Horst Pöttker, Aleksandr I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Jürg Häusermann

Einzelrezension
Russland und Deutschland waren nicht gerade die Wegbereiter der Moderne, und journalistische Medien entwickelten sich in beiden Ländern eher mühsam. Dennoch regte sich im 19. Jahrhundert journalistisches Bewusstsein. Diese These war Anlass zum Sammelband Mühen der Moderne. Verfasst von deutschsprachigen und russischen Publizistik-, Geschichts- und Literaturwissenschaftlern, widmen sich vierzehn Artikel dem publizistischen Schaffen von Schriftstellern aus Russland und Deutschland, die sonst vor allem für ihre literarischen Werke bekannt sind. Alle Beiträge sind sowohl auf Deutsch als auch auf Russisch enthalten.

Die ersten Spuren der Prinzipien eines modernen, staatsfernen Journalismus werden (von Gunter Reus) schon bei Heinrich von Kleist (1777-1811) entdeckt. Auch Georg Büchner (1813-1837) ist mit dem Hessischen Landboten ein “Vorreiter des modernen Prinzips Öffentlichkeit” (308), wie Horst Pöttker nachweist. Ludwig Börne (1786-1837) tritt im Beitrag von Frank Stern bereits als präzise recherchierender, kritischer Journalist auf, der durch sein Schreiben eine Öffentlichkeit mit “demokratischem Ethos” (84) schafft. Sogar Heinrich Heine (1797-1856) wird (von Horst Pöttker) – in bewusster Abgrenzung zu vielen früheren Interpretationen – als moderner Journalist dargestellt, der eher angelsächsischen Traditionen nahesteht.

Dass sich diese Fragestellung vor allem auf deutsche Autoren anwenden lässt, liegt zum einen darin, dass die Beiträger selbst in westlicher Publizistik verankert sind, zum anderen an der viel ungünstigeren Lage der Presse im zaristischen Russland, wo bis Mitte der 1860er-Jahre rigorose Zensurgesetze herrschten und nur eine private Zeitung die Erlaubnis hatte, politische, d.h., aus staatlichen Quellen stammende Nachrichten zu publizieren (McReynolds 2014: 20) – ganz abgesehen von der eklatant niedrigen Alphabetisierungsrate in den meisten Teilen des Landes. Über derartige Zusammenhänge erfährt der Leser zwar wenig; aber er bekommt ein plastisches Bild davon, dass Zensur und Strafgesetze kritischen russischen Autoren lange Zeit kaum andere Möglichkeiten boten, als zu satirischen und parodistischen Textsorten Zuflucht zu nehmen. Dies wird in Aleksandr I. Stan’kos Beitrag über Aleksandr Sergeevič Puškin (1799-1837) deutlich, ähnlich wie auch Boris I. Esin für Michail Evgrafovič Saltykov-Ščedrin (1826-1889) zeigt, dass die sprachlichen Verfahren des indirekten Ausdrucks (Ėzopov jazyk) unverzichtbar waren, um “die Schranken der Zensur zu umgehen” (464).

Anhand mehrerer Beiträge kann nachvollzogen werden, wie sich in beiden Ländern schriftstellerische und journalistische Tätigkeit allmählich ausdifferenzierten. Dabei kommen natürlich sehr verschiedene Ausprägungen der Berufsausübung zusammen. Es wird aber erkennbar (in den Beiträgen von Walter Hömberg, Bernd Füllner und Dorothee Krings), dass in Deutschland spätestens für Karl Gutzkow (1811-1878), Georg Weerth (1822-1856) und Theodor Fontane (1819-1898), in Russland (wie Alla G. Bespalova zeigt) mindestens für Vladimir Galaktionovič Korolenko (1853-1921) Journalist und Schriftsteller zwei verschiedene Berufe waren. Etwas isoliert findet sich in der Reihe Anton Pavlovič Čechov (1860-1904), der sein ganzes Leben als Arzt arbeitete und nicht als Journalist, obwohl er in seinen Erzählungen und im Tatsachenbericht (Die Insel Sachalin) mit präzisen Schilderungen sozialen Elends schockierte (aufgrund brutaler Erlebnisse in der Kindheit, wie Aleksandr I. Stan’ko erklärt).

Wechselbeziehungen zwischen Russland und dem Westen werden nur in einzelnen Artikeln sichtbar. Dazu gehört der Text von Ljudmila Petrovna Gromova über Aleksandr Ivanovič Gercen (1812-1870). Gromova zeichnet Gercen als Prototyp des liberalen Schriftstellers und Verlegers, der – seit 1847 emigriert – Positionen der Slawophilen und der Westler vertrat und bereit war, sich (z.B. mit seiner Parteinahme zugunsten Polens) in alle Nesseln zu setzen.

Der Einfluss deutscher Philosophie (Kant, Fichte, Schelling, Hegel) auf die russische Literatur und Publizistik des 19. Jahrhunderts wird anhand Fedor M. Dostojewskijs (1821-1881) thematisiert, der (nach Vadim N. Belopol’skij) sein Menschenbild zunächst in publizistischen Texten (nämlich in philosophischen und anthropologischen Aufsätzen) entwickelte. Ein Schlaglicht auf russisch-westlichen Austausch wirft die Rezeption von Lev Nikolaevič Tolstoj (1828-1910), den Ol’ga Lepilkina anhand der pädagogischen Zeitschrift Jasnaja Poljana präsentiert und dessen Streitschrift gegen die Todesstrafe (Ich kann nicht schweigen, 1908) in Russland stärker verbreitet wurde, nachdem man sie im Ausland weitherum abgedruckt hatte.

Es ist schade, dass die deutschsprachigen Autoren dieses Sammelbandes die Resonanz und die Parallelen ihrer Themen in Russland nicht wahrnehmen. Eine Chance hätte etwa Georg Weerth geboten, der als Hauptsymptom des öffentlichen Lebens im Deutschland nach 1848 die Langeweile diagnostizierte. Obwohl dies gleichzeitig für die russische Literatur ein zentrales Thema war, wird Russland nicht einmal erwähnt.

Uneinheitlich thematisiert werden die Perspektiven der Beiträger. Explizite Verweise auf spätere Verhältnisse vermisst man besonders in den russischen Artikeln. Die Lektüre lässt beinahe vergessen, dass die Reise, die mit Puškin und Gercen angetreten wurde, in einem Russland angekommen ist, in dem noch immer um Pressefreiheit gerungen wird, in dem kritische Redaktionen bedroht und Journalisten ermordet werden.

Nicht nur in dieser Hinsicht hätte ein stärkerer russisch-deutscher Austausch dem Buch gut getan. Querbezüge zur anderen Kultur, aber auch einfache Begriffserklärungen sind selten; zu vieles wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Unklarheiten, Ungereimtheiten und Übersetzungsfehler hätten durch ein sprach- und sachkundiges Lektorat vermieden werden können. Einige Teile der ins Deutsche übersetzten Artikel hätte ich nicht verstanden, wenn ich nicht auf das russische Original hätte zurückgreifen können. Wichtige russische Begriffe (fel’jeton, dualizm) werden widersprüchlich und zum Teil falsch übersetzt.

Manche deutsche Monstersätze sind im russischen Zieltext nicht sehr glücklich angekommen. Und der für das Buch zentrale deutsche Begriff “modern” wird von den russischen Übersetzern etwas zu oft als “zeitgenössisch” verstanden, was gerade in einem Buch, das sich der Moderne als Epoche widmet, nicht unbedingt gemeint ist. Ein gemeinsames Buch russischer und westdeutscher Autoren zustande zu bringen, ist für beide Seiten nicht einfach. Dennoch hätte es die Lesbarkeit verbessert, hätte man sich intensiver den Mühen des Redigierens unterworfen.

Trotz allem: Der vorliegende Sammelband lässt viele Autoren in neuem Licht sehen. Er regt dazu an, auch ihre publizistischen Texte in Augenschein zu nehmen und die Geschichte der Presse in den beiden Ländern, die sich im 19. Jahrhundert fern und nah zugleich waren, weiter zu erforschen.

Literatur:

  • McReynolds, Louise: The News Under Russia’s Old Regime The Development of a Mass- Circulation Press. Princeton [Princeton University Press] 2014.

Links:

Über das BuchHorst Pöttker, Aleksandr I. Stan'ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. Von Kleist bis Tschechow – Deutsche und russische Publizisten des 19. Jahrhunderts. Usilija ėpochi moderna: Ot Klejsta do Čechova. Publicisty Germanii i Rossii 19 veka. Reihe: Öffentlichkeit und Geschichte, Bd. 9. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, 550 Seiten, 34 Euro.Empfohlene ZitierweiseHorst Pöttker, Aleksandr I. Stan’ko (Hrsg.): Mühen der Moderne. von Häusermann, Jürg in rezensionen:kommunikation:medien, 23. Februar 2018, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21048
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Rezensent/in
Jürg Häusermann, Dr. phil., hat in Zürich und Moskau (UdSSR) Germanistik und Russistik studiert. Er hat als Radio- und Printjournalist gearbeitet und war von 1993 bis 2017 Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Neben journalistischen Lehrbüchern hat er u.a. Texte zur Mediensprache und Medienrhetorik publiziert.