Jörg Requate (Hrsg.): Das 19. Jahrhundert als Mediengesellschaft

Einzelrezension
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Rezensiert von Gunter Reus

Einzelrezension
Der Titel ist sprachlich verunglückt – der Sammelband selbst aber durchaus ein Glücksfall für die Kommunikations- wie für die Medienwissenschaft. Für die Kommunikationswissenschaft, weil sie kulturelle Entwicklungslinien in ihrer Datenfixiertheit von sich aus nur selten nachzeichnen mag. In diesem Buch können Mediennutzungsforscher deshalb etwas lernen, zum Beispiel über die einst massenhaft verbreiteten Lichtbilder-Projektionen zur “sozialen Frage” (Ludwig Vogl-Bienek, Trier) oder das “Panorama als nationalen Erlebnisraum” nach 1870/71 (der Münsteraner Historiker Frank Becker). Für eher textanalytisch arbeitende Medienwissenschaftler wiederum ist dieses Buch ein Gewinn, weil es ihre Hermeneutik konsequent historisch (und damit empirisch) erdet.

Beide Richtungen des Faches können von der interkulturellen Ausrichtung des Bandes profitieren. Er dokumentiert Beiträge zu einer Tagung französischer und deutscher (Medien-)Historiker am Deutschen Historischen Institut in Paris. Das ist schon deshalb originell, weil beide Nationen “im Bereich der Mediengeschichtsschreibung nur relativ wenige Berührungspunkte haben” (12), wie Herausgeber Jörg Requate (Bielefeld) in seiner Einführung schreibt. Inhaltlich verfolgte die Tagung das Ziel, den Veränderungsprozess von Medien und Gesellschaft im 19. Jahrhundert, sprich ihre wechselseitige Durchdringung hin zur “Mediengesellschaft” nachzuzeichnen.

Dabei ist die Pespektive weniger vergleichend als parallelisierend. Wie so oft in Tagungsbänden laufen manche der deutsch- und französischsprachigen Beiträge dann auch nebeneinander her oder einfach nur mit. So wirkt das Kapitel zur “Presse als Medium gesellschaftlicher Selbstorganisation” eher bescheiden: Thorsten Gudewitz (Gießen) begreift die Schillerfeiern im Jubiläumsjahr 1859 als “mediale Konstituierung” eines “nationalen Festraums” und überhöht dabei die Rolle der Presse wohl doch etwas. Auch der Versuch von Alice Primi (Paris VIII), die Vorstöße einiger Frauen in den männerdominierten politischen Journalismus beiderseits des Rheins nachzuzeichnen, ist eher ein schwacher Beleg für die These der “Mediengesellschaft”.

Ausgesprochen erhellend dagegen die Beiträge von Anne-Claude Ambroise-Rendu, Philipp Müller und Frank Bösch. Ambroise-Rendu (Paris X) sieht das Vermischte (“faits divers”) in der Massenpresse des 19. Jahrhunderts in Frankreich als politisch-gesellschaftliches Regulativ, weil es ein Millionenpublikum zum Nachdenken über die “chose publique” zwang, zum Beispiel über Kindesmisshandlungen, Todesstrafe oder die Rolle der Frau. Parallel dazu zeigt Philipp Müller (London), wie die amüsierten Presseberichte über den Hauptmann von Köpenick in Deutschland ebenfalls zum Medium politischer Kritik wurden.

Der Gießener Professor für Fachjournalistik Frank Bösch schließlich rekonstruiert in seinem Aufsatz, wie sich gegen Ende des wilhelminischen Reiches Interessengruppen und Zeitungen bei der Konstruktion politischer Skandale gegenseitig instrumentalisierten: Meist wurden diese Skandale von Reichstagsabgeordneten lanciert, von der Parteipresse aufgegriffen und dann von der Massenpresse ausgeschlachtet. Solche Beispiele belegen in der Tat, dass sich die “Mediengesellschaft” schon vor dem 20. Jahrhundert auszubilden begann (warum die Aufsätze der deutschen Autoren Müller und Bösch in diesem Band auf Französisch erscheinen, bleibt freilich das Geheimnis des Herausgebers).

Ob man den Beginn der Mediengesellschaft nun wie Marie-Eve Thérenty (Montpellier III) mit eigenwilliger Akkuratesse auf das Jahr 1836 festlegen muss, das Jahr nämlich, in dem Emile de Girardin die Pariser Tageszeitung La Presse gründete, sei dahingestellt. Spannend aber ihr Hinweis darauf, wie Girardin die Zeitung zum Erzählmedium ausbaut, wie das Weltgeschehen in diesem Blatt journalistisch “fiktionalisiert” (24) wird, sei es durch die Zeitungsromane etwa eines Eugène Sue, sei es durch den Alltagsdiskurs der Nachrichten.

Auch Daniela Kneißl (DHI Paris) verweist in ihrem Beitrag über den republikanischen Père Gérard auf die Bedeutung der Fiktion im Journalismus (Einsatz fiktiver Korrespondenzen bei der Aufklärungsarbeit unter der bäuerlichen Bevölkerung) – eine Bedeutung, der sich die Kommunikationswisenschaft hierzulande immer noch nicht recht bewusst ist. Kneißls Beitrag erinnert darüber hinaus an die starke Rolle der Gesinnungspresse in Frankreich, ebenso wie Christian Delporte (Versailles-Saint-Quentin) in seinem Überblick über die “Société médiatique du XIXe siècle vue du XXe siècle”. Auch das dürfte manchem deutschen Leser neu sein, der den meinungsbetonten Journalismus bislang eher für eine Tradition östlich des Rheins gehalten hat.

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Über das BuchJörg Requate (Hrsg.): Das 19. Jahrhundert als Mediengesellschaft. Les médias au XIXe siècle. Reihe: Ateliers des Deutschen Historischen Instituts Paris, Band 4. München [Oldenbourg Verlag] 2009. 196 Seiten, 24,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseJörg Requate (Hrsg.): Das 19. Jahrhundert als Mediengesellschaft. von Reus, Gunter in rezensionen:kommunikation:medien, 20. Dezember 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/7038
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Rezensent/in
Dr. Gunter Reus (geboren 1950) ist außerplanmäßiger Professor für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Nach Studium (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte) und Promotion in Mainz lehrte er fünf Jahre in Frankreich als DAAD-Lektor an der Universität Lille.
Reus war als freier Journalist für die Allgemeine Zeitung und den Südwestfunk in Mainz tätig. Nach einem Volontariat arbeitete er als Redakteur der Taunus Zeitung Bad Homburg und der Frankfurter Neue Presse, bevor er zur Journalistenausbildung in die Hochschule zurückkehrte. Die Schwerpunkte seiner Lehre und seiner Veröffentlichungen liegen auf den Gebieten Kulturjournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus@ijk.hmtm-hannover.de