es darüber hinaus in einem verständlichen Schreibstil gehalten ist.

Der pragmatische Differenz-Ansatz basiert auf einem Grundschema mit elf Parametern (historische Entwicklung, Regierungssystem, politische Kultur, Medienfreiheit, Staatskontrolle über die Massenmedien, Medienbesitz, Medienfinanzierung, politischer Parallelismus, Medienorientierung, Journalismuskultur und Professionalität des Journalismus; vgl. 295) in drei Ausprägungen (liberale, mittlere und regulierte Linie), die wiederum weitere Indikatoren beinhalten. Aus diesem Grundschema entwickelt Blum in der auch von Hallin und Mancini gewählten “pragmatischen”, d. h. die Länder nach den Indikatoren einordnenden Differenzierung, ein Mediensystemmodell mit sechs Typen: Dem liberalen Modell, dem Public-Service-, dem Klientel-, dem Schock-, dem Patrioten und dem Kommando-Modell. Anhand von Mediensystemen in 23 Ländern, die vorangehend kurz in Form eines allgemeinen Überblicks porträtiert sind, illustriert er zuletzt die Modelle und schließt mit einer Reflexion über die Schwächen des Ansatzes sowie die möglichen zukünftigen Veränderungen der Mediensysteme ab.

Gegenüber dem Überblickscharakter des Buches enttäuscht ein wenig die unübersichtliche Skalierung der Vergleichskriterien (Gewichtung der Ausprägungen der Dimensionen über das Punkteschema) bei der Beschreibung des eigenen Ansatzes. Damit geht leider eine methodische Ungenauigkeit bei der Einordnung der Länder unter die sechs idealtypisch entwickelten Mediensystemtypen einher. Außerdem sind die Kapitel zu den Untersuchungsländern in ihrem Detailreichtum zwar informativ, teilweise aber nicht fokussiert auf die Indikatoren, wie sie im theoretischen Ansatz beschrieben sind. Das gilt beispielsweise für den historischen Zeitraum, der beim Mediensystemvergleich in die Betrachtung einbezogen werden soll. Obwohl Blum diesen zwischen 1900 und heute legt, beschreibt er in den Länderstudien oftmals viel längere historische Abschnitte und geht bis ins Mittelalter oder noch frühere Epochen zurück. Neuere Entwicklungen, wie beispielsweise die rapiden Veränderungen des Pressemarkts oder der Medienrezeption, und die entsprechende Umorientierung der Kommunikatoren sowie die Regulierungsproblematik eines konvergenten Medienmarktes werden noch nicht berücksichtigt. Dennoch lässt sich das Buch ausgezeichnet einsetzen, um einen Überblick über die vergleichende Mediensystemforschung sowie die Entwicklung von nationalen Mediensystemen im 20. Jahrhundert zu gewinnen, auf dem basierend man aktuelle Themen bearbeiten kann.

Deutlich wird hier einmal mehr, dass die Umsetzung solch umfänglicher empirischer Arbeit und Theoriebildung am sinnvollsten in Forschungsverbünden geleistet werden kann, wie z. B. von Thomas Hanitzsch u. a. in der Worlds of Journalism Studie zu Journalismuskulturen oder auch durch Gemeinschaftspublikationen mehrerer Autoren, wie z. B. die Studie Media ownership and its impact on media independence and pluralism des Peace Instituts in Slowenien. Auf diesen Forschungsstrang innerhalb der vergleichenden Mediensystemforschung ist Blum bei seiner Publikation leider wenig eingegangen.

Literatur:

  • Hanitzsch, T., Hanusch, F., Mellado, C., Anikina, M., Berganza, R., Cangoz, I., Coman, M., Hamada, B., Hernandez, M. E., Karadjov, C. D., Moreira, S. V., Mwesige, P. G., Plaisance, P. L., Reich, Z., Seethaler, J., Skewes, E. A., Vardiansyah Noor, D., & Yuen, K. W. (2011). Mapping Journalism Cultures across Nations: A Comparative Study of 18 Countries. Journalism Studies, 12, 273-293.
  • Petković, Brankica; Londo, Ilda; Jusić, Tarik; Popova, Velislava; Malović, Stjepan; Šmíd, Milan et al. (Hg.) (2004): Media ownership and its impact on media independence and pluralism. [Albania, Bosnia and Herzegovina, Bulgaria, Croatia, Czech Republic, Estonia, Hungary, Kosovo/a, Latvia, Lithuania, Macedonia, Moldova, Montenegro, Poland, Romania, Serbia, Slovakia, Slovenia]. Ljubljana: Peace Institute, Institute for Contemporary Social and Political Studies.

Links:

Über das BuchRoger Blum: Lautsprecher und Widersprecher. Ein Ansatz zum Vergleich der Mediensysteme. Köln [Herbert von Halem] 2014, 444 Seiten, 32,- Euro.Empfohlene ZitierweiseRoger Blum: Lautsprecher und Widersprecher. von Dupuis, Indira in rezensionen:kommunikation:medien, 1. Juni 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18168
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Rezensent/in
Dr. Indira Dupuis vertritt derzeit den Lehrstuhl Mediensysteme im internationalen Vergleich am Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.