Julia Metag: Politische Kommunikation in lokalen und nationalen Öffentlichkeiten

Einzelrezension
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Rezensiert von Wiebke Möhring

Politische Kommunikation in lokalen und nationalen ÖffentlichkeitenEinzelrezension
Der Titel des Buches macht neugierig – gibt es die immer wieder in politischen Debatten bemühten Unterschiede bei der Nutzung und Verarbeitung von politischen Medieninhalten tatsächlich? Ausgangspunkt für die aufwändige und kenntnisreiche Untersuchung ist die Debatte um direktdemokratische Verfahren in Deutschland – diese sind auf der lokalen (kommunalen) Ebene möglich, mit Verweis auf Unterschiede bei lokalen und nationalen Entscheidungen auf der Bundesebene jedoch bisher nicht. Über die Einführung von bundesweiten Volksentscheidungen wird diskutiert.

Julia Metag nimmt in ihrer Dissertation an der Universität Münster die Argumente der Kritiker zum Anlass, sie aus Sicht der empirischen politischen Kommunikationsforschung zu untersuchen. Und dies gleich vorweg: Sie kann sie alle entkräften. Weder zeigen sich Bürger auf der Sachebene bei nationalen politischen Fragen weniger kompetent als bei lokalen, sie werden in ihrer Meinung nicht anders beeinflusst oder ‘manipuliert’, und im Hinblick auf das Partizipationspotenzial ist dies bei nationalen Volkentscheiden sogar größer als bei lokalen.

Die Arbeit geht insgesamt sehr sorgfältig und umfassend vor. Den Kern der theoretischen Basis bilden jeweils eigenständige Kapitel, die den aktuellen Kenntnisstand zu den drei Komplexen der politischen Meinungsbildung, politischer Sachkompetenz und politischer Beteiligung zusammenfassen. Sie zeigt, welcher Stellenwert und welche Argumentationsgrundlage im Hinblick auf diese drei Begrifflichkeiten in der aktuellen politischen Debatte vorherrschen und welche Befunde jeweils in lokalen und nationalen Öffentlichkeiten dazu vorliegen. Theoretisch geht die Arbeit bei der Prüfung der normativen Konzepte in Anlehnung an die drei von Peters & Weßler vorgestellten Operationalisierungen normativer Dimensionen im Sinne eines gradualistischen Modells vor; öffentlichkeitstheoretisch beruht sie auf der Mikroperspektive, da sie den Bürger und seine Kommunikations- und Meinungsbildungsprozesse in den Mittelpunkt stellt. Im Vergleich der lokalen und nationalen Öffentlichkeiten zeigt sich mit Blick auf die Akteursrollen des arenatheoretischen Öffentlichkeitsmodells von Gerhards und Neidhardt, dass bei Rezipienten Differenzen bei lokalen und nationalen Entscheidungen vermutet werden können – dies legt der bisherige Forschungstand nahe und entsprechend sind die der Arbeit zugrunde liegenden Forschungsfragen und -hypothesen auch aufgestellt. In die auch der Auswertung dienenden drei theoretischen Modelle (je eins pro abhängiger Variable Meinungsbildung, Kompetenz und Beteiligung) werden relevante Einflussgrößen integriert, im Einzelnen Kommunikationsmodi, Prädispositionen, politische Involvierung, Betroffenheit und die Art der Informationsverarbeitung.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht eine repräsentative Befragungsstudie mit n = 1.014 Befragten. In der Operationalisierung entscheidet sich Julia Metag für die Präsentation von realen Beispielen, d.h. sie untersucht reale politische Debatten und Entscheidungen um konkretes Informations- und Kommunikationsverhalten zu erfassen und nicht hypothetisches. Bei allen Schwierigkeiten, die sich aus dem Einsatz realer Fälle ergeben, ist diese Entscheidung mit Blick auf die gewonnenen Aussagen sinnvoll. Die Beispiele entstammen aus den Bereichen Verkehr, Finanzen und Energie. In insgesamt sechs Teilstudien werden den Stichproben jeweils entweder eine lokale oder ein nationale politische Entscheidung in standardisierten telefonischen Befragungen als Thema präsentiert. Aus dem Bereich Finanzen sind dies beispielsweise die mögliche bundesweite Einführung der PKW-Maut und der Bau eines Musikzentrums in Bochum, im Bereich der Energie der Atomausstieg Deutschlands als bundespolitische Entscheidung und der Bau eines Windparks in Vatterstellen als lokalpolitische (die Befragung fand im Spätherbst 2011 statt).

Was bleibt aus Sicht der Kommunikationswissenschaft von den Argumenten der Kritiker gegen die Einführung bundespolitischer Volksentscheidungen? Nicht viel. Julia Metag zeigt mit ihrer empirischen Arbeit, dass die Wirkungen auf die Meinungsbildung auf der Bundesebene nicht ausgeprägter sind als bei lokalpolitischen Entscheidungen. Insgesamt sind kaum Kommunikationswirkungen auszumachen, Meinungen sind eher geprägt durch themenspezifische und persönliche Prädispositionen. Der Befund, dass Meinungen insgesamt wenig durch Medien beeinflusst werden können, ist an dieser Stelle nicht nur aus der vergleichenden Perspektive interessant. Auch die themenspezifische Kompetenz und die potenzielle Partizipation sind keine Hindernisgründe. Mit Blick auf ihre gewählten Beispiele kann sie zeigen, dass Kompetenz und Partizipation bei bundespolitischen Entscheidungen höher sind als bei lokalpolitischen. Hier sind die Befragten also nicht wie angenommen weniger kompetent oder partizipationsbereit.

Die Ergebnisse sind relativ eindeutig und bieten aufgrund der nachvollziehbaren und hoch systematischen Auswertung und Darstellung einen spannenden Fundus zu den einzelnen Hypothesen und Forschungsfragen. Mit Blick auf die genutzten Medien und eingesetzten Medienrepertoires zeigt sich etwa, dass die Vielfalt an genutzten massenmedialen Quellen in lokalen Öffentlichkeiten kleiner ist als in nationalen, bestätigt wird hier die zentrale Stellung der Tageszeitung als lokales Informationsmedium, die, zumindest aus Sicht der Befragten, ihre Informationsqualitäten bei lokalpolitischen Entscheidungen nicht anders erfüllt als bei bundespolitischen: mittelmäßig. Gerade aus der Perspektive der lokalen Kommunikationsforschung werden also gängige und überlieferte Befunde aktualisiert und teilweise auch widerlegt. Das macht die Arbeit auch für Anschlussstudien, die sich nicht ausschließlich der politischen Kommunikation widmen, relevant und wird entsprechend zur Lektüre empfohlen.

Literatur:

  • Gerhards, J. & Neidhardt, F.: Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. Fragestellungen und Ansätze. In: S. Müller-Dohm & K. Neumann-Braun (Hrsg.), Öffentlichkeit, Kultur, Massenkommunikation (S. 31-89). Oldenbourg [BIS Verlag] 1991.
  • Neidhardt, J.: Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. In F. Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen (S. 7-41). Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994.
  • Peters, B. & Weßler, H.: Transnationale Öffentlichkeiten – analytische Dimensionen, normative Standards, sozialkulturelle Produktionsstrukturen. In K. Imhof, R. Blum, H. Bonfadelli & O. Jarren (Hrsg.), Demokratie in der Mediengesellschaft (S. 125-144). Wiesbaden [VS] 2006.

Links:

Über das BuchJulia Metag: Politische Kommunikation in lokalen und nationalen Öffentlichkeiten. Ein Vergleich der Rezeptions- und Meinungsbildungsprozesse. Reihe: Politische Kommunikation und demokratische Öffentlichkeit, Band 9. Baden-Baden [Nomos] 2014, 326 Seiten, 59,- Euro.Empfohlene ZitierweiseJulia Metag: Politische Kommunikation in lokalen und nationalen Öffentlichkeiten. von Möhring, Wiebke in rezensionen:kommunikation:medien, 18. April 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17511
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Rezensent/in
Wiebke Möhring Dr. Wiebke Möhring ist Professorin für für Öffentliche Kommunikation an der Hochschule Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Öffentliche Kommunikation, Methoden der empirischen Sozialforschung und ihre Anwendung, Lokalkommunikation.