Tobias Eberwein: Literarischer Journalismus

Einzelrezension
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Rezensiert von Gunter Reus

Literarischer JournalismusEinzelrezension
Wenn etwas in den vergangenen Jahren an den systemtheoretischen Arbeiten zum Journalismus nicht überzeugen konnte, dann war es die Verbannung des Subjekts aus dem journalistischen Geschehen. Allmählich jedoch bildet sich wieder ein Bewusstsein für Kreativität und Verantwortung des Einzelnen heraus. Auch Tobias Eberwein tritt in seiner Dortmunder Dissertation an, den Eigenwillen des Autors zu rehabilitieren. Und er tut es – das ist kühn – mit einem systemtheoretischen Ansatz.

Nun ist Eberwein kein Hardliner. Er nutzt kaum mehr als die Grundannahme des Luhmannschen Gedankengebäudes, die Gesellschaft gliedere sich in operativ selbstständige Systeme und Subsysteme auf, die sich aber untereinander austauschen und “strukturell gekoppelt” seien. Vor allem dieser Begriff ist für Eberwein wichtig, der den Kennzeichen einer zwischen Literatur und Journalismus changierenden Publizistik nachspürt: “Gekoppelt” wird hier gern und reichlich. Da bleiben eben doch Zweifel, ob das, was sich derart eng verkoppeln lässt, wirklich so autonome und “operativ geschlossene Sozialsysteme” (217) sein können und ob nicht das eine (Literatur) dem anderen (Journalismus) dialektisch und viel tiefer eingeschrieben ist, als es die bürokratischen Schemata der Systemtheorie darstellen können. Das mag sich wie der Auftakt zu einem Verriss lesen. Aber dazu besteht nicht der geringste Anlass. Im Gegenteil – die Arbeit von Tobias Eberwein ist, trotz aller Luhmann-Reverenzen, klar, anregend, erkenntnisreich.

Sie ist klar, weil sie in drei theoretischen Kapiteln elementare Fragen (Was ist Literatur? Was ist Journalismus? Was ist Literarischer Journalismus?) elegant, nachvollziehbar und ohne begriffliche Eindruckschinderei zu beantworten versteht. Sieht Eberwein in Journalismus die “Sammlung, Auswahl, Bearbeitung und Überprüfung aktueller Themen aus der Umwelt des Journalismussystems” (64), so erkennt er in Literatur die “Vervielfachung unterschiedlicher Wirklichkeitsmodelle“ (40). Das hätte man so oder so ähnlich sicher auch ohne Luhmann sagen und zum Beispiel Jean-Paul Sartres berühmten Essay “Was ist Literatur?“ heranziehen können.

Gleichwohl ist Eberweins Grundierung plausibel, vor allem wenn er nun die beiden Definitionen zusammenführt und Literarischen Journalismus als “Spezialfall” des Journalismus beschreibt, der “literarische Programme der Themensammlung, -selektion und -bearbeitung für journalistische Zwecke” einsetzt (95). Dies geschieht, so der Leitgedanke der Abhandlung, um den dominanten Informationsjournalismus positiv zu irritieren und in seinen Konventionen zu hinterfragen.

Anregend ist die Darstellung Eberweins, weil sie in weiteren fünf theoretischen Kapiteln Entwicklungslinien des Literarischen Journalismus seit dem 16. Jahrhundert skizziert. Gewiss ließe sich hier einiges noch ausmalen. Zu fragen wäre etwa, ob die These, Literarischer Journalismus sei seit der Professionalisierung des Berufs im 19. Jahrhundert eine oppositionelle, den Medienbetrieb bewusst provozierende Publizistik, nicht doch etwas zugespitzt ist. Die Feuilletons, die Victor Auburtin zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Berliner Tageblatt schrieb, waren keineswegs System-Provokation, sondern Teil einer medialen Verkaufsstrategie. Ihretwegen gingen viele Berliner zum Zeitungskiosk. Diese Texte gehörten dazu, als das andere Gesicht des Journalismus, so wie Unterhaltung im Journalismus von Anfang an eng neben seiner Informationsaufgabe stand. Und wenn Eberwein heutige “Gattungstransfers“ wie ein Dramolett oder ein fiktives Tagebuch als moderne “Darstellungsexperimente“ beschreibt (208), wäre ein Hinweis auf die Selbstverständlichkeit von Brief, Aphorismus oder fiktiven Interviews im Journalismus seit dem 18. Jahrhundert nicht verkehrt gewesen.

An anderen Stellen wiederum hätte Eberwein knapper bleiben können; so hält er sich allzu lange mit der Biographie Joseph Roths bis hin zu seiner Trunksucht auf (vgl. 127-129). Gleichwohl: Dieser historische Überblick über literarische Formen im deutschen Journalismus ist verdienstreich, belesen und gar nicht hoch genug einzuschätzen in einem Fach, dessen geschichtliches und ästhetisches Bewusstsein nach wie vor unterentwickelt ist.

Erkenntnisreich schließlich kann man die Dissertation Tobias Eberweins nennen, weil sie in ihrem Hauptteil zusammenträgt, wie namhafte “literarische Journalisten” von heute (etwa Marie-Luise Scherer, Helge Timmerberg oder Moritz von Uslar) ihre Tätigkeit und die Zukunft des Journalismus einschätzen. Denn dass der Literarische Journalismus seit etwa 1975 in Deutschland eine neue Blüte erfährt, ist eine der Hauptthesen dieses Buches. Um ihr nachzugehen, wertet der Verfasser zwölf Leitfadeninterviews und Hunderte von Textdokumenten aus. Was die Befragten zu ihrem Selbstverständnis, ihren Vorbildern, ihren Arbeitsbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten sagen, ist zwar nicht homogen. Dennoch folgt man Eberweins Schlussfolgerung gern, dass ein entschleunigter Erzähljournalismus heute “nicht mehr ausschließlich als ‘alternatives’ Berichterstattungsmuster gelten kann” (220). Dem konventionellen Nachrichtenjournalismus sei er “in vielen Medien – zumal in der Wochenpresse – […] längst ebenbürtig oder mitunter sogar überlegen” (221).

Dass es “künftig immer schwieriger werden wird, Literarischen Journalismus als eigenständiges Subsystem von anderen Formen journalistischer Kommunikation zu unterscheiden” (221), ist ein Problem, das wir gern den Systemtheoretikern überlassen. Aber dass er gerade im Online-Zeitalter dazu beitragen könnte, Druckmedien “eine neue Wertschätzung“ (220) zu verschaffen – diese Hoffnung machen wir uns gern zu eigen.

Links:

Über das BuchTobias Eberwein: Literarischer Journalismus. Theorie – Traditionen – Gegenwart. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2013, 280 Seiten, 28,50 EuroEmpfohlene ZitierweiseTobias Eberwein: Literarischer Journalismus. von Reus, Gunter in rezensionen:kommunikation:medien, 22. August 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16811
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Rezensent/in
Gunter ReusDr. Gunter Reus (geboren 1950) ist außerplanmäßiger Professor für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Nach Studium (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte) und Promotion in Mainz lehrte er fünf Jahre in Frankreich als DAAD-Lektor an der Universität Lille. Reus war als freier Journalist für die Allgemeine Zeitung und den Südwestfunk in Mainz tätig. Nach einem Volontariat arbeitete er als Redakteur der Taunus Zeitung Bad Homburg und der Frankfurter Neue Presse, bevor er zur Journalistenausbildung in die Hochschule zurückkehrte. Die Schwerpunkte seiner Lehre und seiner Veröffentlichungen liegen auf den Gebieten Kulturjournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus@ijk.hmtm-hannover.de