Cornelia Mothes: Objektivität als professionelles Abgrenzungskriterium im Journalismus

Einzelrezension
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Rezensiert von Ines Engelmann

Objektivität als professionelles AbgtenzungskriteriumEinzelrezension
Der professionelle Journalismus ist im Zeitalter des Internets nicht mehr alleiniger Anbieter von Informationen. Stattdessen haben auch Bürger die Möglichkeit, sich aktiv im öffentlichen Diskurs einzubringen. Durch dieses erweiterte Informationsangebot gerät auch die gesellschaftliche Dienstleistungsfunktion des Journalismus ins Wanken, allein für die Vermittlung spezifischer Berichterstattungsinhalte verantwortlich zu sein. Aufrecht erhalten werden kann diese Funktion insbesondere dann, wenn sich Journalisten auf das grundlegende professionelle Kriterium der Objektivität verpflichten und sich damit von der zunehmenden Zahl der Laien-Kommunikatoren abgrenzen. Inwiefern sie diese Abgrenzung schaffen, damit beschäftigt sich die Monographie von Cornelia Mothes. Der Band basiert auf ihrer Dissertation und wurde 2012 am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden eingereicht.

Den Umgang mit der professionellen Objektivitätsnorm untersucht die Autorin auf drei Ebenen: (1) auf der inhaltlichen Ebene geht es um die Frage, wie stark sich Journalisten beim Umgang mit Informationen auf die Objektivitätsnorm verpflichten; (2) auf der beruflichen Ebene geht es darum, wie bewusst Journalisten diese Verpflichtung im professionellen Handeln reflektieren, und (3) auf der gesellschaftlichen Ebene darum, inwiefern Journalisten Verantwortung für die Einhaltung ihrer professionellen Objektivitätsnorm übernehmen (vgl. 20). Für den Vergleich journalistischen Handelns im Vergleich zum nicht-journalistischen Handeln im Zusammenhang mit der Objektivitätsnorm greift die Verfasserin auf eine experimentelle Online-Befragung zurück und untersucht journalistisches Handeln auf Individualebene. Ein solches Vorgehen wird in der Journalismusforschung zu Unrecht selten angewendet. Der Grund dafür dürfte sein, dass die Erforschung individuellen Handelns häufig als unzulänglich kritisiert wird, da journalistisches Handeln in organisatorischen und institutionellen Zusammenhängen stattfindet. Allerdings darf auch der  Journalismusforschung (und nicht nur die Rezeptions- und Wirkungsforschung) Relevanz für  psychologisch fundierte Fragestellungen zugestanden werden, da auch (kollektives) journalistisches Handeln noch genügend Spielraum für individuelles Handeln zulässt. Als theoretische Grundlage wird die Theorie der kognitiven Dissonanz gewählt. Obwohl diese Theorie bis in die 90er Jahre fast für tot erklärt wurde, begründet Mothes überzeugend, warum sie im Zeitalter des Internets wieder an Relevanz gewinnt bzw. gewonnen hat (Kap. 4.1).

Die Autorin diskutiert zunächst mehrere Objektivitätsbegriffe (Kap. 3), die am Resultat der Berichterstattung ansetzen. Demnach beruht die Objektivitätsnorm auf der erkenntnistheoretischen Prämisse, die Realität möglichst unbeeinflusst vom wahrnehmbaren Subjekt und dessen Interessen abbilden zu wollen, also die Wahrheit zu berichten oder richtig zu berichten. Inwieweit Ausgewogenheit als Aspekt von Objektivität (statt von Relevanz) verstanden werden kann (vgl. 54f.), hätte anhand der Dissertation von Christoph Neuberger in anderer Stoßrichtung und noch kritischer diskutiert werden können. Dennoch erkennt die Autorin, dass Objektivität als Berichterstattungsergebnis aufgrund erkenntnistheoretischer Probleme empirisch kaum erfasst werden kann. Deshalb legt sie einen methodischen Objektivitätsbegriff zugrunde und konzeptualisiert Objektivität im Sinne einer intersubjektiven Nachvollziehbarkeit als Prozess auf den drei oben genannten Ebenen (vgl. 67).

Schließlich werden die theoretischen Überlegungen experimentell umgesetzt. Entsprechend der genannten Untersuchungsebenen erfolgt die experimentelle Befragung in drei Phasen, die als Normanpassung, Normbewusstsein und Normbruch etikettiert werden. Über die drei Phasen hinweg werden über 400 Journalisten und ähnlich viele Nicht-Journalisten verglichen, und zwar mit dem Ziel herauszufinden, ob und inwieweit sich Journalisten durch die Anwendung des Objektivitätskriteriums von Nicht-Journalisten abgrenzen. Das Design kann insbesondere in der Journalismusforschung als sehr originell und innovativ gelten, da bisherige Aggregatdatenstudien zur journalistischen Objektivität durch eine psychologische Erklärung ergänzt wurden und damit auch einen Mehrwert zu bisherigen Studien liefern. Aber auch für die psychologische Dissonanzforschung kann die Studie wertvoll sein, da durch die Untersuchungsanordnung über mehrere Phasen hinweg der emotionale Dissonanzverlauf (Dissonanzaufbau und Dissonanzreduktion) empirisch gezeigt werden kann wie selten zuvor.

Insgesamt dürfte die Monographie für jeden nützlich sein, der sich mit partizipativem und/oder professionellen Journalismus beschäftigt oder im Bereich der Dissonanzforschung unterwegs ist, da die Arbeit (1) das Experiment mit Journalisten und Nicht-Journalisten in einen breiten deutschen und internationalen journalismustheoretischen Kontext einbettet, (2) die Theorie der kognitiven Dissonanz und ihre Entwicklungslinien sehr umfassend und kritisch diskutiert, (3) den psychologischen als auch kommunikationswissenschaftlichen Forschungsstand sehr gewissenhaft und strukturiert aufarbeitet und (4) dabei weit über 1000 zumeist internationale Quellen verarbeitet.

Literatur:

Christoph Neuberger: Journalismus als Problembearbeitung. Objektivität und Relevanz in der öffentlichen Kommunikation. Konstanz [UVK] 1996.

Links:

Über das BuchCornelia Mothes: Objektivität als professionelles Abgrenzungskriterium im Journalismus. Eine dissonanztheoretische Studie zum Informationsverhalten von Journalisten und Nicht-Journalisten. Reihe: Aktuell. Studien zum Journalismus, Band 7. Baden-Baden [Nomos] 2014, 424 Seiten, 69,- Euro.Empfohlene ZitierweiseCornelia Mothes: Objektivität als professionelles Abgrenzungskriterium im Journalismus. von Engelmann, Ines in rezensionen:kommunikation:medien, 29. Oktober 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17032
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Rezensent/in
Dr. Ines Engelmann vertritt die Professur für "Empirische Methoden der Kommunitionswissenschaft" an der Universität Jena. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Journalismus (Theorie, Qualität), Politische Kommunikation (Wahlkampfkommunikation), Öffentlichkeitstheorie und empirische Methoden.