Manuel Gervink, Robert Rabenalt (Hrsg): Filmmusik und Narration

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Theresa Briselat

Einzelrezension
Ob historischer Stummfilm oder aktueller Hollywood-Blockbuster – in kaum einem Film findet man sie nicht: die Filmmusik. Dass sie nicht allein dem Selbstzweck dient, sondern insbesondere mit Blick auf die dramatische Entwicklung als konstituierend aufgefasst werden kann, gilt als unbestritten (vgl. 13; s. u. a. auch Bullerjahn 2001). Doch wie wird Musik als narratives Mittel im Film wirksam und wie lassen sich derlei “Interaktionen, Korrespondenzen oder gar exklusive Erzählformen mit und durch Musik realisieren bzw. analysieren“ (7)? An diese Fragen knüpft der Tagungsband Filmmusik und Narration – Über Musik im filmischen Erzählen an, der im Rahmen des gleichnamigen Symposiums auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung im September 2013 entstanden ist.

Mit dem Ziel, neue Tendenzen der Filmmusikforschung aufzuzeigen (vgl. 7), versammeln die Herausgeber Manuel Gervink und Robert Rabenalt – abzüglich eines knapp gehaltenen Vorworts bzw. eines einführenden Beitrags – insgesamt elf Aufsätze aus Musik- und Medienwissenschaft, die das bislang noch wenig beforschte Verhältnis von Filmmusik und Narration genauer unter die Lupe nehmen. Dabei zeichnen sich die Beiträge vor allem in formell-gestalterischer Hinsicht durch eine große Heterogenität aus, was dem Inhalt zwar kaum Abbruch tut, herausgeberisch allerdings durchaus besser hätte gelöst werden können.

Auch auf struktureller und inhaltlicher Ebene ist der Sammelband eher heterogen: Bis zuletzt erschließt sich dem Leser bzw. der Leserin nicht recht, welcher Logik die Reihenfolge der einzelnen Beiträge im Sammelband folgt. Gewinnbringend wäre es hier gewesen, hätten Gervink und Rabenalt die von ihnen nicht weiter spezifizierten Schnittmengen, die sie zwischen den Beiträgen sehen (vgl. 7), in der Einleitung argumentativ ausgeführt. Andernfalls werden diese für den Leser bzw. die Leserin nur durch die Lektüre des gesamten Sammelbandes evident.

Ein Großteil der Beiträge ist im theoretischen Diskurs zur Anwendbarkeit existierender filmischer Theorien als Interpretationsmodelle für Filmmusik anzusiedeln. So nimmt Mitherausgeber Robert Rabenalt im zweiten Beitrag einige definitorische Arbeit vor, die er für die Untersuchung des Zusammenhangs von Filmmusik und Narration als bedeutend herausarbeitet (vgl. 36). Willem Strank bezieht sich im darauffolgenden Kapitel auf die Typologie der Transtextualität von Gerard Genette, deren Anwendbarkeit auf die Filmmusik er differenziert ausführt (vgl. 63) und Guido Heldt adaptiert folgend das Konzept der “Stimme“ für die Filmmusik und diskutiert, ob nicht die Filmmusik die Idee ebendieser übernehmen könne (vgl. 99). Zuletzt lässt sich dieser Kategorie die Ausführung des Medienwissenschaftler Hans J. Wulff zurechnen, der auf die suprasegmentale Funktion der Filmmusik eingeht und diese anhand zahlreicher filmpraktischer Beispiele erläutert (vgl. 179).

Einen zweiten Schwerpunkt des Sammelbandes bildet die Funktionsbeschreibung von Filmmusik für die Narration. In insgesamt vier Beiträgen wird Filmmusik dabei im Kern als grundlegend für die Narration diskutiert, indem sie die Strukturen des Films durch ihre syntaktische Funktion bestimmt (Josef Kloppenburg, vgl. 83) und die Erfassung von Sinnzusammenhängen ermöglicht (Wolfgang Thiel, vgl. 139). Weiterhin stellt Markus Bandur im sechsten Beitrag die Frage, ob es nicht die Musik ist, die den Film in eine stabile Form bringe und die die Narration erst ermögliche (vgl. 127), was sich – zumindest für den Stummfilm – mit den Befunden Panja Mückes deckt. Am Beispiel von Giuseppe Becces Musik zum Werk Tartüff erläutert sie, dass Filmmusik eine eigene Bedeutungsschicht vermittelt (vgl. 17).

Den dritten Schwerpunkt des Sammelbandes bilden die letzten beiden Beiträge, indem sie besondere Formen von Narration und Filmmusik beleuchten. So führt Claudia Bullerjahn unter Berücksichtigung einiger Genre-theoretischer Erläuterungen dezidiert aus, wie die Filmmusik die Narration im klassischen Western-Film vorantreiben kann (vgl. 205). Im Gegensatz dazu fokussiert Julia Heimerdinger die auditive Komponente des Bild-Ton-Kompositums und ergründet die Rolle der Elektroakustik für die Filmerzählung (vgl. 231).

Weniger in diesen Zusammenhang passt der Beitrag Federico Celestinis (vgl. 157), der keiner dieser o. g. Kategorien zugeordnet werden kann bzw. dessen Funktion im Gesamtkontext des Sammelbandes offen bleibt: Sehr differenziert und beispielhaft analysiert er den romanhaften Duktus innerhalb der ersten vier Symphonien Gustav Mahlers, lässt aber den Leser bzw. die Leserin über den Bezug zur Filmmusik im Unklaren.

Aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive – welche diese Rezension einnimmt – lassen die Beiträge einige definitorische bzw. die Begründung des analytischen Vorgehens betreffende Arbeit vermissen: Bis zuletzt bleibt bei vielen Beiträgen unklar, welches Verständnis von Narration zugrunde gelegt wurde. Hier wäre aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive beispielsweise eine Anknüpfung an die Arbeit von Früh und Frey (2014) zielführend.

Dennoch – und das muss trotz aller Kritik festgehalten werden – legen die Herausgeber einen Tagungsband vor, der seinem erklärten Ziel gerecht wird. Die verschiedenen Beiträge zeigen sowohl für Musik- als auch Medien- und Kommunikationswissenschaften neue Perspektiven und Denkrichtungen der Filmmusikforschung auf und beinhalten damit Potenzial für Anschlusskommunikation und weitere Analysen.

Literatur:

  • Bullerjahn, C.: Grundlagen der Wirkung von Filmmusik. Augsburg [Wißner-Verlag] 2001.
  • Früh, W.; F. Frey: Narration und Storytelling. Theorie und empirische Befunde. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2014.

Links:

Über das BuchManuel Gervink, Robert Rabenalt (Hrsg.): Filmmusik und Narration. Über Musik im filmischen Erzählen. Reihe: Dresdner Schriften zur Musik, Bd. 6. Bielefeld [tectum] 2017, 254 Seiten, 29,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseManuel Gervink, Robert Rabenalt (Hrsg): Filmmusik und Narration. von Briselat, Theresa in rezensionen:kommunikation:medien, 18. Juni 2018, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21276
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Rezensent/in
Theresa Briselat ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Schwerpunktmäßig befasst sie sich im Rahmen ihrer Promotion mit dem Einfluss von Filmmusik auf psychologische Rezeptionsphänomene.