Lorenz Matzat: Datenjournalismus. Methode einer digitalen Welt

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Holger Müller

Einzelrezension
Quo vadis? Wenn es um die Zukunft des Journalismus im digitalen Wandel geht, fallen in akademischen Beiträgen und Redaktionen häufig ähnliche Schlagworte: Crossmedia, Communities und Datenjournalismus. Jede dieser Herangehensweisen stellt für sich genommen eine Methode dar, das Internet als Plattform zu nutzen, um kurzfristig Aufmerksamkeit und langfristig Erlöse zu generieren. Vor den Erlösen steht allerdings zunächst der Aufwand, wie Lorenz Matzat exemplarisch in seinem Buch Datenjournalismus. Methode einer digitalen Welt zeigen möchte. Es ist bei UVK in der Reihe Praktischer Journalismus erschienen.

Für Beobachter der Entwicklungen im digitalen Journalismus ist Lorenz Matzat kein Unbekannter: Er war Mitgründer der Agentur OpenDataCity, die in Zusammenarbeit mit Medienhäusern datenjournalistische Projekte umsetzt. Zu diesen gehörte unter anderem „Verräterisches Handy“, eine Auswertung der Telekom-Vorratsdaten des Grünenpolitikers Malte Spitz für Zeit Online. Die Projektpartner wurden dafür 2011 mit dem Grimme Online Award, dem Lead Award und dem Award der Online-News-Association aus den USA ausgezeichnet. Nach seinem Ausscheiden bei OpenDataCity im Jahr 2013 konzentriert sich Matzat auf seine Softwarefirma Lokaler, die standortbezogene Dienste entwickelt. Zudem bloggt er auf datenjournalist.de über den titelgebenden ,data-driven-journalism‘ und interaktiven Journalismus.

Um am Punkt Interaktivität anzuknüpfen: Der große Vorteil eines Weblogs ist im Vergleich zu einem gedruckten Werk die Möglichkeit, auf Quellen oder weiterführende Informationen zu verlinken. Matzat versucht mit seinem Buch zum Datenjournalismus den Spagat zwischen Print und World Wide Web: Er beschränkt sich auf den knapp 100 Seiten auf das Wesentliche datenjournalistischer Arbeit; auf eine kurze „Einführung“ (S. 7-13) folgen die „Grundlagen des Datenjournalismus“ (S. 15-33), „Methodik“ (S. 35-65) und „Veröffentlichung“ (S. 67-92). Darüber hinaus verweist Matzat im Text mit insgesamt 64 Links auf Essays, Beispiele, Werkzeuge und Datensätze, die auf seiner Website auch gleich aufgerufen werden können. Daher empfiehlt sich eine Lektüre des Buches unbedingt vor dem PC oder Laptop.

Lorenz Matzat weist in seinem Blog darauf hin, sein Buch richte sich an Einsteiger und solle eine erste Orientierung bieten. So setzt sich die Einführung aus einer Seite Einleitung, zwei Seiten Begriffserklärung und einem ebenso kompakten geschichtlichen Überblick zusammen. Überraschend? Wer seinen Blog kennt, weiß: Matzat formuliert auf den Punkt. So erklärt er sein Verständnis von Datenjournalismus als Methode auch im Buch in wenigen Sätzen. Für ihn steht der Datensatz im Mittelpunkt des journalistischen Interesses (S. 9). Aufgabe der Datenjournalisten ist der „Zweischritt“ aus Datenarbeit (Daten erfassen, säubern und erforschen) und der journalistischen Aufbereitung – bevorzugt in Form einer interaktiven Visualisierung bzw. Anwendung (S. 10). Dieser Logik folgt nach einigen Begriffserklärungen auch der weitere Aufbau des Buches.

„Muss ein Journalist, der sich Daten widmet, Programmieren lernen (S. 31)?“ Diese rhetorische Frage beantwortet Matzat mit einem klaren Nein und dem Hinweis, Datenjournalismus sei Teamarbeit und Spezialisierung vonnöten (S. 31). Damit sich dieses Team in einem datenjournalistischen Projekt verständigen kann, braucht es trotzdem eine gemeinsame Sprache. Auch hier konzentriert sich der Autor auf das Wesentliche: Daten seien letztlich alles, was sich messen und zählen lässt (S.17), Struktur entsteht durch die Interpretation quantitativer Daten mithilfe statistischer Methoden (S.18-20), und der Informationsgehalt von Statistiken hängt von Anlässen sowie der grafischen Darstellung ab (S. 27-30).

Die wertvollsten Kapitel für Einsteiger in den datengetriebenen Journalismus sind jedoch die Ausführungen zur Datenarbeit (S. 40-65) und Datenaufbereitung (S. 68-91). Hier erhoffen sie sich Antworten auf grundlegende Fragen: Wie recherchiere ich meine Daten? Wo ist mein Datensatz nicht ganz schlüssig? Welche Methoden eignen sich, um die Daten aufzubereiten? Wie bereite ich mein Projekt für die finale Veröffentlichung vor? Matzat bleibt die Antworten auf diese Fragen zwar nicht schuldig, er begnügt sich aber damit, Lösungsmöglichkeiten und Beispiele aufzuzählen oder oberflächlich zu skizzieren. So führt er als Möglichkeit der Datenbeschaffung das so genannte „Scraping“ an. Dabei wird ein Computerprogramm dazu genutzt, die Daten auf einer Website automatisch „auszukratzen“ und in maschinenlesbarer Form zu speichern (S. 46). Ein konkretes Fallbeispiel, mit dem er das Scraping illustriert, fehlt. Stattdessen verweist er über einen Link auf Kursmaterial des National Institute for Computer-Assisted Reporting zum Thema „Web Scraping Without Programming“ – eine Sammlung von zehn Dateien. Dadurch kommt sich der Leser unweigerlich vor, als würde er von Pontius zu Pilatus geschickt, denn das vierseitige Handout beinhaltet wiederum knapp 30 weiterführende Links. Aus didaktischer Sicht liegt hier eine vertane Chance vor. Statt Methoden und Tools aufzulisten, hätte der Autor Datenarbeit und Datenaufbereitung besser an einem konkreten Beispiel erklärt, insbesondere um Aufwand und Arbeitsteilung in einem Team aufzuzeigen.

Laut Klappentext verspricht Matzat nicht, „aus dem Leser im Nullkommanichts einen Könner im Datenjournalismus zu machen.“ Es ist allerdings auch zu bezweifeln, ob seine Leserschaft durch das Buch zu Einsteigern in den datengetriebenen Journalismus wird. Matzat führt die wichtigsten Grundlagen, Arbeitsschritte und -techniken des Datenjournalismus auf, streift sie aber lediglich kursorisch. Mit diesem Ansatz setzt er auf ein gewisses Vorwissen beim Leser, wodurch er den eigenen Anspruch konterkariert. Im Layout fallen die raumgreifenden Zitate auf, die in Versalbuchstaben, weiß auf hellblauem Hintergrund, zum Teil fast eine Druckseite einnehmen (S. 41). Außerdem ist in der Druckvorlage der Beschnitt offensichtlich nicht berücksichtigt worden: Das Seitenregister wurde nach dem Druck abgeschnitten.

Links:

Über das BuchLorenz Matzat: Datenjournalismus. Methode einer digitalen Welt. Konstanz/München [UVK] 2016, 102 Seiten, 17,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseLorenz Matzat: Datenjournalismus. Methode einer digitalen Welt. von Müller, Holger in rezensionen:kommunikation:medien, 10. April 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19995
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Rezensent/in
Holger Müller (M.A.) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Fachstudienberater am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Dort leitet er zudem das Ausbildungsradio friedaFM. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Praktischer Journalismus und Journalismusforschung.